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Eine KI macht Jagd auf Ladendiebe
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Start-up

Diese Künstliche Intelligenz macht Jagd auf Ladendiebe

Eine KI macht Jagd auf Ladendiebe
Ladendiebstahl ist ein Dauerproblem im stationären Handel. Ein Start-up hat jetzt eine Technik-Lösung entwickelt, mit der man die Tricks der Langfinger durchschauen kann. Globus profitiert bereits davon.
von Etailment Redaktion Donnerstag, 11. Juli 2019
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Die Diebe kamen einmal, zweimal, dreimal - insgesamt siebenmal schlugen sie innerhalb von drei Monaten zu. Ein Schaden in fünfstelliger Höhe war entstanden, die Vorgehensweise immer gleich: Ein Einkaufswagen wurde vollbeladen - und danach einfach durch den offenen Eingangsbereich hinausgeschoben. Ohne zu bezahlen. Das war kinderleicht, denn auch dieser Globus-Markt hat keine Schranken mehr. Ein- und Ausgehen sollen barrierefrei und damit kundenfreundlich sein.


Wenn Silke Schönecker aus der Revisionsabteilung des saarländischen SB-Warenhausbetreibers davon am Dienstag auf der Bühne des Sicherheitskongresses des EHI Retail Institutes erzählt, läuft hinter ihr auf der Leinwand ein Video aus einer Überwachungskamera, in dem eindrucksvoll gezeigt wird, wie so ein Diebstahl abläuft. Zig Kunden schieben leere Einkaufswagen in eine Richtung, nämlich in den Globus-Markt. Nur einer fällt auf - weil er sich mit seinem Wagen gegen den Strom bewegt. Hinaus. In aller Ruhe. Noch ein paar Alibi-Blicke auf anderes Sortiment, man will ja unauffällig sein, dann gehts gemütlich dem Ausgang entgegen. Und weg ist er.
Start-up-Gründer Müller: Mit Künstlicher Intelligenz Diebe fangen
© Signatrix
Start-up-Gründer Müller: Mit Künstlicher Intelligenz Diebe fangen
Ein Vierteljahr und mehrere zehntausend Euro Schaden in drei Monaten allein in einer Filiale - rechnet man das auf das gesamte Globus-Netz von 47 SB-Warenhäusern hoch, kommt ein gewaltiger Schaden zusammen. So konnte es also nicht weitergehen.

Seit 2018 hat das Unternehmen den Dieben erfolgreich den Kampf angesagt - mit Künstlicher Intelligenz (KI). Zuerst in besagter Filiale, in der die Diebe siebenmal zuschlugen, und wo seitdem die Einkaufswagennummer nicht mehr zieht. Seit diesem Jahr werden in drei weiteren per KI Diebe ermittelt. Welche das sind, verrät Silke Schönecker nicht. Sie will die Gauner ja nicht warnen.
Globus setzt jetzt auf die Lösung eines Start-ups. Signatrix heißt das erst zwei Jahre alte Berliner Unternehmen, das mit seinem Angebot für den Einzelhandel bisher allein auf dem deutschen Markt ist, wie Gründer und Chef Philipp Müller sagt. Signatrix will KI und maschinelles Videoverständnis in die Filiale bringen, lautet der Firmenanspruch. Cartwatch heißt dabei das Produkt. Also "Einkaufswagenbeobachtung", mal ganz schlicht übersetzt.


Vereinfacht formuliert analysiert dieses "System" die üblichen Bilder von Überwachungskameras - und meldet Auffälligkeiten. Dafür wurde es mit zehntausenden Fotos von Einkaufswagen gefüttert, damit es lernt, wie diese sich normalerweise bewegen. Ist nun einer dabei, der das nicht tut, schlägt das System Alarm. "Innerhalb einer Sekunde", sagt Philipp Müller. Einer der Globus-Ladendetektive wird dann vom System blitzschnell per Push-Nachricht informiert über den Messengerdienst Telegram, der dafür auf seinem Dienst-Smartphone installiert worden ist - und kann sich auf die Verfolgung machen.
Warenschwund: Das sind die Verursacher
© EHI
Warenschwund: Das sind die Verursacher
Bisher lassen sich mit dem KI-System von Signatrix nur Einkaufswagen überwachen, doch das Start-up arbeitet daran, auch den "normalen" Ladendiebstahl aufzudecken, wie es Philipp Müller sagt. Es geht also um das Herausnehmen von Waren aus einem Regal. Auch hier wird das System mit Bildern trainiert - von Produkten und Bewegungen.
Alles in einer Box: Das bekommt man, wenn man die Signatrik-Lösung verwendet
© Signatrix
Alles in einer Box: Das bekommt man, wenn man die Signatrik-Lösung verwendet
Denn Bewegungsmuster von Ladendieben sind immer ähnlich. Das lässt sich auch mit natürlicher Intelligenz feststellen - man muss sich nur einmal damit beschäftigen, sich quasi ebenso programmieren wie eine Maschine programmiert wird. Rolf Geckle ist hier nimmermüder Programmierer. Der Hauptkommissar ist im Karlsruher Polizeipräsidium Leiter der "Koordinierungsstelle Ladendiebstahl und Leiter des Ermittlungsdienstes beim Polizeirevier", wie seine Abteilung heute sperrig heißt.

Vor ein paar Jahren hieß die Ermittlungsgruppe "Mascara", was griffiger und nah am Thema war, weil die Wimperntusche "Mascara" damals wie heute eine der beliebten Zielobjekte von Dieben ist. Geckle ist nicht nur Gaunern auf der Spur, er schult auch Händler in Diebstahl-Prävention. Und wer einmal in einem Video gesehen hat, wie sich ein Ladendieb verhält, hat seitdem einen anderen Blick auf Männer, die minutenlang vor den Regalen mit Damen-Kosmetik stehen.

Für klassische Handelsunternehmen ist Ladendiebstahl ein Dauerproblem, Onlinehändler, die sich jetzt auch auf die Fläche wagen, müssen sich hier möglicherweise erst noch einarbeiten. 4,3 Milliarden Euro betrug 2018 der Schaden infolge von sogenannten Inventurdifferenzen, wie das EHI in seiner alljährlichen Studie ermittelt hat. Das sind 5 Prozent mehr als 2017. Dafür wurden 95 Unternehmen mit insgesamt 22.551 Verkaufsstellen befragt. Für das Gros der Verluste (3,75 Milliarden Euro) steht der Diebstahl, davon rund 2,38 Milliarden Euro von Kunden. Eigene Mitarbeiter klauen für rund eine Milliarde Euro.

Hauptkommissar Geckle predigt seit Jahren für mehr und besser geschultes Personal auf der Fläche als beste Diebstahl-Prävention. Das ist angesichts der steigenden Gewaltbereitschaft unter den Gaunern (hier geht es vor allem um Banden und gewerbsmäßige Diebe), dringender denn je. Geckle spricht von mittlerweile 300 verletzten Handelsmitarbeitern im Jahr und appelliert an die Unternehmen, das Problem Gewaltbereitschaft "nicht auf dem Rücken der Mitarbeiter auszutragen".
Gute Nachricht: Die Zahl der schweren Ladendiebstähle ist rückläufig
© EHI
Gute Nachricht: Die Zahl der schweren Ladendiebstähle ist rückläufig
Vielleicht macht ihm ja eine Erkenntnis des EHI Hoffnung. Denn das Institut hat ermittelt, dass für die Unternehmen das Thema Personal ganz oben steht auf der Liste der Möglichkeiten für Diebstahl-Prävention. Es ist allerdings auch ein offenes Geheimnis, dass viele Händler längst einkalkuliert haben, regelmäßig beklaut zu werden. Man vergleicht die Höhe der Verluste mit den Kosten der Schutzmaßnahmen (Personal, Technik) und befindet - Prävention ist zu teuer. Lieber die paar T-Shirts oder Parfümfläschchen abschreiben.

Zumal es im Handel viele größere Renditekiller gibt, wie der EHI-Sicherheitsexperte Frank Horst sagt und damit Preisabschläge im Modehandel meint. Oder die nicht verkauften Lebensmittel in den Supermärkten, infolge dessen die Verluste viermal so hoch seien wie durch Ladendiebstahl. Die Gauner werden daher auch in Zukunft vielerorts leichtes Spiel haben.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf etailment.de
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