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Huawei macht sich bei der App Distribution selbständig
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Huawei macht sich bei der App Distribution selbständig
Nach der wegen Corona geplatzten Premiere auf dem Mobile World Congress in Barcelona hat Huawei nun seine neue Smartphone-Modellreihe P40 und andere Produkte Online vorgestellt. Vor allem Huaweis Software-Lösungen könnten für die großen amerikanischen Digitalkonzerne zum Problem werden. Denn um sich gegen die Sanktionen der US-Regierung abzusichern, pusht Huawei massiv seinen eigenen App-Store und eigene Streaming-Plattformen. Bei seiner App Gallery kann der chinesische Konzern schon erste Erfolge melden.
Bei seiner Online-Präsentation der neuen Modellgeneration setzte CEO Richard Yu betont auf versöhnliche und optimistische Signale. Das Motto der Veranstaltung war „Together 2020“ und speziell dem langjährigen Partner Google versprach er: „Wir wollen auch weiterhin mit Google kooperieren.“


Doch die Produktpolitik, die die Huawei Consumer Business Group auf dem Live Streaming präsentierte, weist in eine andere Richtung. Der chinesische Konzern bereitet sich systematisch auf eine Zukunft ohne Googles App-Plattform vor. Und startet dazu noch gleich eine ganze Bandbreite weiterer Services vom eigenen Sprachassistenten bis hin zu E-Mail-Plattformen und Streaming-Services, um sich dauerhaft unabhängig von den Produkten der amerikanischen Digitalriesen zu machen.

In diesem Wettbewerb versuchte sich auch Samsung schon, das für viele Software-Kategorien ebenfalls eigene Angebote entwickelt hat – beispielsweise den Sprachassistenten Bixby oder die Bezahlplattform Samsung Pay. Allerdings ist Huawei gezwungen, aufgrund der politischen Entwicklung eine auch bei den Nutzern akzeptierte Alternative zu entwickeln. Und so bewirbt Huawei derzeit seine neue App Gallery offensiv mit einer eigenen Kampagne und macht sie auch zum Qualitätssiegel im Launch-Spot der P40-Modellfamilie.


Yus Team wird in dieser Strategie auch durch den Wettbewerbsdruck getrieben. So meldete das Marktforschungsunternehmen Strategy Analystics, dass Smartphone-Hersteller Xiaomi im Februar Huawei als drittgrößter Smartphone-Lieferant der Welt ablösen konnte. Xiaomi lieferte 6 Millionen Produkte aus, während Huawei nur 5,5 Millionen Smartphones in den Handel brachte. Das ist zwar nur eine Momentaufnahme, zeigt aber anschaulich, dass Huawei anfälliger für die Risiken der internationalen Handelspolitik ist, da es anders als etwa Xiaomi als B-to-B-Lieferant für Netzwerktechnologie von anderen Regierungen als deutlich sicherheitsrelevanter gesehen wird.

Entsprechend bemüht ist Huawei, seinen neuen App-Shop als ernsthafte Alternative zu Googles Playstore zu präsentieren. „Die Huawei App Gallery ist der offizielle App Store für Huawei Smartphones und Tablets und bereits der drittgrößte App-Marktplatz der Welt,“ heißt es dazu vom Unternehmen. Aqngesichts des aktuellen faktischen Duopols von Google und Apple hält sich der Wert dieser Aussage eher in Grenzen. Immerhin sollen laut Unternehmen weltweit schon über 400 Millionen aktive Nutzer monatlich die App Gallery nutzen.

Die überwältigende Mehrheit dieser Nutzer wird zwar noch aus China kommen, aber Huawei hat den ganz klaren Anspruch auch international als ernsthafte Alternative wahrgenommen zu werden „Huaweis Ziel ist es, die App Gallery in Zusammenarbeit mit den weltweit innovativsten Entwicklern zu einer zukunftsweisenden, offenen App-Plattform zu machen, welche die Privatsphäre und die Sicherheit aller Benutzer gewährleistet und gleichzeitig ein einzigartiges Anwendererlebnis ermöglicht“, so das Unternehmen.

Dass das mehr als nur ein reines PR-Versprechen ist, zeigt ein Blick auf die aktuelle Produktpolitik. Huawei ist es schon gelungen mit Partnern wie Lufthansa, Amazon Shopping oder dem Game Fortnite große Markennamen für die App Gallery zu begeistern. Darüber hinaus will das Unternehmen mit den Quick Apps, dass Nutzungsmodell von Apps grundsätzlich weiterentwickeln. Quick Apps sind Anwendungen, die ohne Installation auf dem Smartphone als Cloud-Lösung funktionieren und so Systemressourcen des Geräts sparen.

Zusätzlich startet Huawei seinen Musik-Streamingdienst Huawei Music in Europa. Der neue Service soll zum monatlichen Abopreis von 9,99 Euro buchbar sein. Dazu kommt noch die  Videostreaming-Plattform Huawei Video, über die die Nutzer auf 50.000 Bewegtbild-Produktionen zugreifen können. Wann der eigene Sprachassistent Celia auch in Deutschland verfügbar sein wird, konnte das Unternehmen derzeit noch nicht benennen.

Die neuen Software-Lösungen sowie Huaweis wachsende Produktpalette an Smart-Wear und Smart-Home-Produkten zeigt ein massives Risiko für die amerikanische Digitalindustrie. Je länger Huawei als Bauernopfer in der handelspolitischen Auseinandersetzung um den G5-Ausbau zwischen den USA und China dienen muss, desto konkreter ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein eigenes chinesisches Ökosystem für Mobile-Web-Software entsteht, in dem westliche Anbieter keine Rolle mehr spielen und das international auch als vollwertiger Wettbewerber auftritt. cam
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