OMR-Ranking

Das sind die angesagtesten Köpfe im Digitalbusiness

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Sorgt immer wieder für Aufmerksamkeit: Das Ranking der Online Marketing Rockstars
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Sorgt immer wieder für Aufmerksamkeit: Das Ranking der Online Marketing Rockstars
Philipp Westermeyer und sein Team bei OMR bekommen ziemlich viel von dem mit, was in der Welt von Marketing und Medien gerade so läuft. Wer sind die wichtigen Player, wer die unentdeckten Talente, wer die kommenden Stars? Auch wenn das OMR-Festival und das dazugehörige gedruckte HORIZONT-Magazin in diesem Jahr ausfallen - das Top-50-Ranking gibt es trotzdem. HORIZONT präsentiert an dieser Stelle die Top 10!

1.

Tobias Lütke, Shopify

Tobias Lütke
© Shopify
Tobias Lütke
Die Tickets Hamburg−Ottawa waren fast gebucht. Nach wochenlangem Werben, Warten, Hoffen, Überzeugen hatte Tobias Lütke eingewilligt, Philipp Westermeyer zu sich in die Shopify-Zentrale einzuladen. Der 39 Jahre alte Gründer mit deutschen Wurzeln gilt als überaus öffentlichkeitsscheu. Umso mehr hatten wir uns gefreut, mit ihm sprechen und nicht nur über ihn schreiben zu können. Die große Reportage dieser Ausgabe von „Philipp“ hätte es werden sollen. Doch dann wurde die Reise wie so vieles gecancelt, das Treffen vertagt.


Der Zeitpunkt des Besuchs wäre extrem günstig gewesen. Covid-19 beschert Shopify einen Höhenflug. Die E-Commerce-Software ist das Tool der Stunde für viele, die bislang zurückhaltend waren, ihre Produkte online anzubieten. Denn Shopify bietet ihnen den schlüsselfertigen Einstieg. Die Kunden können sich mit der Plattform einen Shop samt Bezahlsystem bauen. Im Hintergrund sind Tools für Buchführung, Versandabwicklung und Marketing integriert. Mehr als eine Million Händler in nahezu jedem Land der Erde nutzen die Software nach Unternehmensangaben. In der Hauptsache kleine und mittelgroße Firmen, aber auch Konzerne wie Google und Tesla, die eine spezielle Großkundenversion einsetzen.

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Der globale Lockdown ist für ­Shopify eine gigantische Marketingkampagne. Die Firma nutzt das und lässt Neukunden das Tool 90 Tage lang gratis testen. Mit Erfolg: Zwischen 13. März und 24. April stieg die Zahl neuer Shops im Vergleich zu den sechs Wochen davor laut Shopify um 62 Prozent. Die Wette auf die große Zukunft von Shopify, das bereits 5000 Leute beschäftigt, aber noch keine schwarzen Zahlen schreibt, läuft. Der Jahresumsatz des kanadischen Unternehmens belief sich 2019 auf rund 1,6 Mrd. US-Dollar. Der Marktwert liegt bei knapp 75 Mrd. US-Dollar. Oder, wie es die Kollegen vom „Manager Magazin“ neulich zusammenaddiert hatten, „höher als der von BMW, Daimler und der Lufthansa zusammengenommen“.


Aussagekräftiger als der Abgleich mit gerade zum Teil kriselnden Unternehmen erscheint eine andere Vergleichsgröße: Amazon, der größte Profiteur der Corona-Krise. Seit Beginn der Pandemie hat der Konzern rund ein Viertel an Wert zugelegt und bringt es aktuell auf eine Marktkapitalisierung von 1,2 Billionen Dollar. Das entspricht zwar immer noch 16 Shopifys, doch die Kanadier wachsen rasant. Der Wert des Unternehmens hat sich durch Covid-19 ungefähr verdoppelt. Nicht schlecht für einen Laden, dessen Wurzeln in einem gescheiterten Snowboard-Shop liegen.

Shopify-Mitgründer Tobias Lütke ist der technische Mastermind. Seine Story ist die des autodidaktischen Nerds. Als Kind habe er so viel Zeit wie möglich am Computer verbracht, erzählte er vor Jahren mal einer kanadischen Zeitung. Schrieb Computerspiele selbst um, lötete am Rechner herum. Statt bis zum Abi­tur­ durchzuhalten, begann Tobias Lütke nach der zehnten Klasse eine Ausbildung. Siemens wollte damals Coder für die Programmiersprache Java heranziehen. Doch Lütke fühlte sich eingeengt. Nicht von der Ausbildung an sich, sondern von Java. Im selben Porträt über ihn heißt es: Wenn der Shopify-CEO von Software spricht, klinge es, als rede er über Musik. Lütke, ein Mozart des Codens, wenn man so will.

Er hat noch eine zweite Leidenschaft: Snowboarding. Die führte Lütke ins kanadische Whistler, wo er eine Frau kennenlernt, für die er mit 22 Jahren seine Heimat verließ. Zwei Jahre später lernte er auf einer Party Scott Lake kennen. Lütke, damals in einer Art Coding-Burn-out, suchte eine neue Aufgabe, und aus dem Party-Small Talk wurde der Plan, eine gemeinsame Firma zu starten.

Da Lütke für ihren Snowboard-Onlineshop Snowdevil keine Software fand, die seinen Ansprüchen genügte, setzte er sich doch wieder selbst an die Tastatur. Schnell wurde den beiden klar, dass Lütkes E-Commerce-Anwendung das Erfolg versprechendste Produkt ihres Start-ups war. Mit 200.000 von Friends and Family zusammengeborgten US-Dollar gründeten Lütke und Lake 2006 Shopify.

Lake hat das Unternehmen schon 2008 wieder verlassen. Der Bruch erfolgte über die Frage, ob sie Wagnis­kapital ins Unternehmen holen sollten. Aber Lütke wollte, damit Shopify schnell wachsen kann. Er setzte sich durch, wurde CEO – und schaffte sich in Monaten das nötige BWL-Wissen an. Mit Blick auf die bisherige Entwicklung von Shopify scheint das Lütke, der noch einen Minderheitsanteils an der Firma hält, ganz gut gelungen.

Ob auch das bislang größte strategische Investment ein Erfolg wird, muss sich zeigen. 2019 kündigte Shopify an, eine Mrd. US-Dollar in den Aufbau einer eigenen Lieferinfrastruktur zu stecken. Mit Robotern ausgestattete Lager und smarte Software, die tief in die Systeme von Shopify integriert ist, sollen den Händlern helfen, ihre Waren günstiger und schneller zu den Kunden zu bringen. Über künstliche Intelligenz werden etwa Lagerorte der Waren und vorzuhaltende Bestände optimiert. Das Shopify Fullfilment Network ist eine direkte Attacke auf Amazon. Schon vor Beginn der Corona-Krise prognostizierten Experten, die eigene Lieferinfrastruktur könne innerhalb von fünf Jahren dazu beitragen, den Marktanteil der Kanadier zu verdreifachen. Noch lange kein Grund, dass Jeff Bezos sich wegen Tobias Lütke Sorgen machen müsste. Aber vielleicht ein Anlass, einmal darüber nachzudenken, ab wann er es sollte.

2.

Die Macher in der Corona-Krise

Viele preisen die Helfer in der Corona-Krise gerade wie Heilige. Duyi Han hat ihnen sogar eine Kapelle errichtet - zumindest virtuell.
© Duyi Han/Doesn‘t Come Out
Viele preisen die Helfer in der Corona-Krise gerade wie Heilige. Duyi Han hat ihnen sogar eine Kapelle errichtet - zumindest virtuell.
Die freundlich-aufklärerische Figur Mr. Rogers ist in den USA so etwas wie hierzulande die Maus. Ihr Schöpfer, der TV-Moderator Fred Rogers, hat einmal erzählt: Immer wenn er als Kind etwas Beängstigendes im Fernsehen gesehen habe, meinte seine Mutter: „Look for the helpers“, also: richte deinen Blick auf die Helfer.

Als wir mit der Arbeit an diesem Ranking begonnen haben, waren wir ratlos: Kann man in dieser Zeit wirklich den Spot auf Online-Marketing-Macher richten? Denn uns ist klar, unsere Branche ist weit davon entfernt, systemrelevant zu sein. Und wir verspüren eine enorme Dankbarkeit gegenüber denen, die es sind (und unterstützen ausdrücklich ihre Forderung nach besserer Bezahlung).

Nun jedoch an dieser Stelle Krankenschwestern und Supermarktkassierer neben Online-Marketing-Machern aufzuführen, hätten wir als undankbar, unpassend und effekthascherisch empfunden. Wir wollen deswegen dafür an dieser Stelle „Mr. Rogers“ Ratschlag befolgen und auf die Helfer schauen: all jene aus unserer Branche, die anderen zur Seite gesprungen sind. Online-Marketing-Experten, die viel Zeit darin investiert haben, kleinen Ladeninhabern unentgeltlich zu erklären, wie E-Commerce und Online-Marketing funktioniert. Die für Unternehmen aus ihrer Region unentgeltlich Websites erstellt haben, auf denen diese beispielsweise Gutscheine verkaufen können, um sich finanziell wenigstens über Wasser halten zu können. Die aus eigener Tasche für die schnell aufgesetzten Lieferdienste von Restaurants Facebook- und Instagram-Anzeigen geschaltet und teilweise selbst bezahlt haben.

Auch wenn sie nicht im gleichen Sinne lebensnotwendig sein mögen, prägen solche „random acts of kindness“ das Klima einer Gesellschaft – und deswegen sind auch wir von OMR für diese sehr dankbar.

3.

Loredana, Musikerin

Loredana
© Imago
Loredana
Als im Juni 2018 Loredana Zefi, „Deutschrapperin aus der Schweiz mit kosovarischer Staatsangehörigkeit“ (Wikipedia) und bis zu diesem Zeitpunkt nahezu unbekannt, einen YouTube-Kanal einrichtet, dort ihren Song „Sonnenbrille“ hochlädt und plötzlich Hunderttausende Views und Klicks bekommt, verstehen selbst die Checker von Vice nicht, was da gerade passiert: „Aus dem Nichts hat die Rapperin Loredana einen Hit, und wir sind verwirrt“, so die einstige Taste­maker-Hochburg. Wer aber einmal erkennt, wie strategisch und effektiv eine Marketingmaschinerie hinter den Kulissen für Loredanas Erfolg arbeitet, wundert sich nicht mehr. Loredana und ihr Team haben genau verstanden, wie Hip-Hop-Marketing im Jahr 2020 funktioniert: Über Social Media (Instagram und immer stärker auch TikTok) teasern Loredana, ihr Management Two Sides (siehe auch Platz 67) und ihr Label Groove Attack von Anfang an die Musik der Rapperin immer wieder so geschickt an, dass ihre Songs quasi schon ein Hit sind, wenn sie offiziell veröffentlicht werden – ähnlich wie bei Mero im letztjährigen OMR-50-Ranking. Die Früchte dieser Arbeit im Fall von Loredana: zweimal Platz 1 der deutschen Single Charts im Jahr 2019, viermal 2020, zuletzt im Duo mit Capital Bra. Aktuell ist die 24-Jährige als Testimonial von TikTok in einer groß angelegten TV-Kampagne im deutschsprachigen Raum zu sehen.

4.

Valentin Stalf und Maximilian Tayenthal, N26

Valentin Stalf
© N26
Valentin Stalf

Googles News-Suche liefert zum Stichwort „N26“ 133.000 Einträge – 5000 mehr als zu „OMR“. Nicht schlecht, bedenkt man, dass N26 drei Jahre jünger ist als OMR und keine Plattform, die sich mit diversen Facetten des Online-Marketings und verwandten Feldern befasst, sondern eben eine Online-Bank. Anders gesagt: kaum ein Tag ohne News vom Berliner Fintech. Auch wenn es neben Produkt-Releases zuletzt eher Bad News waren wie der Rückzug aus dem britischen Markt, Abgänge hochrangiger Mitarbeiter oder coronabedingte Kurzarbeit – der Name des Start-ups ist eine Art Tempo-Taschentuch der Fintech-Szene geworden. Allein dafür gebührt den Gründern des Start-ups, das zum Haushaltsnamen für Onlinebanking geworden ist, ein prominenter Platz in diesem Ranking.

Noch ein Grund: Die beiden Gründer Valentin Stalf (im Bild) und Maximilian Tayenthal – und viele aus dem N26-Führungskreis – spielen eine immer wichtigere Rolle als Investoren. Nicht nur in Fintechs. Aber gerade für junge Finanzunternehmen ist es ein Ritterschlag, jemanden von N26 im Investorenkreis zu haben.

5.

Felix Lobrecht und Tommi Schmitt, „Gemischtes Hack“

Felix Lobrecht und Tommi Schmitt, „Gemischtes Hack“
© Marvin Ruppert
Felix Lobrecht und Tommi Schmitt, „Gemischtes Hack“
Comedy-Veteranen erklären ihren beruflichen Abstieg derzeit gerne damit, dass man inzwischen­ ja über nichts mehr Witze machen könne, ohne anschließend von der  Political-Correctness-Mafia zerpflückt zu werden. Jeden Mittwoch – und seit Kurzem auch sonnabends – werden sie widerlegt. Denn dann geht eine neue Folge „Gemischtes Hack“ live, dem Laber-Podcast (im besten Sinne) von Felix Lobrecht und Tommi Schmitt.

Die beiden Millennials suhlen sich gerne im Klischee-Humor und schrecken vor kaum einem Minderheitenwitz zurück. Mit Alltagsbeobachtungen, Anekdoten aus dem eigenen Leben und reichlich Selbst­ironie wurde ­„Gemischtes Hack“ zu Deutschlands beliebtestem Podcast. Der Erfolg liegt wesentlich an der unwahrscheinlichen wie perfekten Paarung der beiden Hosts. Schmitt gibt den westdeutschen Provinzschnösel, Lobrecht den street-smarten Proll aus Berlin-Neukölln.

„Gemischtes Hack“ ist weniger intellektuell als „Fest & Flauschig“, der andere Laber-Podcast, den Spotify sich bei seiner Content-Shoppingtour im vergangenen Jahr einverleibt hat. Und womöglich genau darum die Mainstream-Comedy der Stunde – mit immensem Identifikationspotenzial. Getragen wird der Erfolg von „Gemischtes Hack“ von den „Hackies“, einer fanatischen Fan-Community. Und diese wissen die Macher zu nutzen: Lobrecht, der seine Tour absagen musste, startete neulich die YouTube-Show „Shutdown Fitness“. Im Trailer sagt er: Was er dort zeige, gebe es auf YouTube Tausende Male besser, „aber nur hier gibt es das mit uns“. Nach gerade einmal zwölf Stunden hatte der neue Kanal 12.000 Abonnenten.

6.

Jaroslaw Kutylowski, DeepL

Jaroslaw Kutylowski
© DeepL
Jaroslaw Kutylowski
Der Chef eines deutschen 70-Mitarbeiter-Start-ups, der sich brüstet, sein Tool sei zehnmal besser als das konkurrierende Google-Produkt, hat entweder ein sehr großes Ego – oder ein verdammt gutes Produkt. Im Fall von DeepL aus Köln schlägt das Pendel eindeutig in Richtung gutes Produkt. Inzwischen mache seine Software auf Basis selbst lernender neuronaler Netze bei der Übersetzung eines Artikels aus der „New York Times“ vom Englischen ins Deutsche nur noch ein bis zwei Fehler – oder auch keinen. Das sagte DeepL-Mitgründer und -CEO Jaroslaw Kutylow­ski vor ein paar Wochen gegenüber den Kollegen von „Gründerszene“. Und wenn sogar die schweizerische Bundesverwaltung testen lässt, ob die Software für die massenhafte Übersetzung offizieller Dokumente und Fachtexte geeignet ist, dann müssen Dolmetscher wohl langsam wirklich nervös werden. Kein Wunder, dass die Kölner immer mal wieder als Kandidat für eine Übernahme durch Google gehandelt werden. Doch Kutylowski weist die Frage danach stets zurück. Man fühle sich so unabhängig ganz wohl. Und tatsächlich dürften die Kunden – das haben viele Übernahmen einstiger Nischen-Challenger gezeigt – mehr von DeepL haben, solange es nicht in eins der GAFA-Ökosysteme eingehegt wird. Die Chancen dafür stehen offenbar gut. DeepL sei im achten Jahr in Folge profitabel. Und klar fragten „täglich“ Investoren an, erklärte der CEO im Interview. Und man bleibe auch gerne in Kontakt, Geld aber brauche man gerade keins.

7.

Tina Neumann, TikTokerin

Tina Neumann
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Tina Neumann
Wenn 17-Jährige sich eine Glatze rasieren, haben sich Erziehungsberechtigte früher tendenziell Sorgen gemacht. In der Social-Media-Aufmerksamkeitsökonomie aber sollten sie eher darüber nachdenken, ob sie einen Porsche bestellen. Zumindest, solange das Kind Influencer ist und bereit, seine Einnahmen aus den ab einer gewissen Reichweite möglichen Deals mit den Eltern zu teilen. In diesem Sinne und ein bisschen stellvertretend für alle Teenies, die gerade durch den krassen Hype um TikTok in den C-Promi-Status erhoben werden, verneigen wir uns vor der Österreicherin Tina Neumann. Die konnte – auch dank Rasur der vom vielen Umfärben zerstörten Mähne vor einigen Monaten und im Anschluss ausführlichst dokumentierter Wiederbehaarung – bald 260.000 Youtube-Abonnenten und 2,7 Millionen Follower bei TikTok sammeln. Mit aktuell 2,9 Milliarden Views ist Neumann laut dem Analytics-Tool Infludata derzeit abrufstärkste deutschsprachige Influencerin auf der Plattform.

8.

Christian Kroll, Ecosia

Christian Kroll
© Ecosia
Christian Kroll
Die grüne Suchmaschine ist erfolgreich wie nie – und hat darum ein Problem: Es gibt einfach keine Bäume mehr, die Ecosia pflanzen könnte. Denn die Berliner finanzieren aus Erlösen von Werbeanzeigen 30 ausgewählte Pflanzprojekte in aller Welt. Zwischen zwei und 2,5 Mio. Euro setzt Ecosia im Monat um. Nach Abzug von Betriebs­ausgaben, Kosten für Werbung und Aufwendungen für Rücklagen bleibt knapp die Hälfte übrig. 80 Prozent davon gehen in Pflanzprojekte. Seit dem Start 2009 haben die Nutzer der Suchmaschine so fast 90 Millionen neue Bäume finanziert. „Damit“, sagt Ecosia-Gründer und CEO Christian Kroll, „sind wir eine der größten Baumpflanzorganisationen der Welt.“ Und Ecosia wächst massiv. 40 der 90 Millionen Bäume kamen 2019 in die Erde.

„Wir sind inzwischen Europas größte Suchmaschine“, sagt Kroll mit etwas Koketterie. Denn alle wirklich relevanten Anbieter kommen aus den USA. Ecosia hält aber immerhin einen Anteil von einem Prozent am Suchvolumen in Deutschland. Das reicht für den Titel europäischer Spitzenreiter. Die angezeigten Ergebnisse kommen streng genommen auch aus den USA, nämlich von Microsofts Suchmaschine Bing. Über das Tool des Partners werden auch die Anzeigen bei Ecosia gebucht. 
Ecosia reichert die Bing-Suchergebnisse jedoch an: Seit August 2019 flaggt ein Blattsymbol nachhaltig wirtschaftende Unternehmen in den Suchergebnissen aus. Kroll will solche grünen Features ausbauen. Das Ziel von Ecosia ist neben dem Aufbau eines profitablen Unternehmens der Bewusstseinswandel bei den Nutzern. Die sollen es sich nämlich nicht so bequem machen und glauben, einfach mit Ecosia statt Google im Web zu suchen, wäre schon ein ausreichender Beitrag zur Weltrettung. „Denn einfach weitermachen wie bisher, und wir pflanzen zusätzlich ein paar Bäume“, so Kroll, „das reicht halt nicht.“

Der Ecosia-Gründer sieht den aktuellen Hype um die Aufforstung mit Skepsis. Denn sein Team kennt jedes seriöse Baumpflanzprojekt auf dem Planeten. Darum weiß Kroll, wovon er spricht, wenn er sagt: „Es gibt nicht annähernd die Kapazität, schnell eine Billion Bäume zu pflanzen.“ Dieses Ziel hatte eine Initiative beim Weltwirtschaftsforum in Davos Anfang des Jahres unter viel Applaus verkündet. Natürlich ist er nicht gegen mehr Pflanzprojekte, Kroll will nur um eine realistische Einschätzung kämpfen. Zugleich sieht er die Chance, das Thema, an dem er seit zehn Jahren arbeitet, nun richtig groß zu machen. Ecosia teile gerne sein Wissen, so Kroll. Bereits jetzt empfehlen die Berliner auf Anfrage bestimmte Initiativen. Und sie merken auch, dass sie mit den selbst entwickelten Monitoring-Methoden zur Überwachung der Pflanzprojekte über eine Expertise verfügen, die zunehmend gefragt ist.

Man überlege gerade, wie man das eigene Wissen anderen Organisationen zur Verfügung stellen könne, so Kroll. Allerdings, ohne damit ein  Greenwashing-Tool zu bauen. Denn die Gefahr, dass Unternehmen ihr Image mit dem angesagten Thema Aufforstung aufpolieren wollen, ist allzu real. Etwa, wenn Kroll beobachtet, wie eine Fast-Food-Kette sich neulich als glühender Unterstützer einer Baumpflanzorganisation zu profilieren versucht hat. Da habe er sich gedacht: „Moment, ihr müsst erst einmal ganz andere Dinge in eine andere Richtung bringen.“

9.

Anna und Ran Yona, Wildling Shoes

Anna und Ran Yona, Wildling Shoes
© Sarah Papst
Anna und Ran Yona, Wildling Shoes
Anna und Ran Yona ziehen wegen besserer Bildungschancen für ihre Kinder vor ein paar Jahren von Israel nach Deutschland. Was ihnen hier fehlt? Ihren Kids dabei zuzuschauen, wie sie barfuß die Welt erkunden – das geht im warmen Tel Aviv einfach viel besser als in Engelskirchen in der Nähe von Köln. Weil ihre Kinder in ihren neuen Schuhen gar nicht laufen können, erdenken die beiden ihre eigene Art von Barfußschuhen und nennen sie „Minimalschuhe“. Die Treter haben eine besonders flexible Sohle und sind aus leichten Materialien gefertigt – so sollen die Füße die maximale Freiheit bekommen. Mittlerweile gibt es die Schuhe nicht mehr nur für Kinder, sondern auch für ihre Eltern. Sie tragen Namen wie „Rosenkäfer“, „Biber“ oder „Kranich“ und sind meist in schlichten Farben gehalten. Preispunkt: zwischen 70 und 130 Euro. Die Idee scheint aufzugehen: Nur über den eigenen Webshop verkauft das Gründerpaar aktuell 150.000 Wildling Shoes pro Jahr. Jede Kollektion wird von der aktiven Community heiß erwartet – einzelne Modelle sind schon kurz nach Verkaufsstart ausverkauft. Auf Social Media zählt das Unternehmen die Tage und Stunden, bis eine neue Kollektion auf den Markt kommt, und erzeugt so immer wieder einen kleinen Hype. Und der wird zusätzlich von extrem aktiven Stammkunden getrieben. Die organisieren sich unter anderem in einer 21.000 Mitglieder starken Facebook-Gruppe, in der jeder Wildling-Schuh analysiert wird und neuen Käufern Tipps gegeben werden. Die Gruppe liefert auch immer wieder Feedbacks an das Wildling-Shoes-Team. In einer Tauschgruppe auf Facebook mit 13.000 Mitgliedern verkaufen Fans der Marke ihre Schuhe untereinander.  Auch mit ihrer Vision moderner Arbeit überzeugen Anna und Ran Yona ihre Fans: Die 120 Mitarbeiter des Unternehmens haben auch schon vor Corona verstreut in Deutschland aus dem Homeoffice gearbeitet.

10.

Sven Platte, Digistore24

Sven Platte
© Digistore24
Sven Platte
Jene, die sich noch nie damit befasst haben, wie man mit Online-Kursen und „digitalen Infoprodukten“ (wie es in der Szene so schön heißt) Geld verdienen kann, haben vermutlich auch noch nie etwas von Digistore24 gehört. Das Unternehmen bietet eine technische Infrastruktur für den Verkauf eben dieser an. Zwischen 30.000 und 40.000 Anbieter (oder „Vendoren“, wie sie das Unternehmen selbst nennt) sind auf der Plattform aktiv – größtenteils Anbieter von Online-Kursen, aber vereinzelt auch Software-Unternehmen. Digistore24 gibt den Anbietern alle Werkzeuge an die Hand, um Kurse zu bauen, zu bewerben sowie zu verkaufen. Außerdem vermittelt das Unternehmen zwischen Kursveranstaltern auf der einen und Affiliate-Marketern auf der anderen Seite, die den Coaches gegen Provision zahlende Kunden zuführen. Die gesamten Prozesse dahinter bildet Digistore24 ab, behält ebenfalls einen Anteil an den generierten Umsätzen ein. Das Geschäft brummt – auch weil bei digitalen Produkten die Einstiegshürden niedrig, erfolgreiche Produkte leicht zu skalieren und die Provisionssätze für Affiliates sehr hoch sind. Digistore24 hat sich so zum waschechten Hidden Champion entwickelt  – mit 300 Millionen Euro Außen- und 30 Millionen Euro Innenumsatz. Gründer Sven Platte hat früher selbst Flirtkurse übers Netz verkauft. Sein geschäftlicher Erfolg erlaubt es ihm mittlerweile, als „Hobby“ ein Musikstudio zu betreiben, das u. a. Tracks des Star-DJ Tiësto produziert.

Gespannt auf das komplette Top-50-Ranking? Die gesamte Liste gibt es bei omr.com!
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