IT-Berater Manuel Atug zur Internetkapazität

"Manchmal reicht auch eine Telefonkonferenz"

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Führt Corona zum Stau im Internet?
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Führt Corona zum Stau im Internet?
Netflix, Youtube und Amazon verringern ihre Streaming-Qualität für Nutzer in der EU, um die Netze zu entlasten. Auch Disney+ ist mit verminderter Bit-Rate im deutschen Markt gestartet. Muss auch die digitale Werbewirtschaft mit Einschränkungen beim Zugriff auf ein schnelles Internet rechnen?
Nie zuvor wurden an einem Internetknoten so viele Daten ausgetauscht wie am 10. März. An diesem Tag vermeldete der Deutsche Commercial Internet Exchange (DE-CIX) Weltrekord. 9,1 Terabit Daten rauschten pro Sekunde durch die Leitungen, und weil sich darunter niemand etwas vorstellen kann, liefern die Frankfurter die Erklärung gleich mit: Das sei in etwa so viel wie die Datenmenge von 2 Milliarden beschriebener DIN-A4-Seiten – also einem Stapel von über 200 Kilometern Höhe. Was man sich noch besser vorstellen kann, ist, dass der Datenverkehr durch Videokonferenzen mittlerweile um mehr als 50 Prozent zugenommen hat, bei Spielen und sozialen Netzwerken sind es 25 Prozent.


Und das hält das Internet problemlos aus? Oder müssen Nutzer, Unternehmen und nicht zuletzt die digitale Werbewirtschaft schon bald mit Einschränkungen rechnen, wie es schon jetzt beim Streaming der Fall ist? HORIZONT hat sich darüber mit Manuel Atug von Hi Solutions unterhalten.
Manuel Atug ist Senior Manager bei Hi Solutions
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Manuel Atug ist Senior Manager bei Hi Solutions
Hält das Internet dem extrem veränderten Nutzungsverhalten Stand? 
Grundsätzlich ja. DECIX als Austauschknoten wächst kontinuierlich und hat immer Reserven für hohe Nutzungszeiten wie Weihnachten und Ostern. Die Telekommunikationsanbieter haben in der Regel ebenfalls genug Puffer im Backbone, also im Netz generell. Die Verbindungen von zu Hause zum Backbone können bei der Leitung vom sog. DSLAM-Modul zum Backbone eventuell überlastet werden, da sich die Haushalte an die DSLAM-Module anbinden und dann eine Leitung an das Backbone geht. Hier wird wie bei Sitzplätzen im Flugzeug auch überbucht, so dass es Engpässe geben könnte, wenn alle gleichzeitig sehr viel Traffic generieren. Für Home Office benötigt man circa 2 bis 8 Mbit Datenvolumen, das ist also nicht sehr viel im grundsätzlichen Vergleich dazu, dass circa 60 Prozent  Datentraffic Videostreaming der üblichen Anbieter wie Netflix und Co darstellt. Dieses könnte man beispielsweise bei drohenden Engpässen auch herunter priorisieren, um die Arbeitsfähigkeit zu gewährleisten.

Netflix, Youtube und Amazon haben bereits ihre Bitrate beim Streaming reduziert. Muss auch der digitale Werbemarkt mit Einschränkungen beim Zugriff auf schnelles Internet rechnen? 
Die als Firma gemieteten Leitungen und Anschlüsse sind ja in der Regel bei der Bandbreite besser ausgestattet als Personenhaushalte, insofern sollte da kein Engpass entstehen. Wenn die Mitarbeiter da aber im Home Office tätig sind und sehr viel Videodaten übertragen müssen, kann sich da eine Verzögerung ergeben, weil die Übertragung zu den Firmenservern länger dauert. Wird mit einer Fernzugriffslösung gearbeitet, sofern möglich, dann verarbeitet man die Daten auf den Firmensystemen und das sollte dann weitestgehend funktionieren. Deutschland wie auch die EU haben ja ein hohes Interesse daran, die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten und steuern deswegen bereits seit einiger Zeit dagegen. Die Provider selber sind bereits seit Januar im Krisenmodus und arbeiten nach ihren Krisen- und Pandemieplänen.
Zur Person
Manuel Atug, Senior Manager der Hi Solutions AG, ist seit 1998 in der Informationssicherheit tätig und verfügt über langjährige Erfahrung im Bereich technische IT-Sicherheit und Auditierung. Er berät und begleitet Unternehmen bei der Einführung von Informationssicherheitsmanagement-Systemen.
Wo zeigen sich in Deutschland aktuell Probleme im Bereich Digitale Infrastruktur und an welchen Stellen muss dringend nachgerüstet werden? 
Statt einen flächendeckenden Netzausbau vorzunehmen, streiten sich die deutschen um Huawei oder nicht Huawei. Statt dessen sollten grundsätzliche Sicherheitsanforderungen definiert werden, die jeder Hersteller einhalten muss, da Sicherheit kein Wettbewerbs- oder geopolitisches Thema sein sollte - aber leider viel zu oft ist. Der flächendeckende Netzausbau hätte beispielsweise als Pflichtanforderung bei der Versteigerung der 5G-Lizenzen Berücksichtigung finden können, aber dann hätte man mit der Vergabe weniger verdient, so ist eine gute Chance erneut vertan worden. Die Lobbyarbeit der Provider ist insofern auch sehr fortgeschritten, wenn man Preise für Internet und Telefonie in Asien mit denen für Deutschland vergleicht. Auch hier ist die Kostenfrage eher hinderlich statt fördernd. Die Behörden und Institutionen sind auch weit hinter der Digitalisierung ihrer Verfahren und Prozesse, dies hemmt einen digitalen Behördengang aus dem Home Office ebenfalls und würde viele Umstände und unnötige Gefahren der Ansteckung in Zeiten wie diesen reduzieren. Solange sich da also nichts von der strategischen Ausrichtung wesentlich ändern, wird Deutschland weiterhin hinterher hinken.
„Die Behörden und Institutionen sind weit hinter der Digitalisierung ihrer Verfahren und Prozesse“
Manuel Atug, Hi Solutions
Auf was sollten Unternehmen und Privatpersonen jetzt achten, um die Leitungen nicht unnötig zu strapazieren? 
 Weniger Videostreaming Nutzung ist manchmal mehr! Da dies den Hauptanteil des Traffics ausmacht, ist hier auch am meisten rauszuholen. Entweder weniger nutzen oder in den Einstellungen eine kleinere Qualität und Auflösung konfigurieren. Die meisten Anwendungen machen das aber von der Bandbereite abhängig sowieso automatisch. Große Datenübertragungen eher zu den Randzeiten (0 bis 8 Uhr) statt den Hauptzeiten. Eventuell reicht auch eine Telefonkonferenz statt einem Videochat, aktuell ist dies aber aus unserer Einschätzung heraus nicht zwingend erforderlich. kan
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