Ausgeflirtet

Warum sich Tinder mit Google anlegt

Tinder gehört zu den Apps, die in Deutschland am meisten Umsatz erwirtschaften.
© Tinder
Tinder gehört zu den Apps, die in Deutschland am meisten Umsatz erwirtschaften.
Beziehungsstatus: kompliziert. Die Flirt-App Tinder lehnt sich gegen Google auf. Die Match Group, das Unternehmen hinter Tinder, hat angekündigt, ab sofort alle Zahlungen innerhalb der App selbst abzuwickeln und nicht wie bisher über den Google Play Store. So will Tinder die hohen Provisionen einsparen, die Google bei jedem Kauf einbehält. Nur: Jetzt droht der Rauswurf aus dem App Store.
Über die Provisionen, die Google und Apple für App-Käufe verlangen, gibt es schon seit jeher Streitigkeiten. Zahlt ein Nutzer für eine App oder innerhalb von Tinder, Spotify oder Games wie Forge of Empires für Extra-Funktionen, gehen 30 Prozent des Betrags an Apple beziehungsweise Google - je nach dem, welches Betriebssystem auf dem Endgerät installiert ist. Vielen App-Betreibern ist diese Provision ein Dorn im Auge. Dennoch beißen sie aber seit Jahren in den sauren Apfel, weil sie auf die Reichweiten der App Stores nicht verzichten möchten.


Mit Tinder lehnt sich nun erstmals eine enorm populäre App gegen das Provisionssystem auf - und nimmt sich Google zur Brust. Die Match Group, das Unternehmen hinter Tinder, hat angekündigt, die Käufe der Nutzer nun selbst abzuwickeln und nicht mehr über den Google Play Store wie bislang üblich. Bei Apples Betriebssystem iOS ist die Umgehung des Provisionsgeschäfts weitaus komplizierter und nicht wirklich massentauglich. Der iOS-Marktanteil liegt bei etwa 15 Prozent.

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Wie Bloomberg berichtet, sollen Tinder-Nutzer für ihre In-App-Käufe künftig ihre Kreditkartendaten angeben und nicht mehr wie bislang die im Google Play Store hinterlegten Zahlungsdaten verwenden. Die Flirt-App erhofft sich dadurch, dass die Umsätze deutlich steigen werden, weil auf diese Art und Weise keine Google-Provisionen anfallen. Nur: Tinders Maßnahme verstößt gegen die Nutzungsbedingungen im Play Store. Normalerweise müsste Google die App nun aus dem App Store schmeißen. Eine Anfrage bei Google blieb bislang unbeantwortet.


Interessant ist der Fall Tinder gegen Google deshalb, weil die Flirt-Anwendung als eine der umsatzstärksten Apps der Welt gilt. Liebesuchende Nutzer geben in der App viel Geld aus - etwa für Funktionen, die es ihnen ermöglicht, versehentlich abgewiesene Profile wieder zurückzuholen oder unabhängig vom aktuellen Standort auf Partnersuche zu gehen. Für das erste Quartal 2019 wies die Match Group 4,7 Millionen Nutzer weltweit aus, etwa eine Viertelmillion öffnet gelegentlich auch das Portemonnaie.

Tinders Play-Store-Umgehung könnte sich in den Büchern von Google demnach durchaus bemerkbar machen, wenn auch nicht in einem großen Ausmaß. Allerdings könnte der Tech-Konzern einen Domino-Effekt befürchten. Sollte Tinder auch ohne den Play Store finanziell erfolgreich sein, ist davon auszugehen, dass auch andere große App-Publisher mit einem solchen Modell experimentieren. Im vergangenen Jahr hatte bereits der US-Spieleentwickler Epic Games entschieden, sein Smartphone-Game Fortnite nicht über den Google Play Store zu vertreiben - eben um die Provisionen zu sparen. Offenbar mit Erfolg: Medienberichten zufolge kommt das Spiel auf mehr als 250 Millionen Nutzer weltweit und konnte 2018 einen Umsatz von 2,4 Milliarden US-Dollar generieren. Fortnite gilt als eines der erfolgreichsten Spiele aller Zeiten.

Auch gegen Apples App Store wurde zuletzt die Kritik laut. Stein des Anstoßes war der Dienst Spotify, der im März offizielle Beschwerde bei der EU-Kommission eingereicht hatte. Der Musikstreaming-Marktführer argumentierte unter anderem, er sei dadurch im Nachteil, weil er für Abo-Abschlüsse innerhalb der iPhone-App 30 Prozent der Erlöse an Apple abgeben müsse. Der Plattform-Betreiber selbst könne beim eigenen Streamingdienst Apple Music hingegen den gesamten Betrag behalten. Apple wiederum behauptet, Spotify-Chef Daniel Ek habe in seiner Beschwerde mit falschen Zahlen agiert. ron
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