Tinder-Produktchef Brian Norgard

Warum die Dating-App keine Plattform für die schnelle Nummer ist

Tinder-Produktchef Brian Norgard
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Tinder-Produktchef Brian Norgard
Die Dating-App Tinder hat in der digitalen Welt etwas geschafft, was sonst wohl nur Google gelungen ist: eine neue Produktkategorie eröffnet und den Firmennamen als Verb etabliert. Heute "tindern" die Internetnutzer, ebenso wie sie "googeln". Großen Anteil an diesem Erfolg hat Tinders Produktchef Brian Norgard. Im Interview mit HORIZONT Online erklärt der Manager, wieso er Wettbewerbern wie Lovoo und Co keine Beachtung schenkt – und warum Tinder kein Schmuddelimage hat.

Norgard ist einer der alten Hasen bei Tinder. Dem Unternehmen, das 2012 in Kalifornien gegründet wurde, gehört er nahezu seit Tag 1 an. Viele Tinder-Funktionen und –Produkte entwickelte der umtriebige Manager noch im Alleingang, heute hat er als Chief Product Officer ein 29-köpfiges Team an seiner Seite. Unter seiner Verantwortung sind teils kostenpflichtige Tinder-Features wie Super Like, Boost und Gold entstanden - und avancierten zum Kassenschlager.

Vor seiner Zeit bei Tinder gründete Norgard unter anderem das Start-up Newroo, das 2006 von Rupert Murdochs News Corp übernommen wurde und den damals 25-jährigen Gründer zum jüngsten General Manager in der Geschichte von Murdochs Imperium machte. Neben seiner Tätigkeit bei Tinder investiert Norgard heute außerdem in Start-ups wie Space X und Lyft.




Herr Norgard, wie fühlt sich das an, als verheirateter Mann jeden Tag die Tinder-App anzusteuern? Das ist nun mal mein Job, ich muss das machen. Ich nutze Tinder so oft wie möglich, um das Verhalten unserer Nutzer auf der Plattform besser verstehen zu können. Immerhin ist mein Team für das Kernprodukt und all seine Features zuständig. Da muss man über die neuesten Trends in der App natürlich Bescheid wissen.



Offenbar macht Ihr Team einen guten Job. Tinder war 2017 die App, die weltweit am meisten Umsatz generierte. Das ist auf unsere gute Bezahlstrategie zurückzuführen. Wir hatten vor etwa einem Jahr den kostenpflichtigen Service Tinder Gold ins Leben gerufen, mit dem Nutzer beispielsweise sehen können, wer sie gelikt hat. Und das kommt bei den Usern offenbar sehr gut an. Ein solch erfolgreiches Bezahlangebot lässt sich aber nur dann entwickeln, wenn – und so komme ich wieder auf meine erste Antwort zurück - wir genau darauf achten, was unsere Kunden wollen.

Aber die Konkurrenz wird seit Jahren immer größer. In Deutschland beispielsweise gibt es ebenso erfolgreiche Plattformen wie Lovoo, Parship und Lovescout24. Wenn man wie wir einen vollkommen neuen Markt eröffnet, in diesem Fall Mobile-Dating, dann entstehen zwangsläufig Wettbewerber - so funktioniert nun mal der Kapitalismus. Wir als Marktführer haben uns aber auf die Fahnen geschrieben, nicht auf die Konkurrenz zu schauen, sondern uns auf die Entwicklung von guten Produkten zu fokussieren. Wir wachen morgens nicht auf, checken die Schlagzeilen und schauen, was unsere Wettbewerber machen. So sind wir nicht gestrickt. Unser Motto ist "Customer first".
Eventuell interessieren Sie sich zu sehr für Ihre Kunden. Datenschutz-Experten kritisierten Tinder jüngst, persönliche Informationen der Nutzer zu sammeln und weiterzugeben. Die Privatsphäre der Nutzer ist uns sehr wichtig. Dafür tun wir alles, was in unserer Macht steht. Wir wissen natürlich, dass sich die digitale Landschaft stetig weiterentwickelt und sich nahezu monatlich verändert.

Aber geben Sie Nutzerdaten an Dritte weiter? Nein, das machen wir nicht.

Kommen wir auf Tinders Marketingaktivitäten zu sprechen. Welche Strategie fährt das Unternehmen in diesem Bereich? Man muss ehrlich sagen: Wir hatten zu Beginn viel Glück. Der Erfolg war in den Anfangsjahren maßgeblich von Word-of-Mouth geprägt. Tinder war und ist noch immer ein Produkt, das Millionen User ihren Freunden und Verwandten empfehlen. Das hat uns enorme Skalierungseffekte verschafft. Dennoch forcieren wir nun seit geraumer Zeit die Strategie, unsere Brand verstärkt durch Marketing-Kampagnen aufzuladen. Sie werden in Zukunft noch sehr interessante Aktionen von uns sehen. Ich erinnere mich an eine sehr kreative Tinder-Kampagne für ein weißes Nashorn. Meinen Sie solche Aktionen? Zum Beispiel. Wir haben für die Kampagne mit der Tierschutzorganisation Ol Pejeta Conservancy aus Kenia zusammengearbeitet, um auf den letzten männlichen Vertreter seiner Art aufmerksam zu machen. Und die Aktion hat sehr gut funktioniert, Millionen User haben das Nashorn in ihr Herz geschlossen. Warum? Weil die Kampagne die Nutzer in einem digitalen Umfeld erreicht hat, das vertraut ist. Außerdem war die Aktion mit einer großartigen Geschichte verbunden – und ist das nicht die Genese jeder guten Marketingaktion?

Geht es Ihnen auch ein wenig darum, das Schmuddelimage loszuwerden? Viele sehen in Tinder ja eine Plattform für die schnelle Nummer. Das ist nicht richtig. Ich denke, da gibt es ein großes Missverständnis in der Szene. Auf allen Plattformen gibt es immer mehrere Use-Cases. Tinder beispielsweise wird von Leuten aus unterschiedlichen Gründen angesteuert - auch wenn viele das nicht vermuten. Unserer Nutzer sind etwa auf der Suche nach neuen Freunden, nach Kontakten in einer neuen Stadt oder nach ernsthaften Beziehungen.

Viele Unternehmen setzen mittlerweile eigene Tinder-Accounts ein, um nativ für ihre Sache zu werben. Ärgert Sie das nicht? Immerhin gehen dem Unternehmen auf diese Weise Werbeerlöse flöten. Das kommt darauf an. Prinzipiell habe ich nichts dagegen, wenn Unternehmen einen eigenen Account bei Tinder aufsetzen. Millennials lieben diese Art integrierter Kampagnen. Und zum Teil entstehen auf diese Art und Weise auch wirklich kreative Projekte. Außerdem darf man nicht vergessen: Durch unser ertragreiches Subscription-Modell sind wir sehr viel unabhängiger von klassischen Werbekunden als unsere Wettbewerber.

Interview: Giuseppe Rondinella

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