Tech-Experte Joakim Dal

Die wichtigsten Fragen und Antworten zu Spotifys Börsengang

Die beiden Spotify-Gründer Martin Lorentzon und Daniel Ek.
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Die beiden Spotify-Gründer Martin Lorentzon und Daniel Ek.
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Spotify wird seit langer Zeit als heißer Börsenkandidat gehandelt, nun macht der Streamingdienst offenbar Ernst. Die in Schweden beheimatete Firma hat einem Medienbericht zufolge vor dem Jahreswechsel einen vertraulichen Antrag für eine Aktienplatzierung in den USA eingereicht, muss aktuell aber auch eine Milliarden-Klage abwehren. Kommt der Börsengang zur Unzeit? Gegenüber HORIZONT Online beantwortet Joakim Dal, Investment Manager von GP Bullhound, die wichtigsten Fragen zu Spotifys Gang aufs Parkett.

Joakim Dal ist seit 2014 Investment Manager des Tech-Investitions- und M&A-Beratungsunternehmens GP Bullhound. Das Unternehmen hatte Ende vergangenen Jahres einen Report herausgebracht, in dem es sich sehr detailliert mit dem Werdegang und der Zukunft von Spotify beschäftigte. Die wichtigsten Ergebnisse sind hier nachzulesen. So schätzt GP Bullhound, dass die Schweden bis Mitte 2018 auf 100 Millionen und bis Ende 2020 auf satte 200 Millionen Premium-Abonnenten bauen kann.

Joakim Dal ist seit 2014 Investment Manager des Tech-Investitions- und M&A-Beratungsunternehmens GP Bullhound.
Joakim Dal ist seit 2014 Investment Manager des Tech-Investitions- und M&A-Beratungsunternehmens GP Bullhound. (© GP Bullhound)


Herr Dal, Spotify setzt zu seinem lange erwarteten Börsengang an. Ist das der richtige Schritt für das Unternehmen? 
Unserem Verständnis nach wollen die Spotify-Gründer die Art und Weise, wie Menschen Musik hören, grundlegend verändern und gleichzeitig ein großes, nachhaltiges Medienunternehmen schaffen. Diese Vision ist im öffentlichen Markt perfekt aufgehoben. In Bezug auf Größe, Wachstum, Markenbekanntheit und organisatorische Strukturen ist Spotify schon seit einiger Zeit bereit für den Börsengang. Das Unternehmen ist Marktführer mit ausgezeichneten Wachstumsaussichten und einer sehr bekannte Marke, die Angriffe von Giganten wie Apple, Amazon und Google mit Leichtigkeit abgewehrt hat. Auch der Markt ist bereit, denn Bewertung, die Stimmung unter Investoren und das verfügbare Kapital passen. Und weil nie ganz klar ist, wann sich so ein Zeitfenster für den Börsengang doch wieder schließt, ist der Schritt von Spotify aktuell nur folgerichtig. Ein Börsengang ist auch aus vielen anderen Gründen der richtige Schritt: Markenaufbau, Zugang zu Kapital, das Anziehen langfristiger Aktionäre und die Möglichkeit für Mitarbeiter, ihre Aktien zu veräußern.

Ab wann könnte Spotify tatsächlich profitabel sein? Die Unit Economics – die Rentabilität auf Anwender-Basis – gibt es bereits. Auf einer Pro-Nutzer-Basis verdient Spotify mehr Geld durch Abonnementgebühren und Anzeigen, nachdem Lizenznehmer ausgezahlt wurden, als es für Marketing ausgeben muss, um die Nutzerzahlen zu steigern. Wäre das Unternehmen nicht weltweit so stark gewachsen, wäre die Profitabilität unter dem Strich höher ausgefallen.

Spotify gilt als das wertvollste Tech-Unicorn Europas. Was macht das Unternehmen so viel wertvoller als beispielsweise Zalando, Trivago oder Delivery Hero? Das sind alles äußerst erfolgreiche und sehr wertvolle Unternehmen. Aber der größte Unterschied ist, dass Spotify ein globaler Category-Killer ist und kurz davor steht, eine de facto Infrastruktur-Plattform für die Musik-Industrie zu werden. Darüber hinaus machen Spotify rein finanziell betrachtet vor allem seine Größe und sein Wachstum in Bezug auf Umsatz und Nutzer sowie deren Rentabilitätsaussichten so wertvoll. Dabei hat Spotify aber auch einiges an Kapital benötigt, viel mehr als vergleichbare europäische Unternehmen. Insgesamt waren es mehr als 2,5 Milliarden US-Dollar – einschließlich Schulden. Wenn man einen Blick in die USA wirft, sind die Zahlen jedoch alles andere als ungewöhnlich.


„Ich denke, dass Spotify Spitzenreiter im Musikstreamingmarkt bleiben wird“
Joakim Dal

Welche Chancen rechnen Sie den Wettbewerbern Apple, Deezer oder Soundcloud im Musikstreamingmarkt aus? Es handelt sich um einen Markt mit relativ niedrigen Eintrittsbarrieren, sodass diese und viele andere Unternehmen in der Lage sein werden, miteinander zu konkurrieren. Aber ich denke, dass Spotify hier Spitzenreiter bleiben wird.

Vor welchen Herausforderungen steht Spotify in den nächsten Jahren? Was muss das Unternehmen verbessern? Am Markt geht es vor allem um Profitabilität, ein Trade-off muss daher klug kommuniziert werden. Unternehmen wie Amazon und Netflix haben das bereits erfolgreich vorgemacht.

Was ist mit den Musiklabels? In diesem Marktsegment gibt es starke Konkurrenz und Widerstände von Seiten der Musiklabels, da sich die Musikindustrie durch die Digitalisierung einem grundlegendem Wandel gegenüber sieht. Das verursacht immer Reibung. Da das Geschäftsmodell noch sehr jung ist und sich in der Entwicklung befindet, gibt es sicherlich noch zahlreiche Verbesserungsmöglichkeiten. Spotify hat das Potenzial, den Musikkonsum nachhaltig zu beeinflussen, allerdings muss das Unternehmen noch beweisen, wie es diese Marktmacht auf lange Sicht kapitalisieren will. Weiterhin sehe ich Potentiale in Sachen Wachstum durch geografische Expansion, Merchandising und weiter steigende Abonnentenzahlen.

Wie sieht es mit der User-Experience aus? Die wird häufig kritisiert. Aus der Produktperspektive denke ich, dass Spotify durchaus noch weiter an der Benutzerfreundlichkeit ihrer Plattform arbeiten kann. Dabei gibt es bei Nutzeroberfläche, individuell auf den einzelnen User zugeschnittenen Elementen wie bei ausgesuchten Songempfehlungen sowie der sozialen und kollaborativen User Experience noch Luft nach oben. Der Erfolg von Sprachassistenten (wie Google Home und Amazon Alexa) verbessert die Benutzererfahrung und erhöht die Nutzungszahlen von Diensten wie Spotify. Weil das Unternehmen, soweit aktuell bekannt, jedoch weder mit eigener Hardware noch einem Sprachassistenten plant, könnte das mittelfristig zu Schwierigkeiten führen. Denn das macht sie in gewisser Weise abhängig von anderen Anbietern, weil sie diesen Markt nur über Kooperationen adressieren können. Allerdings: Eine Entwicklung eigener Hardware samt Sprachassistenten würde erhebliche Investitionen in Kapital und Zeit erfordern.

Interview: Giuseppe Rondinella



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