Smartglasses

Das große Comeback der Datenbrille

Telekom-Chef Timotheus Höttges mit der neuen Smartglass, die zusammen mit Zeiss entwickelt wird.
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Telekom-Chef Timotheus Höttges mit der neuen Smartglass, die zusammen mit Zeiss entwickelt wird.
Vier Jahre nach dem grandiosen Flop von Google Glass geraten Datenbrillen wieder stärker in den Fokus von Unternehmen. Auf dem Mobile World Congress in Barcelona waren die intelligenten Nasenfahrräder - etwa von der Deutschen Telekom und der US-Firma Vuzix - eines der großen Themen. Doch anders als vor einigen Jahren werden die Gadgets nicht mehr als Verbraucherprodukt vermarktet, sondern für Unternehmen fit gemacht.

Es fing eigentlich recht verheißungsvoll an: Als die Google Glass 2014 auf den Markt kam, sprachen viele Beobachter von der wohl mutigsten Entscheidung im Schnittfeld zwischen Augmented Reality und Wearables. Eine Brille, die dem Träger zusätzliche Informationen ins Blickfeld einblendet und per Wischbewegung Videos und Bilder aufnimmt. Ein Gadget, das zwar Techies entzückte, doch die Mehrheit der Konsumenten damals nicht akzeptieren wollte: Was, wenn der komische Typ in der Bar mich filmt, ohne dass ich es merke?



Träger einer Google Glass wurden nicht nur schräg angeschaut, sondern bezogen in Googles Heimatstadt San Francisco gar Prügel und wurden als "Glassholes" beschimpft. Zudem kämpfte die erste Version nach einer Modifizierung mit kurzen Batterielaufzeiten und wurde im Betrieb zu warm. Die Pläne für einen breiten Marktstart in den USA waren schnell verworfen, die Testphase mit der 1500 Dollar teuren Brillen eingestellt. Das Thema Datenbrille - so schien es damals - war damit eher als gedacht beendet.

Doch die Technologie feiert seit einigen Monaten ein furioses Comeback. Die Liste der Unternehmen, die sich mit dem Thema ernsthaft befassen, wird immer größer: Die Deutsche Telekom gründete im Februar mit den Optik-Spezialisten von Zeiss das Joint Venture Tooz Technologies, welches smarte Brillen entwickelt. Der US-Chipriese Intel bringt eine Smartglass namens "Vaunt" auf den Markt. Amazon arbeitet offenbar an einer Datenbrille, die über die Sprachassistentin Alexa gesteuert wird. Und der Pionier Vuzix stellte erst zu Beginn der Woche auf dem Mobile World Congress sein neues Modell "Blade" vor.
Auch die Deutsche Telekom und Zeiss bereiteten auf der Tech-Messe in Barcelona ihrer Datenbrille eine große Bühne. "Sie kommt einer normalen Brille, die Sie auf der Nase tragen, schon sehr nahe", sagt Christian Stangier, Senior Vice President Connected Devices bei der Telekom, der das Gerät den Besuchern am Unternehmensstand vorführt. Die Brille blendet zusätzliche Informationen ins Blickfeld des Trägers ein und kann auf die individuelle Sehstärke angepasst werden.


Die Telekom stellt sich beispielsweise einen Einsatz der Datenbrille in der Logistik, in der Wartung oder bei Fitness- und Gesundheitsanwendungen vor. Immer dann, wenn beide Hände frei sein müssen und gleichzeitig Bilder, Daten und Kommunikationen verfügbar sein sollen. In dieser Strategie liegt auch der wesentliche Unterschied zur gescheiterten Google Glass: Die Datenbrille wird nicht als Verbraucherprodukt vermarktet, sondern für den Einsatz im Unternehmen fit gemacht. Kai Ströder, der das neue Joint Venture Tooz Technologies leitet, erhofft sich mittelfristig, ein großes Partner-Netzwerk von Firmen aufbauen zu können, die die Brille für ihre Zwecke nutzen. "Der Markt wird am Ende entscheiden, ob sich dieses Gerät durchsetzt oder nicht." Die Lufthansa hat beispielsweise einige Flugbegleiter für einen Test mit der Brille ausgestattet, die dann Name und Essensbestellung eines Fluggastes automatisch einblendet. Auch Krankenschwestern, Ärzte und das polnische VR-Start-up 1000Realities haben sie testweise im Einsatz.

Ob es sich bei Smartglasses um die nächste große technologische Weiterentwicklung handelt, wird sich erst noch zeigen müssen - die Verkaufszahlen sind bislang noch sehr überschaubar. Den Marktforschern von IDC zufolge wächst der Markt für solche Augmented-Reality-Geräte jedoch rasant: Bis 2021 soll mit AR-Headsets etwa 50 Milliarden Dollar erwirtschaftet werden, heißt es. "Das ist der Beginn des Zeitalters, in dem ihr eure Smartphones in der Tasche behaltet", ist sich Vuzix-Chef Paul Travers sicher.

Angesichts dieser Entwicklung ist selbst Google wieder mit im Rennen. Rund zweieinhalb Jahre nachdem der Konzern bei seiner umstrittenen Datenbrille offiziell den Stecker zog, ist die
 "Enterprise Edition" der Google Glass wieder im Einsatz - mit Sicherheitsbrillen kombinierbar, einem schnelleren Prozessor und einer besseren Internet-Anbindung. Mehrere Dutzend Firmen nutzen sie, darunter Volkswagen, DHL, Boeing und General Electric. Als "Glassholes" wird dort wahrscheinlich niemand mehr beschimpft. ron (mit dpa-Material)

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