Shazams Deutschlandchef im Interview

"Wir wollen eine Erkennungs-App für alles werden"

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Shazam-Deutschlandchef Richard Harless im neuen Büro in Berlin
© Robert Lehmann
Shazam-Deutschlandchef Richard Harless im neuen Büro in Berlin
Vor wenigen Tagen eröffnete die populäre Musik-Erkennungs-App Shazam in Berlin ihr erstes Deutschland-Büro. Im Interview mit HORIZONT Online erklären Deutschlandchef Richard Harless und Josh Partridge, VP Sales EMEA, wie sie nun hierzulande die Vermarktung ankurbeln wollen - und warum Berlin für die Manager "eine Mischung aus New York, San Francisco und Washington D.C." ist.

Das Berliner Büro, dessen Eröffnung vor wenigen Tagen offiziell gefeiert wurde, ist Shazams erste Dependance in Kontinentaleuropa und befindet sich in der Münzstraße in der Nähe des Hackeschen Marktes. Unmittelbare Nachbarn sind große Werbungtreibende wie Adidas und L'Oréal sowie dem Online-Video-Unternehmen Divimove.



Geführt wird die fünf Mann starke Truppe von Deutschlandchef Richard Harless. Der Amerikaner ist bereits seit August 2015 für die kommerziellen Aktivitäten im hiesigen Markt verantwortlich. Sein Kollege Josh Partridge steuert die Vermarktung der App.

Herr Harless, Herr Partridge, w
elchen Stellenwert hat der deutsche Markt für Shazam?


Partridge: Zunächst einmal sind natürlich alle unsere Märkte wichtig. Strategisch gesehen ist der deutsche aber einer der relevantesten und weltweit einer der fünf wichtigsten – sowohl aus der Konsumenten- als auch aus der Vermarktungsperspektive.

Harless: Im vergangenen Monat haben immerhin 7,3 Millionen Deutsche unsere App genutzt und mehr als eine Million Mal einen Song shazamt. Es gibt hierzulande also eine große Nutzerbasis, die wir nun systematisch monetarisieren wollen. Dazu brauchen wir die richtigen Medienpartner und die richtigen Werbungtreibenden, mit denen wir nun aus unserem Büro in Berlin in Kontakt treten wollen.

Shazam: So sieht es im neuen Berlin-Office aus


Welche Wachstumspläne haben Sie für den deutschen Markt? Wollen Sie beispielsweise im nächsten Jahr die 10-Millionen-User-Grenze knacken?

Partridge:
Der Plan ist ganz klar, das Wachstum weiter zu steigern. Als ich vor vier Jahren bei Shazam anfing, wurde die App weltweit „nur“ 250 Millionen Mal heruntergeladen – jetzt sind wir bei über einer Milliarde. Wir wachsen also nach wie vor sehr stark, auch wenn in einigen europäischen Märkten vor zwei oder drei Jahren der Zenit bereits erreicht wurde. Das beobachten wir in Deutschland aber glücklicherweise nicht.

Harless: Man muss sagen, dass auch der deutsche Markt ein Stück weit ausgereift ist, aber wir sehen hier tatsächlich nach wie vor ein starkes Wachstum. Beispiel: 2016 wurde Shazam durchschnittlich 850.000 Mal im Monat heruntergeladen – rein organisch, also ohne jegliches Marketing-Budget. Das sind  Nutzer, die die Marke Shazam lieben. Nicht umsonst ist unsere Brand mittlerweile ein Verb – ähnlich wie bei Google. Man googelt etwas und man shazamt etwas.

„Berlin ist im Prinzip eine Mischung aus New York, San Francisco und Washington D.C.“
Richard Harless, Deutschlandchef Shazam

Warum haben Sie sich für den Standort Berlin entschieden und nicht etwa Hamburg, München oder Köln?

Harless: Diese Frage wird mir kurioserweise sehr oft gestellt. Wollen Sie die Power-Point-Präsentation sehen, die ich für meine amerikanischen Kollegen gemacht habe, in der ich tatsächlich jede große deutsche Stadt penibel analysiert habe? (lacht)

Geben Sie mir eine kurze Zusammenfassung.

Harless: Ich wurde von meinen US-Kollegen gefragt, warum wir nicht in Düsseldorf sitzen, weil dort immerhin viele wichtige Agenturen zu finden sind. Ich habe ihnen gesagt, dass wichtige Agenturen auch in Hamburg, Frankfurt oder München sitzen. Auf einer Karte habe ich meinen Kollegen gezeigt, wo die wichtigsten Werbungtreibenden ihren Sitz haben. Und glauben Sie mir: Dort drüben kennt kaum jemand Herzogenaurach oder Wolfsburg. Heißt: In Deutschland muss man reisen, egal wo man seine Zelte aufschlägt. Ausschlaggebend für Berlin war schließlich, dass die Musik- und Technologieszene hier besonders aktiv ist, außerdem werden hier die politischen Entscheidungen getroffen. Berlin ist im Prinzip eine Mischung aus New York, San Francisco und Washington D.C. Nicht zu vergessen: Die Mehrheit unserer Partner sitzt in Berlin, etwa Universal Music, Spotify, Deezer, MTV und Soundcloud.

Jetzt arbeiten Sie hier mit fünf Angestellten. Sind das in erster Linie Sales-Leute oder Entwickler?

Harless: Die beschäftigen sich alle mit Sales, sind zuständig für Werbe- und Mediaagenturen, Markenkunden direkt, Musiklabels und Programmatic-Targeting-Kunden. Kundenbetreuung und Backend-Entwicklung werden nach wie vor aus London gesteuert. Und das ist auch gut so, denn dort, in unserem Heimatmarkt, wird ständig an neuen Features getüftelt – und dann muss man als Entwickler natürlich vor Ort sein. Ich selbst werde sehr häufig zwischen London und Berlin hin und her fliegen, damit das deutsche Büro immer am Ball bleibt.

Gibt es Pläne, das deutsche Shazam-Team zu erweitern?

Partridge: Wir warten erst einmal ab, wie sich die Dinge entwickeln. In diesem Jahr werden wir sicherlich keine weiteren Leute mehr einstellen, aber vielleicht 2018. Vor drei Jahren haben wir unser Australien-Büro in Sydney mit ebenfalls fünf Leuten eröffnet, heute arbeiten dort zwölf Angestellte. Das könnte sich in Berlin ähnlich entwickeln.

Mit Soundhound gibt es einen relativ starken Wettbewerber für Shazam. Bereitet Ihnen das Sorgen?

Partridge: Stimmt, das Geschäftsmodell von Soundhound ähnelt unserem sehr stark. Aber wir waren First Mover und haben heute die deutlich größere Reichweite. Wir beobachten selbstverständlich den Wettbewerb und ruhen uns nicht auf unserer Marktführerschaft aus.

Das merkt man. Shazam ist sehr umtriebig was die Werbeprodukte angeht. 

Partridge: Vor drei Jahren haben wir beispielsweise damit begonnen, die Musikerkennung für TV-Werbespots einzuführen. Und das funktioniert mittlerweile sehr gut. Mit Vodafone haben wie hierzulande eine TV-Kampagne gestartet, bei der Nutzer das Hintergrundlied "Human" von Rag'n'Bone Man shazamen konnten. An unseren Scan-Daten konnte man schließlich sehr detailliert ablesen, wann genau der Spot im TV lief, weil es dann signifikante Ausreißer nach oben gab. Vor zwei Jahren haben wir schließlich die Kamera in die App integriert, mit der Nutzer auch Bilder shazamen können. Seit wenigen Wochen gibt es zudem ein Augmented-Reality-Tool in der App, das wir auch vermarkten. Im Endeffekt läuft es darauf hinaus, dass wir keine reine Musikerkennungs-App mehr sein wollen, sondern einfach eine Erkennungs-App für alles.

„Niemand hat jemals gesagt: "Oh, dieses Lied ist blöd – lass‘ es mich schnell shazamen!" Die User verwenden die App, weil ihnen ein Song gefällt oder sie sich durch das Lied beispielsweise an die gemeinsamen Angel-Ausflüge mit dem Opa erinnert werden.“
Richard Harless, Deutschlandchef Shazam

Noch bis vor wenigen Monaten hatte Shazam seinen Nutzern kaum Werbung in der App gezeigt. Das hat sich nun Stück für Stück geändert. Müssen Sie nicht aufpassen, Ihre Nutzer nicht zu vergraulen?

Partridge: Das glaube ich nicht, zumindest ist das Feedback unserer Nutzer bislang sehr positiv. Eines der gängigsten Werbeformate im mobilen Web ist bekanntlich das Interstitial – man kann ihnen nicht entkommen und muss beispielsweise das kleine „X“ suchen oder zehn Sekunden warten, bis sie von alleine verschwindet. Unsere Werbeprodukte dagegen stören die User-Experience nicht.

Harless: Man darf nicht vergessen: Die User-Experience auf Shazam ist immer eine positive. Niemand hat jemals gesagt: „Oh, dieses Lied ist blöd – lass‘ es mich schnell shazamen!“ Die User verwendet die App, weil ihnen ein Song gefällt oder sie sich durch das Lied beispielsweise an die gemeinsamen Angel-Ausflüge mit dem Opa erinnert werden. Marken können Teil dieser positiven emotionalen Erfahrung werden und sich in einem wohligen Umfeld positionieren. 

Interview: Giuseppe Rondinella

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