Scalable Capital

Wie ein Münchner Start-up 30 Millionen Dollar vom mächtigsten Mann der Wall Street ergatterte

Die Scalable Capital-Gründer: Florian Prucker, Erik Podzuweit und Stefan Mittnik
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Die Scalable Capital-Gründer: Florian Prucker, Erik Podzuweit und Stefan Mittnik
Das Münchner Startup Scalable Capital will die Geldanlage automatisieren. Dafür gab der mächtigste Mann der Wall Street jetzt Millionen. Wie hat der Gründer das geschafft?
Eigentlich ist das Hotel Dolder Grand in Zürich kein Ort für Gründer mit schmalem Geldbeutel. Majestätisch am Westhang des Adlisbergs gelegen, werden in dem schlossartigen Bau normalerweise Politiker, Stars und Royals empfangen. Schon Albert Einstein und Winston Churchill sollen in einem der Zimmer übernachtet haben.


Als neulich auch der Name von Erik Podzuweit auf der Gästeliste des Hotels stand, war er nervös. Zwar fand in dem Hotel nur eine Finanzkonferenz statt. Doch der Grund von Podzuweits Besuch war ein anderer: Einer der mächtigsten Männer der Wall Street wollte angeblich in sein Startup investieren. Und hier, in Zürich, sollte er ihn treffen.

Geldanlage per Autopilot

Erik Podzuweit, 36, ist gelernter Banker und hat sich vor gut zwei Jahren selbstständig gemacht. Mit Florian Prucker und Stefan Mittnik gründete er das Münchner Startup Scalable Capital, einen Roboadvisor, der die Geldanlage revolutionieren soll.

Die Idee: Nach Beantwortung einiger Fragen durch den Nutzer zu Alter, Risikoneigung, Anlagezeitraum und -summe erstellen Algorithmen einen passenden Investmentfonds. Wie viele andere Konkurrenten wirbt Scalable Capital mit leichter Bedienung und geringen Gebühren. Eine eigens entwickelte Risikomanagement-Technologie überwacht außerdem die Vermögensbestände und führt automatisch Umschichtungen durch, wenn eine Verletzung der Risikokategorie droht.


Schnell sprach sich die Idee auch bei großen Spielern im Finanzmarkt herum, „Vor allem Blackrock hat sich früh für uns interessiert“, sagt Podzuweit im Gespräch mit t3n.de. Wer Blackrock nicht kennt: Das Unternehmen aus New York gilt als der weltweit größte Vermögensverwalter. 5,4 Billionen US-Dollar verwaltet Blackrock für seine Kunden und ist an allen deutschen Dax-Konzernen beteiligt. Ein riesiger Name.

„Irgendwann haben wir vor Larry Fink gehockt“

Dass Blackrock nun ausgerechnet in das kleine Startup von Podzuweit investieren wollte, hat er einer Visitenkarte zu verdanken. „Den Kontakt zum Europachef hatte ich bereits aus meiner Zeit als Investmentbanker im Adressbuch“, sagt Podzuweit. Eine Standleitung zur Führungsetage aber habe es nicht gegeben. Im Gegenteil.

Das Engagement sei stets von Blackrock ausgegangen. Immer wieder hätten sich Mitarbeiter des Konzerns gemeldet und beispielsweise wissen wollen, wie die Technologie des Startups funktioniert oder das Risikomanagement abläuft. „Als sie dann gesehen haben, dass unsere Software auch den eigenen Kunden gefallen könnte, ist das bei Blackrock immer höher geklettert, bis wir schließlich in diesem Hotel vor Larry Fink gehockt haben“, sagt Podzuweit nicht ohne Ehrfurcht.

Larry Fink gilt in der Finanzbranche als echtes Urgestein. Der 61-jährige Blackrock-Chef ist bestens vernetzt, berät Finanzminister und zählt Leute wie EZB-Chef Mario Draghi zu seinen Freunden. Fink gehörte auch zu den Erfindern jeder in den 80er-Jahren entstandenen Hypothekenpapiere, deren massenhafte Implosion 2008 zur großen Finanzkrise führte. Manche halten ihn sogar noch heute für gefährlich

250 Millionen Euro in 15 Monaten

Glaubt man Podzuweit, war davon während des einstündigen Gesprächs im Zürcher Dolder Grand nichts zu spüren. Fink begrüßte ihn und Mitgründer Florian Prucker mit Vornamen. Schnell ergab sich ein Austausch „von Gründer zu Gründer“. „Als wir ihm gesagt haben, dass wir uns aus Kostengründen lieber in einem Doppelzimmer am anderen Ende der Stadt eingemietet haben, fand er das ziemlich charmant. Daraufhin hat er über seine Anfangszeit bei Blackrock gesprochen, als er noch rauchend in der Economy-Class nach China geflogen ist, um Deals einzutüten“, so Podzuweit.

Als es schließlich um das Investment für sein Startup ging, waren die Gründer vorbereitet. Podzuweit imponierte mit Fakten: 15 Monate nach der Gründung haben Kunden seiner Software bereits ein Anlagevermögen von 250 Millionen Euro anvertraut. Mit Siemens wurde außerdem ein namhafter Konzern als Partner gewonnen. Neben Deutschland wächst das Startup auch in Großbritannien stark.

Keine Selbstverständlichkeit, wie Podzuweit findet. Im Gegensatz zu den USA sei Europa für Finanzinnovationen ein schwieriger Markt. „Es gibt keine einheitliche Sprache, jedes Land hat ein eigenes Steuersystem, eine andere Kultur“, sagt er. Entsprechend interessiert sei der Blackrock-Chef an einer skalierbaren Lösung für alle Länder gewesen. „Da wir von Anfang auf eine modulare Technologie gesetzt haben, welche die Software beispielsweise automatisch an fremde Sprachen und Währungen anpasst, war Fink schnell überzeugt“, so der Gründer weiter.

„Wer am Montag nicht kündigt, ist raus“

Auch die Expertise der Gründer gefiel dem Investor. Podzuweit hat sieben Jahre bei Goldman Sachs gearbeitet, genau wie Mitgründer Prucker. Mit Stefan Mittnik mischt sogar ein Finanzprofessor beim Startup mit. „Wir sind also vom Fach, haben aber trotzdem noch den Weitblick, in Innovationen zu denken“, fasst Podzuweit zusammen. „Wer zu lange in der Finanzbranche gearbeitet hat, leidet unter Betriebsblindheit.“

Angefangen hatte bei Scalable Capital alles mit nervigen Fragen aus dem Verwandtenkreis. Wie soll das Geld in Zeiten von Niedrigzinsen am besten angelegt werden? Lohnt sich ein Tagesgeldkonto überhaupt? Podzuweit, der 2014 schon länger mit dem Gedanken einer Gründung spielte, kontaktierte schließlich Pruckner und Mittnik. Beide kannte er bereits, doch bis die Idee stand, vergingen einige Wochen. „Irgendwann habe ich eine Whatsapp rumgeschickt und gesagt, wer bis Montag nicht gekündigt hat, ist nicht als Gründer dabei“, sagt Podzuweit rückblickend.

Ein halbes Jahr bis zum Notar

Es ist auch diese Geschichte, die den Blackrock-Chef Larry Fink letztlich dazu brachte, 30 Millionen US-Dollar in das Startup von Podzuweit zu investieren. Auch wenn bis zur Unterschrift noch einige quälende Monate vergingen, wie der Gründer zugibt. Fast ein halbes Jahr habe die Due-Diligence-Prüfung gedauert. Jeder Stein sei dreimal umgedreht worden. „Da zweifelt man manchmal schon, ob am Ende auch wirklich alles klappt“, sagt Podzuweit. Das Geld will Podzuweit nun unter anderem in die Weiterentwicklung der Software und die Internationalisierung stecken. Und wer weiß: Vielleicht ist ja auch noch eine Übernachtung im Hotel Dolder Grand in Zürich drin.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf t3n 
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