Sascha van Holt

Wie aus dem ehemaligen Chartstürmer ein Start-up-Investor wurde

Sascha van Holt: Früher hat er in den Clubs aufgelegt, heute ist er CEO von Seven Ventures
© HORIZONT
Sascha van Holt: Früher hat er in den Clubs aufgelegt, heute ist er CEO von Seven Ventures
Früher stürmte er mit der DJ-Gruppe "Master Blaster" international die Musik-Charts, heute investiert er in verheißungsvolle Tech-Start-ups: Sascha van Holt ist Geschäftsführer von Seven Ventures, dem Investmentarm von Pro Sieben Sat 1, und besitzt wohl einen der exotischsten Lebensläufe in der Branche. Der 38-Jährige hat HORIZONT Online Einblick in seinen Arbeitsalltag gewährt - und sieht viele Parallelen zwischen der Musik- und der Investmentszene.
Kurz nach Feierabend wird es nochmal richtig laut in der Medienallee 4. Dort, am Unterföhringer Hauptsitz von Seven Ventures, haben sich Dutzende Mitarbeiter nach Arbeitsende im großen Konferenzraum zusammengefunden, um ihren Chef Sascha van Holt in Aktion zu sehen. Und zwar hinter dem Mischpult. Es ist "Thursday Bar", ein regelmäßig stattfindendes After-Work-Event bei den Start-up-Investoren - und van Holt ist mittendrin. Drei Stunden lässt der ehemalige Star-DJ die Platten kreisen, spielt die alten Klassiker wie "Hypnotic Tango" und amüsiert seine Kollegen, die im Business-Outfit das Tanzbein zu seinen Eurodance-Beats schwingen. Fast wie vor zehn Jahren, sagt van Holt zwei Wochen nach der Party. Mit einer Ausnahme: Anders als früher fliegen ihm mittlerweile keine Teddybären und BHs mehr um die Ohren.


Früher - das war im Jahr 2002, als van Holt, damals zarte 23 Jahre alt, mit seinen beiden Freunden als DJ-Trio "Master Blaster" völlig überraschend die Charts stürmt. Die Single "Hypnotic Tango" - die Coverversion eines Italo-Disco-Hits - entpuppt sich nach zahlreichen eher mittelmäßigen Aufnahmen als Volltreffer: das Massenpublikum steht drauf. Der Song klettert in Deutschland bis auf Platz 7 in den Charts, avanciert zu einer der erfolgreichsten Dance-Singles des Jahres und bringt den unverhofften Newcomern sogar eine Echo-Nominierung ein. Schließlich folgt Auftritt auf Auftritt, von einer runzeligen Bauern-Disse in Ostdeutschland bis zum Nobel-Club in Frankreich ist alles dabei.
Der Rauschzustand ist mittlerweile abgeklungen. Der heute 38-Jährige ist als CEO von Seven Ventures in der harten Geschäftswelt angekommen, hat Sneaker und lockeres Shirt längst gegen schicke braune Lederschuhe und Hemd gewechselt. Auf Terminen sieht man ihn oftmals im schwarzen Anzug mit weißem Einstecktuch - fast schon overdressed. Bis auf den angepassten Kleidungsstil wirkt van Holt aber erfrischend unangepasst. Zumindest im Vergleich zu anderen Managern in ähnlichen Positionen. Als HORIZONT Online zum Besuch in der Konzernzentrale vorbeischaut, sitzt van Holt lässig in seinem Stuhl, das linke Bein über das rechte geschlagen, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, vor ihm auf dem Tisch eine Cola-Flasche und sein iPhone, das im Laufe des Gesprächs alle fünf Minuten vibrieren wird.

Es ist Montag. Van Holt ist gerade aus seinem Heimatort Bochum eingeflogen, wo er seine Wochenenden verbringt, mit Familie und Freunden. Unter der Woche, wenn er arbeiten muss, quartiert er sich in ein Unterföhringer Hotel ein. Sein Arbeitsalltag, sagt er, besteht im Wesentlichen daraus, den 35 Mann starken Apparat zu steuern und Ausschau nach Trends, disruptiven Geschäftsmodellen und innovativen Start-ups zu halten. Das ist wiederum das Geschäftsmodell von Seven Ventures: Der 2009 gegründete Investmentarm von Pro Sieben Sat 1 schließt mit erfolgsversprechenden Gründern sogenannte "Media for Equity"- oder "Media for Revenue"-Deals ab, bietet den Start-ups also Medialeistung an und erhält im Gegenzug Unternehmensanteile oder eine Umsatzbeteiligung.


Alleine im Jahr 2015 hat Seven Ventures eigenen Angaben zufolge mehr als 500 Stunden Werbezeit für mehr als 60 Start-ups freigeräumt - darunter Unternehmen, die mittlerweile Eingang in den Alltag zahlreicher Konsumenten gefunden haben: Lieferando, Shopkick, About You und nicht zuletzt Zalando. "Zalando ist so etwas wie das Paradebeispiel für das, was wir machen", sagt van Holt. Vor sieben Jahren vom führenden Inkubator Rocket Internet als Online-Retailer für Schuhe gegründet, hat sich Zalando auch durch die regelmäßige Penetration in den Werbeblöcken von P7S1 zum Marktführer in seinem Segment entwickelt. Mittlerweile ist Zalando sogar an der Börse notiert. Diese Erfolgsgeschichte wünscht sich van Holt für jedes Start-up, in das er investiert. "Es ist uns wichtig, dass das Start-up das Zeug hat, die Nummer 1 bis 3 in seiner Kategorie zu werden", sagt er. Sieht er dieses Potential nicht, wird auch nicht investiert. "Es bringt uns nichts einem Unternehmen von Platz 27 auf 26 zu verhelfen. Wir wollen Marktführer etablieren." Ein aktuelles Beispiel ist das Start-up Clark, mit dem sich van Holt jüngst zusammengetan hat. Das Frankfurter Insuretech-Unternehmen ist erst im Sommer diesen Jahres gestartet und hat bereits zweistellige Millionenbeträge eingesammelt. Mit der Werbe-Power von Pro Sieben Sat 1 soll sich Clark nun zur ersten Anlaufstelle für Versicherungen im Internet aufschwingen.

Die Suche nach einem zweiten Zalando ist aber mit einigen Schwierigkeiten verbunden: Es gibt mittlerweile unzählige Start-ups in Deutschland und täglich kommen neue hinzu. Fintech, Insuretch, Food, Messaging oder Mobility: Die Palette der jungen Firmen, die sich auf die Fahnen geschrieben haben, angestaubte Geschäftsmodelle zu disruptieren, ist groß. Wie behält man da den Überblick? Und noch viel wichtiger: Wie findet man die Rosinen? Dass man dafür viel unterwegs sein muss, versteht sich fast von selbst. Van Holt ist regelmäßig auf Veranstaltungen, jüngst etwa auf der Start-up-Con in der Kölner Lanxess-Arena, bietet sich den jungen Gründern dort an und hält selbst die Augen offen. Im Prinzip geht er bei seiner Auswahl zwei Kriterien durch. Erstens: Hat das Start-up einen breiten Consumer-Fokus? Und zweitens: Kann das Unternehmen den Einstieg von Seven Ventures abfedern - etwa in puncto Server-Infrastruktur? "Das, was wir dann anzünden, muss auch abgefackelt werden können. Immerhin schieben wir ja Millionen Besucher auf die Seite", sagt van Holt.

Wahrscheinlich ist es aber noch sehr viel wichtiger, den richtigen Riecher zu haben. Das Gespür dafür, welches Geschäftsmodell zum kommerziellen Hit avancieren könnte. Welches Produkt die Konsumenten dort draußen wirklich wollen. Hier spielt van Holt seine musikalische Vergangenheit in die Karten, sagt er. "Das ist im Venture Capital-Bereich genau wie in der Musikbranche." Er sei es damals gewesen, der Anfang der Nuller-Jahre die Idee dafür hatte, den Disco-Hit "Hypnotic Tango" der italienischen Band "My Mine" aus dem Jahr 1983 musikalisch neu zu verpacken. Weil er sich sicher war, dass das beim Massenpublikum ankommen würde. "Du nimmst etwas Altes, veränderst es und schaffst etwas völlig Neues. Start-ups handeln auf die gleiche Art und Weise." Schon als junger Schüler war in van Holt bereits der Wunsch gereift, DJ und Musikproduzent zu werden. Als Jugendlicher sparte er das Taschengeld, das er sich beim Zeitungsaustragen verdient hatte, zusammen und kaufte davon Musikequipment. Einen Plattenspieler und ein Keyboard beispielsweise. Mit 15 Jahren fängt van Holt schließlich an Musik zu machen, durchläuft eine klassische Klavierausbildung und fängt an, sich für elektronische Musik zu begeistern. Es sind die 80er, die aufkommende Stilrichtichtung "Euro Dance" erfreut sich großer Beliebtheit mit ihren harten Bässen und wenig abwechslungsreichen Melodien. Böse Zungen behaupten, diese Zeit habe später "Master Blaster" stark beeinflusst.

Mit 18 Jahren veröffentlicht van Holt schließlich seine erste Single, bekommt einen Deal bei einem unbekannten Plattenlabel, verkauft eine Kleinauflage und investiert das verdiente Geld in neues Musikequipment. In dieser Zeit lernt er seine späteren "Master Blaster"-Kollegen Mike de Ville und Rico Bass kennen, mit denen er gemeinsam Platten produziert, an Labels verschickt - und nur Absagen erhält. Bis sie schließlich im Jahr 2002 den Song "Hypnotic Tango" auf CD pressen und an Sony schicken - ohne große Hoffnungen. Die rufen zurück und bieten dem Trio, das sich fortan "Master Blaster" nennt, einen Vertrag an, mitsamt Low-Budget-Videodreh in einer Berliner Spelunke. Wochen später, als die Jungs den Dreh für ihren Hit längst vergessen hatten und tagelang nichts mehr von Sony hörten, kam die Überraschung. "Wir saßen in einer Pommesbude, als mein Kumpel auf den Monitor an der Wand blickt und zu mir sagt: 'Sascha, das bist doch du!'". "Hypnotic Tango" lief gerade auf dem Musiksender Viva. Der Wahnsinn ging los.
Doch lange hielt er nicht an. Die nachfolgenden Songs "Ballet Dancer" und "How Old R U" konnten den Erfolg der Debutsingle nicht wiederholen, ab 2004 erreichten die "Master Blaster"-Songs höchstens Chartplatzierung 67. Im Laufe der Zeit fängt van Holt an, sich von der Band mehr und mehr zu lösen. Über Umwege bekommt er einen Fulltime-Job bei Arvato angeboten, um für den Medienkonzern Bertelsmann die digitale Musikdistribution mitaufzubauen. Von dort ging es 2005 zu Waterland, einer Private-Equity-Investment-Gesellschaft. Dort kommt van Holt erstmals mit der Venture-Capital-Szene in Berührung - und leckt offensichtlich Blut. Vier Jahre später wirbt ihn Pro Sieben Sat 1 ab, um mit ihm eine Gesellschaft für Online-Investments zu gründen.

Das Projekt "Master Blaster" hat van Holt mittlerweile ad acta gelegt. Ab und an werden zwar noch Remakes der alten Hits produziert, etwa 2012 mit Paul Janke, der durch die RTL-Sendung "Der Bachelor" bekannt wurde. Bis auf geringe Umsatz-Anteile an den Liedern, ist aber nur noch wenig übrig geblieben aus dieser Zeit. Etwa das weiße Keyboard, das van Holt bei vielen seiner Auftritte um die Schulter schnallte. In seinem Bochumer Haus hat es einen Ehrenplatz.

Der Kult um "Master Blaster" aber ist bis heute geblieben. Das After-Work-Event bei Seven Ventures vor wenigen Tagen ist nicht zuletzt auf Wunsch der Mitarbeiter entstanden, die ihren Chef unbedingt noch einmal am Mischpult sehen wollten. Die Vorfreude auf seinen Auftritt war so groß, dass im Vorfeld Werbeplakate für das Event gedruckt und an die Wände in den Bürogängen aufgehängt wurden. Auch zwei Wochen später hat sie noch niemand entfernt. ron
stats