Mobile Spree

Wo die nächste Marketer-Generation zusammenkommt

Adjust-CEO Christian Henschel auf der "Mobile Spree" in Berlin
© Steve Bergmann
Adjust-CEO Christian Henschel auf der "Mobile Spree" in Berlin
Themenseiten zu diesem Artikel:
Die Technologie von Adjust findet sich auf nahezu jedem Smartphone, dennoch ist der Name des erfolgreichen Start-ups weitestgehend unbekannt. Die Berliner Firma will bewusst unter dem Radar fliegen. Ähnlich geht sie auch bei ihrem jährlichen Branchenevent "Mobile Spree" vor: Kaum jemand kennt es, trotzdem trifft sich hier das Who-is-who der nächsten Marketer-Generation.

Öffentliche Auftritte von Christian Henschel sind eher selten. Und wenn der Gründer und Chef von Adjust dann doch mal auf einer Bühne steht, hält er sich in der Regel kurz. "Ich freue mich, dass ihr gekommen seid", ruft Henschel den 240 Menschen im Publikum zu, die auf seine Einladung hin ins Berliner Stadtbad Oderberger gekommen sind. Adjust veranstaltet dort zum dritten Mal die Branchenkonferenz "Mobile Spree". Ein paar Worte noch zur Entwicklung seiner Firma, dann gibt Henschel das Mikro auch schon wieder ab an einen Moderator, der den Rest des Tages durchs Programm führt.



Henschel ist einer der wenigen Gründer im Berliner Start-up-Ökosystem, die sich lieber zurückhalten statt aktiv das Rampenlicht zu suchen. Dabei hätte er allen Grund dazu: Seine 2012 gegründete Adtech-Firma Adjust ist im dritten Jahr infolge profitabel. Die Technologie, mit der App-Publisher analysieren können, wie sich ihre Nutzer verhalten, ist in über 20.000 Apps integriert - darunter Spotify, Uber und Buzzfeed. 250 Mitarbeiter, 13 Büros weltweit und mehr als 2000 Kunden zeugen vom Erfolg des Berliner Unternehmens. Dennoch: "Wir fliegen gerne unterm Radar", sagt Henschel, dem ein gutes Produkt wichtiger ist, als gute PR.
 Die Adjust-Gründer Paul H. Müller, Christian Henschel und Manuel Kniep
© Adjust
Die Adjust-Gründer Paul H. Müller, Christian Henschel und Manuel Kniep
Mit Adjusts hauseigenem Event "Mobile Spree" verhält es sich kaum anders. Die Veranstaltung soll den Marketing-Nachwuchs miteinander verknüpfen und zum Wissensaustausch anregen. Gekommen sind in diesem Jahr rund 240 zumeist junge App-Marketer im Alter zwischen 25 und 35, die bei Start-ups wie Blablacar, Runtastic oder Innogames arbeiten. In der großen Marketing-Welt von Procter & Gamble, Telekom und Co kennt man die Nachwuchs-Marketer nicht, in der Mobile-Marketing-Branche spielen sie allerdings in der Champions League. "Alle hier im Saal verwalten zusammen etwa 1 bis 2 Milliarden Euro Werbebudget", sagt Henschel.

Beispiel Viber: Der in Israel gegründete Messenger zählt weltweit mehr als 1 Milliarde Nutzer und ist in den vergangenen Jahren zu einem schlagkräftigen Whatsapp-Wettbewerber avanciert. Trotzdem ist die App, die 2014 vom Amazon-Konkurrenten Rakuten übernommen wurde, hierzulande ein unbeschriebenes Blatt. Moshi Blum, Head of User Acquisition bei Viber, erzählt seinen Mitstreitern auf der "Mobile Spree", wie man möglichst effektiv neue User hinzugewinnt. Dem Unternehmen zufolge melden sich jede Minute 2000 neue Nutzer an. Zahlen, von denen andere App-Anbieter nur träumen können. Ein großes Tamtam um seine Gäste und die Veranstaltung will der 43-jährige Adjust-Chef dennoch nicht machen. Auch für seine Konferenz gilt die Devise: Zurückhaltung. Mehr Besucher? Mehr Speaker? Mehr Programm? Muss alles nicht sein, sagt Henschel. Mehr Quantität bedeute nicht mehr Qualität. Das Motto der Veranstaltung ist entsprechend gewählt: "No sponsors, no sales pitches, no booths and no bullshit". Tatsächlich wirkt die Veranstaltung erstaunlich aufgeräumt. Eine Bühne, viele Stuhlreihen und ein Buffet - mehr nicht.
„In ein paar Jahren arbeiten die alle bei BMW oder bei anderen großen Unternehmen.“
Christian Henschel, Adjust
Diskutiert wird beispielsweise darüber, wie die DSGVO das App-Marketing beeinflusst, welche Attribution- und Retention-Strategien sinnvoll sind und was man von der Games-Industrie über die Gewinnung neuer App-Nutzer lernen kann. Wie bei Start-ups üblich, steht der Performance-Ansatz dabei immer im Fokus. Statt Branding und klassischer Offline-Werbung spielen KPIs wie Customer Lifetime Value oder User Aquisition Cost die wichtigste Rolle. Henschel sieht in den Besuchern die nächste Marketer-Generation heranreifen: "In ein paar Jahren arbeiten die alle bei BMW oder bei anderen großen Unternehmen."


Bis es soweit ist, will Henschel weiter jährlich die App-Marketer dieser Welt zusammenbringen. Seit 2017 auch in San Francisco, wo es nun einen Ableger der Veranstaltung gibt."Für mich ist das wirklich die beste Mobile-Konferenz in Europa, auch wenn Eigenlob stinkt", resümiert Henschel nach der dritten Auflage der "Mobile Spree". Der Meister der Zurückhaltung kann auch selbstbewusst sein. ron

stats