Chatbots, Roboterjournalisten und Co

Wie moderne Technologien im US-Wahlkampf mitmischen

Viele Bots vergiften das politische Klima in Netz
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Viele Bots vergiften das politische Klima in Netz
Roboter spielen im aktuellen Wahlkampf um das US-Präsidentenamt eine große Rolle - mit positiven und negativen Effekten. Auf der einen Seite vergiften Social Bots das Meinungsklima, auf der anderen Seite nehmen Roboter Politikjournalisten viel Arbeit ab.
Als sich Anfang Oktober die beiden Präsidentschaftsbewerber Hillary Clinton und Donald Trump beim zweiten TV-Duell gegenüberstanden, verstrichen gerade einmal wenige Minuten, bis auf dem Kurznachrichtendienst Twitter die Diskussionen hochkochten. Nach 180 Sekunden waren bereits über 30.000 Tweets zu den beiden Kandidaten zu lesen. Ein ungewöhnlich hoher Wert. Verantwortlich dafür waren allerdings weniger gesprächsfreudige Twitterer, sondern vielmehr Propaganda-Bots.


Diese Computerprogramme geben vor, real existierende Nutzer zu sein. Sie sind darauf programmiert, sinnvolle Texte zu schreiben und sich an Diskussionen in sozialen Netzwerken zu beteiligen. So wurde etwa nach nur wenigen Sekunden ein von der Trump-Kampagne abgesetzer Tweet über Vergewaltigungsanschuldigungen gegen Bill Clinton sekundenschnell tausendfach geteilt.

Beide Kandidaten, sowohl die Demokratin Clinton wie auch der Republikaner Trump, haben bereits vor Monaten damit angefangen, eine Schar an Twitter-Followern hinter sich zu versammeln. Doch die meisten Anhänger sind in Wahrheit gar keine. Donald Trump folgen laut der Analyse-Plattform Twitteraudit 4,6 Millionen Fake-Accounts, das ist etwa jeder Dritte seiner Anhängerschaft. Dass sich der Republikaner auf Twitter @realDonaldTrump nennt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Bei Hillary Clinton sieht es jedoch kaum besser aus: Unter ihren 10,2 Millionen Followern sind 3,7 Millionen Bots. Und selbst der offizielle Präsidenten-Account @POTUS zählt knapp 3 Millionen Fake-Fans. Das hat zur Folge, dass Bots zunehmend zu einem Problem der politischen Willensbildung avancieren. Beispiel: Während des ersten TV-Duells der beiden Kontrahenten im September machte auf Twitter ein vier Jahre alter Tweet von Donald Trump die Runde und wurde vom Kurznachrichtendienst gar als "Top Retweeted Tweet" geadelt. Darin verbreitete der US-Milliardär eine Verschwörungstheorie, nach der die Erderwärmung eine Erfindung der Chinesen sei, um die amerikanische Autoindustrie zu schwächen. Diese absurde Behauptung wurde von Bots tausendfach geteilt. Und weil sich Meinungen mit Bots so erfolgreich manipulieren lassen, hat jüngst auch die AfD angekündigt, im anstehenden Bundestagswahlkampf auf automatisierte Einträge auf Twitter, Facebook und Co setzen zu wollen. Dafür will die Partei Social Bots verwenden, die Posts automatisch generieren, aber so aussehen, als ob sie von real existierenden Personen stammen. 
"Selbstverständlich werden wir Social Bots in unsere Strategie im Bundestagswahlkampf einbeziehen", sagte Bundesvorstandsmitglied Alice Weidel dem "Spiegel".


Aber nicht nur die Politik selbst, auch die Medienhäuser setzen verstärkt auf die Möglichkeiten der modernen Computertechnik - zumindest in den USA. Die "New York Times", die "Washington Post", die Sender CNN und NBC, Yahoo News und Organisationen wie ProPublica setzen im US-Wahlkampf und während der Wahl am Dienstag auf Programme, bei denen Algorithmen aus Daten einen Text kreieren sowie auf virtuelle Roboter, die sogar mit Nutzern kommunizieren können. Hierbei dient die Technik also weniger der Manipulation, sondern der schnelleren und vertieften Rezeption von Nachrichten.

Von Robotern geschriebene Artikel sind zwar per se nichts Neues - schon seit einigen Jahren ist die Sportberichterstattung einiger US-Titel vollautomatisiert - aber in der Politikberichterstattung ist das ein Novum. Die "Washington Post" setzt beispielsweise am Wahltag auf das Programm Heliograf, das eine Mischung aus von Menschen geschriebenen und automatisch erstellten Artikeln erzeugt. So sollen Texte entstehen, die "besser sind als die aus einem automatischen System, die aber rascher aktualisiert werden können als jede von einem Menschen geschriebene Geschichte", erklärt der Verantwortliche Jeremy Gilbert. ron
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