Blockchain nicht kapiert?

Diese 5 Start-ups sorgen für den Aha-Effekt

Die Blockchain-Technologie ist mehr als nur die Bitcoin-Basis.
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Die Blockchain-Technologie ist mehr als nur die Bitcoin-Basis.
Die Kursexplosionen bei Kryptowährungen verhelfen der Blockchain-Technologie zu neuem Aufschwung. Doch an welchen Ideen arbeiten Startups überhaupt? Ein Überblick.
An dem Versuch, die Blockchain auf verständliche Weise zu erklären, haben sich schon viele die Zähne ausgebissen. Auch dem Autor dieses Textes erging es lange so. Irgendwas mit Dezentralität und Bitcoins, ja klar. Aber wie funktioniert sie denn nun genau, die Technologie, von der Szene-Kenner behaupten, sie könne Bankentürme zum Einsturz bringen oder raffgierigen Plattenfirmen auf ewig das Geschäft vermiesen?


Zum Glück stieß ich neulich auf ein geniales Online-Wörterbuch, das mir die erhoffte Antwort bescherte: Man stelle sich eine Bürgerversammlung im Rathaus einer Stadt vor. Der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt und alle Teilnehmer haben die Aufgabe, das Gesagte zu protokollieren. Also nimmt jeder sein Notizbuch zur Hand und schreibt auf, was passiert. Dabei schaut jeder seinem Sitznachbarn über die Schulter und prüft, ob die eigenen Aufzeichnungen auch der Wahrheit entsprechen. Nur wenn dies zutrifft, kann die Versammlung am Ende ein neues Bauvorhaben beschließen.

So plakativ es klingt: Aber nach diesem Prinzip funktioniert auch die Blockchain-Technologie: Jede Blockchain besteht vereinfacht gesagt aus einer Kette von Datensätzen, die von allen Rechnern des Netzwerks verwaltet und berechnet werden. Dabei landet auf jedem angeschlossenen Computer eine Kopie der verschlüsselten Daten. Somit ist eine Fälschung oder gar Löschung der Daten de facto nicht mehr möglich. Auf diese Weise lassen sich etwa Bitcoins schnell und sicher speichern und auf ein Konto überweisen. Eine zentrale Vermittlerstelle wie eine Bank ist obsolet. Die dezentrale Datenbank ist aber nicht nur für monetäre Transaktionen interessant, sondern für den Austausch virtueller Güter aller Art. Wie bei Apples Appstore werden auf diese Weise Geschäftsmodelle möglich, an die bisher niemand gedacht hat.


Aber wie könnten solche Geschäftsmodelle in Zukunft konkret aussehen? Die Zahl der Unternehmen, die an neuen Produkten rundum die Blockchain arbeiten, ist in den vergangenen Jahren jedenfalls rasant gestiegen. Laut einer Auswertung des Portals Blockchain Angels gibt es derzeit mehr als 1.200 Startups in diesem Bereich. Während sich die Mehrheit von ihnen auf den Finanz- und Versicherungssektor konzentriert, tun sich auch auch in den Bereichen Energie, Mobilität und Social Networking neue Geschäftsmöglichkeiten auf. Die folgenden Beispiele verdeutlichen dies:

Kaum ein Konzern sitzt auf einem größeren Datenschatz als Facebook: Mit Diensten wie Whatsapp, Instagram und dem Messenger verfügt das soziale Netzwerk über unzählige Nutzerinformationen. Die Blockchain-Technologie bietet die Möglichkeit, dieses Datenmonopol aufzuheben. Das niederländische Startup Channels hat dieses Potenzial erkannt und will in Kürze mit einer entsprechenden Chat-App an den Start gehen. Alle Nachrichten sollen vollständig verschlüsselt und auch deren Herkunft nicht ermittelbar sein. Auch zeitweilige Systemausfälle sollen vom Tisch sein. Mehr noch: Nach dem Vorbild der äußerst populären Kik-App sollen in Zukunft auch Kryptowährungen über den Messenger verschickt werden können.

Traditionelle Banken gelten als Musterbeispiel für einen zentralen Mittelsmann, da sie jede Überweisung und jeden Kontostand autorisieren und die Nichtveränderbarkeit sicherstellen müssen. Mit der Blockchain ist dies im Grunde genommen nicht mehr notwendig, denn dieser Prozess ist ja schon in der Architektur der Technologie verankert. Da liegt es nahe, ein entsprechendes Girokonto auf Blockchain-Basis anzubieten. So wie Bitwala: Das Berliner Startup konzentriert sich vorerst auf den Geldtransfer ins Ausland, der im Vergleich zu bürokratischen Anbietern wie Western Union besonders einfach und kostengünstig sein soll. Darüber hinaus bietet Bitwala seinen Nutzern auch eine bitcoinfähige Debitkarte zum Bezahlen im Einzelhandel an.

Auch für den Austausch physischer Gegenstände im Sinne der Sharing-Economy birgt die Blockchain viel Potenzial, wie Slock.it veranschaulicht: Der Idee des Startups nach kann jeder Gegenstand zu einem Blockchain-fähigen „Slock“ werden, vorausgesetzt, er lässt sich per Bluetooth oder WLAN ansteuern. Dies könnte zum Beispiel ein Türschloss zu einer Wohnung sein, die vorübergehend an Touristen vermietet wird. Der Clou? Durch den Einsatz sogenannter Smart Contracts, einem automatischen Vertragsprotokoll, können Wohnungen autonom vermietet und sicher bezahlt werden. Auch der Verleih von Autos wäre so ohne Zutun eines Carsharing-Betreibers möglich.

Wer einen Cloudspeicher wie Dropbox oder Google Drive nutzt, vertraut seine Daten notwendigerweise einem der großen Netzkonzerne an. Das birgt Risiken, denn: Im Falle eines Hackerangriffs droht der gesamte Verlust der Daten. Auch die willkürliche Zugriffsverweigerung auf Online-Dienste, wie Paypal im Zuge der Wikileaks-Affäre gezeigt hat, kann nie ausgeschlossen werden. Anders ist das bei Storj, einem US-Startup, das einen dezentralisierten, Ende-zu-Ende-verschlüsselten Cloudspeicher anbietet. Durch die Blockchain können die Daten auf alle am Storj-Netzwerk teilnehmenden Computernutzer verteilt und sicher gespeichert werden.

Ist eine Welt ohne autoritäre Verwertungsgesellschaften oder Plattenfirmen denkbar? Dank der Blockchain muss das jedenfalls keine Zukunftsmusik bleiben. Auf Basis der Technologie arbeitet das Startup Ujo an einer dezentralen Datenbank für Musikrechte, mit der lästige Rechtsfehden wohl der Vergangenheit angehören könnten. Die Idee dahinter: Musiker geben Informationen zu Lizenz und Verwertungsrechten wie den Preis für Streaming-Portale, den Download oder für Remixe durch andere Künstler an, sodass Ausschüttungen automatisch erfolgen können. Nimm das, GEMA!

Dieser Beitrag erschien zuerst auf t3n.de
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