Amazon Echo

So nutzen Bild, Tagesschau und Co den smarten Lautsprecher

Amazon Echo kostet hierzulande 180 Euro
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Amazon Echo kostet hierzulande 180 Euro
"Alexa, was sind die Nachrichten des Tages?" Wenn Nutzer von Amazons smartem Lautsprecher Echo diese oder ähnliche Fragen stellen, antwortet die Sprachassistentin mit den neuesten News von Tagesschau, "Bild", Spiegel Online oder N-TV. Die Publisher, die von Beginn an dabei sind, nutzen den Lautsprecher als Experimentierwiese und positionieren sich als Innovationsführer im Smart-Home-Bereich. Der tatsächliche Nutzen ist umstritten.
Schon lange bevor Amazon Echo vor wenigen Tagen auch in Deutschland an ausgewählte Empfänger verschickt wurde, arbeiteten hierzulande dutzende Entwickler an einer Schnittstelle zur Sprachassistentin Alexa. Amazon stellte dafür das sogenannte "Alexa Skill Kit" (ASK) zur Verfügung, mit dem Unternehmen mit ein paar Zeilen Code bereits existierende Web-Angebote direkt in Alexa integrieren oder komplett neue Sprachanwendungen entwerfen konnten. Genutzt haben dies unter anderem Marken wie BMW, Innogy, Mytaxi oder Spotify - aber auch große Medienhäuser wie Spiegel Online, N-TV, Tagesschau und "Bild".


Vor allem N-TV zeigt sich gegenüber HORIZONT Online sehr interessiert an diesem neuen Distributionskanal. "Wir gehen davon aus, dass die Themen Sprachsteuerung und Spracherkennung in den nächsten Jahren eine immer wichtigere Rolle spielen werden", sagt Eva Messerschmidt, Ressortleiterin Sales & Digital Products bei N-TV. Der Nachrichtensender verfolgt seit mehreren Jahren eine konsequente Multiplattform-Strategie und bietet seine Inhalte spezifisch aufbereitet auf allen möglichen Plattformen an - auch auf dem Smart TV oder der Smart Watch. "Daher wollen wir uns auch im Smart-Home-Bereich entsprechend mit unserem Audio-Content positionieren", so Messerschmidt.
„Wir gehen davon aus, dass die Themen Sprachsteuerung und Spracherkennung in den nächsten Jahren eine immer wichtigere Rolle spielen werden“
Eva Messerschmidt, Ressortleiterin Sales & Digital Products bei N-TV
Eva Messerschmidt, Ressortleiterin Sales & Digital Products bei N-TV
© N-TV
Eva Messerschmidt, Ressortleiterin Sales & Digital Products bei N-TV
Wenn Alexa die N-TV-News vorliest, greift sie auf die jeweils aktuellen Nachrichten aus dem RSS-Feed zurück. Ähnlich handhaben das auch die anderen Medienanbieter, etwa die Tagesschau. Die technische Zulieferung erfolgt bei dem öffentlich-rechtlichen Sender über einen Feed, der auch für andere Abnehmer zugänglich ist. Ausgespielt wird dann bei Amazon Echo die Audio-Spur des Formats "Tagesschau in 100 Sekunden". "Amazon hat ARD-aktuell vor einem halben Jahr gefragt, ob Interesse bestünde, Inhalte der Tagesschau auf Alexa anzubieten", erklärt ein NDR-Sprecher auf Nachfrage von HORIZONT Online. Da die Sendung in der vergangenen Zeit im ARD-Hörfunk ausgestrahlt wurde, sei die Erkenntnis gereift, dass die Tagesschau als Audio-Format funktioniere. Deshalb habe man sich für diesen Kanal entschieden, heißt es.

Der für die Tagesschau zuständige NDR gibt sich aber weniger euphorisch als etwa N-TV. Immerhin arbeiten auch Google (Home), Apple (Siri) und Microsoft (Cortana) an Smart-Home-Lösungen mit integrierten Sprachassistenten. Der Sender werfe auch auf diese Wettbewerber ein Auge. "Die Frage ist für uns, welche weiteren Plattformen noch hinzukommen", heißt es vom NDR. Man wolle die Inhalte möglichst plattformunabhängig zu den Nutzer bringen. Die gleiche Strategie verfolgt bekanntlich auch die "Bild"-Zeitung. Der Springer-Titel gilt als Pionier, wenn es um technologische Innovationen geht, auf Snapchat war das Blatt beispielsweise als eines der ersten Medienangebote mit einem eigenen Kanal aktiv. Man wolle überall dort sein, wo die Zielgruppen sind, teilt Donata Hopfen, Vorsitzende der Verlagsgeschäftsführung der "Bild"-Gruppe, mit. "Daher testen wir immer wieder neue Formate und Plattformen, wie nun Amazon Echo." Zum Start bietet "Bild" die aktuellsten Nachrichten in einer täglichen News-Zusammenfassung an.


Spiegel Online kommt mit einem ähnlich aufbereiteten Angebot um die Ecke: Auf Sprachbefehl verliest Alexa die Kurzzusammenfassungen der Top-Nachrichten, die zu diesem Zeitpunkt auch auf der Homepage von SPON stattfinden. "Das ist unser 'minimum viable product' für den Start - später werden wir auch über Breaking News für Echo oder andere Audio-Formate nachdenken", kündigt ein Sprecher des Spiegel-Verlags an. Die Hamburger seien vor allem vom Erfolg des Lautsprechers in den USA in ihrer Entscheidung bestärkt worden, diese Plattform auzuprobieren.

SPON und die anderen Medienanbieter experimentieren mit Amazon Echo auch deshalb so gerne, weil es wenig Ressourcen verschlingt. Für das "Tagesschau"-Angebot hat ein Webmaster für die Anpassung des bestehenden Datenfeeds beispielsweise nur wenige Minuten gebraucht. Die Einstiegshürde liegt also sehr niedrig. "Wir mussten einen neuen RSS-Feed aufsetzen, ein bisschen über das Konzept nachdenken und ein paar Mal mit Amazon die Köpfe zusammenstecken", heißt es beim Spiegel-Verlag. Die potentiellen Kosten bei Echo entstünden weniger durch die Technik als durch die Produktion von Audio-Inhalten durch Sprecher.

Ob das Bemühen am Ende des Tages auch etwas bringt, ist zumindest in Expertenkreisen umstritten. Für Manfred Klaus, Geschäftsführender Gesellschafter der Plan.net-Gruppe, dient das Engagement auf Amazon Echo vor allem dazu, um sich als Innovationsführer positionieren und positives PR-Echo mitnehmen zu können. "In den ersten Jahren können Spiegel, Bild und Co vermutlich auf die Installationsbasis im sechsstelligen Bereich locker verzichten, denn neue Nutzer werden darüber vermutlich nur bedingt zu den Angeboten finden." Sven Schmiede, Chef von Sinner Schrader Swipe, pflichtet ihm bei: "
Die Relevanz für Drittanbieter wird vergleichbar sein mit der von Smartwatches." Auch beim Spiegel ist man ein wenig skeptisch: "Gut möglich, dass Deutsche einem Always-on-Mikrofon in ihrer Wohnung mehr misstrauen als amerikanische Kunden." ron
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