Accelerated Mobile Pages

Die Debatte um Googles Mobile-Turbo

Google will die AMP-Erfahrung weiter verbessern
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Google will die AMP-Erfahrung weiter verbessern
Googles Accelerated Mobile Pages (AMP) erfreuen sich unter Publishern großer Beliebtheit. Kürzlich hat der Webriese das Format auf Stories und E-Mails ausgeweitet, nun folgt das nächste Update: Google hat angekündigt, die AMP-Technolgie zum Webstandard machen zu wollen. Damit dürfte das Unternehmen auch einer häufig geäußerten Kritik begegnen: Tut Google mit dem schnell ladenden Format für mobile Websites etwas für die allgemeine Web-Performance - oder für sich selbst? Kritik an AMP kommt unter anderem aus Deutschland.
Keine Frage: Als Traffic-Bringer haben sich Accelerated Mobile Pages bewährt. Einer Studie von Parse.ly zufolge legte der AMP-Traffic zwischen Oktober 2016 und Oktober 2017 um satte 87 Prozent zu. Wie Digiday zudem kürzlich berichtete, haben AMP-Publisher im Jahr 2017 sogar 100 Prozent mehr mobilen Traffic über die Google-Suche erhalten. 


Im vergangenen Jahr berichteten mehrere Publisher jedoch, dass die Implementierung von AMP sich negativ auf die Vermarktung auswirke. Die Vermutung: Die Seiten-Inhalte bauten sich wesentlich schneller auf als Werbeanzeigen. Aus jedem AMP-Pageview erlösten die Publisher also weniger als aus Zugriffen auf ihre eigenen Websites. Bei anderen hingegen scheint es zu laufen: Wie Google kürzlich mitteilte, konnten die Publisher ihre täglichen AMP-Werbeerlöse im vergangenen Jahr verdreifachen. Doch es geht um mehr. Denn die Chartbeat-Daten, auf die Digiday sich im oben genannten Artikel bezieht, zeigten noch etwas anderes: Bei Publishern, die nicht auf AMP setzen, hätten sich die mobilen Zugriffe durch die Google-Suche im vergangenen Jahr praktisch nicht verändert. Das dürfte auch daran liegen, dass AMP in der Google-Suche deutlich prominenter angezeigt werden als konventionelle Inhalte. Das legt folgenden Schluss nahe: Publisher, die im Mobile Web wachsen wollen, haben eigentlich keine Wahl. Sie brauchten dafür bislang AMP.

Nun gibt es neue Vorwürfe. Hintergrund ist die Einführung von AMP für Stories und selbst für E-Mails. Wie Google kürzlich mitgeteilt hatte, sollen E-Mails dadurch interaktiver werden und die Nutzer so stärker aktivieren. So könnten die User zum Beispiel direkt in einer E-Mail einen Termin vereinbaren oder einen Fragebogen ausfüllen, ohne auf eine externe Website umgeleitet zu werden. "Indem wir AMP auf E-Mails ausweiten, eröffnen wir Unternehmen neue Möglichkeiten, um mit ihren Zielgruppen zu interagieren", schrieb Aakash Sahney, Product Manager bei Googles E-Mail-Provider Gmail, im offiziellen Blog.
„Mitnichten geht es Google primär um Performance, sondern darum, das eigene Ökosystem zu stärken und die Nutzer gezielt darin zu halten.“
Felix Gessert
An dem neuen Feature regte sich bald Kritik. So schrieb Devin Coldewey bei Techcrunch, Google wolle mit E-Mail-AMP die Kontrolle über Bereiche übernehmen, die derzeit noch bei anderen Unternehmen liegen. Wer bislang in einer E-Mail auf einen Link klickte, wurde auf die Website eines Reise-Anbieters oder Ticket-Verkäufers umgeleitet. Das wäre bei einer E-Mail im AMP-Format nicht mehr nötig - die Anfrage würde dann über einen Google-Server abgewickelt.


Ähnliches gilt für AMP Stories. Zwar können diese auch unabhängig von Googles Suchmaschine geöffnet werden. "Doch auch sie werden über Googles Server abgerufen und sollen in der Suche prominenter platziert werden als externe Inhalte", kritisiert Felix Gessert, Gründer und CEO von Baqend. Das Unternehmen hat eine technische Lösung entwickelt, um die Ladezeiten von Webseiten zu minimieren. Damit steht Baqend in direkter Konkurrenz zu Google. Gesserts Kritik dürfte also auch daher rühren, dass Google mit seiner AMP-Lösung andere Dienstleister für Website-Performance überflüssig machen könnte. Sein zentraler Punkt allerdings dürfte in der Branche einigen Widerhall finden. Gessert findet nämlich: "Mitnichten geht es Google primär um Performance, sondern darum, das eigene Ökosystem zu stärken und die Nutzer gezielt darin zu halten." Der tatsächliche Nutzern von AMP für User und Webseitenbetreiber sei fraglich.

Malte Ubl, technischer Leiter des AMP-Projekts bei Google, widerspricht: Google investiere nicht in AMP, um die Nutzer im eigenen Ökosystem zu halten. "Unser Ziel ist es, Suchanfragen so schnell wie möglich zu bedienen und Nutzer zu ihren gewünschten Webseiten weiterzuleiten", so Ubl. Man sei sich bewusst, dass die Nutzer dabei in einigen Fällen auf dem Google-Server gehalten wurden. Deswegen habe man im Januar bereits angekündigt, dies auf Basis neuer Webstandards zu ändern. "Unsere Hauptmotivation für AMP ist die Stärkung des gesamten Publisher Ökosystems im Web", versichert Ubl. "Wir glauben, dass jeder Nutzer Zugang zu vielfältigem Wissen haben sollte."
„Unsere Hauptmotivaion für AMP ist die Stärkung des gesamten Publisher Ökosystems im Web.“
Malte Ubl
Deswegen will Google nun neue Wege gehen. Wie Ubl in einem Blogpost ankündigt, werde man die Learnings aus dem AMP-Projekt nutzen, um schnellere Ladezeiten auch für Nicht-AMPS zu ermöglichen. Damit könnte zumindest theoretisch jeder Inhalt im mobilen Web von den Vorteilen profitieren, die zuvor allein AMP ermöglicht hat. Das bedeutet, dass auch mobile Websites, die keine AMPs sind, aber die gleiche Technologie nutzen, in dem Top-Stories-Carousel am oberen Ende der mobilen Google-Suche erscheinen können - was sich positiv auf den Traffic auswirken dürfte.

Dieser Prozess dürfte allerdings einige Zeit in Anspruch nehmen. Wie lange genau, ist noch unklar. Bis dahin rät Google jedoch zu AMP, so Ubl: "Es wird nur eine von vielen Möglichkeiten sein, es ist allerdings die, die wir empfehlen." Was letztendlich dafür sorgen dürfte, dass die Befürchtungen der Google-Skeptiker nicht so schnell verschwinden werden. ire
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