RISE Conference

So war es auf Asiens wichtigster Technologie-Konferenz

Donnerstag, 11. Juli 2019
Die RISE Conference ist Asiens größte Start-up- und Tech-Konferenz - und wird auch für deutsche Marketer immer interessanter. In seinem zweiten Gastbeitrag über die Veranstaltung erklärt Fischer-Appelt-Manager Benjamin Werner, welche Erkenntnisse er in Hongkong gewonnen hat, wohin China wächst und welche Rolle deutsche Unternehmen spielen (können).
Es klingt wie im Märchen: Ein unscheinbares Fischerdorf wird zur Sonderwirtschaftszone auserkoren. Rasch siedeln sich zahllose Firmen an, sodass das Dorf binnen weniger Jahre zur Stadt wird. Aus ein paar Hochhäusern, die verloren zwischen Reisfeldern emporragen, entwickelt sich schließlich eine Weltmetropole. Deren Wirtschaft blüht, der Export brummt. Dieses Märchen ist im Süden Chinas längst Realität: Noch vor 40 Jahren war Shenzhen ein kleines Fischerstädtchen mit 30.000 Einwohnern, heute leben und arbeiten dort zwölf Millionen Menschen. Deshalb lohnt sich ein Blick darauf, wie der Nachbar Hongkongs, das ganze Perflussdelta und das "digitale" China so erfolgreich werden konnte und was da noch kommt.

Die chinesische Internet-Ära

Auch wenn nur 60 Prozent aller Chinesen online sind (USA 89 Prozent), bedeutet das aber schon heute, dass es dreimal mehr Internetnutzer in China gibt als in den USA. Wenn man genauer hinsieht: Es gibt bereits heute mehr Menschen in China, die mit ihrem Handy bezahlen als es amerikanische Einwohner gibt, so Chua Kong-ho, Technology Editor der South China Morning Post auf der RISE Conference im Rahmen seiner Vorstellung des "China Internet Report 2019". Ein weiteres Indiz für die chinesische Internet-Ära findet man, wenn man sich die chinesische "Copycat" Industrie anschaut, die mittlerweile selbst kopiert wird. Globale "westliche" Tech-Unternehmen übernehmen erfolgreiche Konzepte chinesischer Firmen. Facebook entwickelt sich in vielen Bereichen analog zum "Super-App-Pionier" WeChat, als One-Stop-Shop für alle Formen von Services von Mobile Payment über Chatbots bis Gaming. Und Amazon Live, Instagram Checkouts und YouTube Shopping haben chinesische eCommerce-Vorbilder wie Mogu, Taobao oder Pinduoduo, die als Erste Live Streaming oder "Group Buying" einführten. Nicht zu vergessen die App TikTok von ByteDance aus Peking, die es als erste Content-Plattform geschafft hat mit Shortform-Video erfolgreich zu sein.
„Aus der "Werkbank der Welt" wurde ein Zentrum der Technikwelt mit globaler Strahlkraft.“
Benjamin Werner
China investiert massiv in 5G und führt weltweit und mit Abstand bei 3400 5G Patenten – deutlich vor Südkorea und den USA (2000 bzw. 1300 Patente). Last but not least macht China viele öffentliche und private Bereiche zu Experementierfeldern für AI u. a. Browsing Content/Access, Produktempfehlungen, Shopping oder Payment. Deutsche Unternehmen spielen hier keine Rolle. Müssen sie auch nicht, wenn sie es schaffen, von der digitalen Plattformökonomie rund um Tencent und Alibaba zu profitieren. Deutsche Handelsmarken haben sich noch nicht alle Zugänge zu Plattformen wie Weibo, JD.com oder WeChat erschlossen. Aber nur hier nutzen und bezahlen User alle Arten von Services und Produkten.

 

Die Hardware-Ära

In der disruptiven Phase rund um die Finanzkrise erklärte die Zentralregierung Chinas die Stadt Shenzhen zum Experimentierfeld. Als erstes Unternehmen nutzte der Elektronikzulieferer Foxconn diese Chance und errichtete riesige Fertigungshallen für elektronische Massenware. Weitere chinesische Hersteller wie Huawei, ZTE, Xiaomi und Tencent folgten. Zusammen leiteten sie die zweite industrielle Revolution in Shenzhen ein. Aus der "Werkbank der Welt" wurde ein Zentrum der Technikwelt mit globaler Strahlkraft. Das Viertel rund um die Huaqiangbei-Straße ist ein einziger riesiger Elektronikmarkt. Dort reihen sich in 48 Lagerhallen Milliarden von Elektroteilen aneinander. Tüftler und Entwickler finden hier von Platinen über Kupferkabel bis hin zu Drohnen alles, was sie für ihre Prototypen benötigen. Nach der Software-Ära muss die Hardware-Ära kommen. Auch das ist eine viel diskutierte These auf den Bühnen der RISE Conference dieser Tage. Die Fortschritte im Softwarebereich hätten die Hardware überflügelt und ein immenser Nachholbedarf in den Bereichen Chips, Robotik oder auch Sensoren sei zu identifizieren.

Auch im Kontext dieser Diskussion spricht der Technologie-Vorstand von OSRAM, Stefan Kampmann, auf der RISE über Licht-Sensoren, die Smart Cars endlich echte Smartness verschaffen und besucht danach Shenzhen mit einer Delegation, um am "Silicon Valley of Hardware" weiter nah dran zu bleiben. Mit einer Hardware-Agenda sind auch deutsche Unternehmen wie Siemens oder Voith Partner der RISE und präsentieren dort neben Digitalanwendungen auch ihr Maschinenportfolio. Aktuell sind ca. 5000 deutsche Unternehmen in China aktiv und die größten Potenziale für die deutsche Wirtschaft werden auch laut dem Mercator institute for China Studie in der "Hardware" gesehen.

 

Die Seamless-Ära

Aus klassischer Marketing-Sicht bestimmt das Thema Nähe die RISE Conference. Diskutiert wurde das Paradoxon, dass Marken es in Zeiten höchster Konnektivität immer schwieriger finden sich mit Kunden dauerhaft zu connecten. Auch hier scheinen chinesische Unternehmen durch ihre geschlossenen Systeme und den Einsatz Künstlicher Intelligenz und Machine Learning die Vision einer End-to-End Shopping-Erfahrung schneller erreichen zu können als andere (auch gestützt durch Staatshilfe in Bezug auf Daten). Bowen Zhou, Vice President & President AI JD.com, erläuterte die AI Vision von Chinas größter Handelsmarke: Den Kunden im Pre-Sales, im Sales-Prozess und im After-Sales KI-unterstützt zu begleiten.



Jessica Spence, Chief Commercial Officer von Carlsberg, hingegen versprach sich Nähe durch Marken-Ambassadoren, während der deutsche CEO der Elektroauto-Marke Byton, Daniel Kirchert, den Faktor Customer Experience in den Vordergrund stellte. Die deutsche Delegation war klein im Vergleich zu bekannteren Tech-Events wie dem Web Summit oder SXSW in Austin. Vielleicht auch ein Indiz für das noch zu geringe Interesse an den Entwicklungen in Fernost. Fast 20 deutsche Unternehmensvertreter trafen sich im Rahmen des "German Apartment", einer Netzwerkplattform für deutsche Marketers und Tech-Scouts auf internationalen Konferenzen, um sich zu vernetzen und auszutauschen. Ein Anfang.


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