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Wer will eine Facebook-Kamera in den eigenen vier Wänden?

Dienstag, 09. Oktober 2018
Nach dem Datenskandal um Cambridge Analytica und der wohl schwersten Imagekrise seit Bestehen des Unternehmens verkauft Facebook nun tatsächlich ein Gerät, dessen Kamera den Nutzer daheim auf Schritt und Tritt verfolgt. Nur: Wer will sich angesichts der Negativ-Schlagzeilen eine Facebook-Kamera in die eigenen vier Wände stellen?
Da ist sie also: Facebooks Antwort auf Amazon Echo und Google Home. Portal beziehungsweise Portal+ heißt das Gerät, das gestern in den USA vorgestellt wurde und quasi eine Kombination ist aus Bildschirm, Webcam und smartem Lautsprecher. Facebook hat das Gerät unter anderem mit einer integrierten Technologie ausgestattet, die während eines Videoanrufs automatisch Personen im Blickfeld der Kamera verfolgt und eigenständig auf deren Gesichter zoomt (siehe Video).

Nach Amazon und Google zeigt sich nun also ein weiterer großer Tech-Player davon überzeugt, dass die Nutzer künftig vor allem über die Sprache kommunizieren werden. Mit dem Echo Show hat der Onlinehändler um CEO Jeff Bezos bereits vor einigen Monaten ein ähnliches Gerät auf den Markt gebracht, mit dem unter anderem auf Zuruf Video- und Sprachanrufe möglich sind.

Facebook wollte das Hardware-Produkt eigentlich schon viel früher auf den Markt bringen, doch der Skandal um Cambridge Analytica machte dem Unternehmen damals einen Strich durch die Rechnung. Ein Art Überwachungsgerät mit Kamera auf den Markt zu bringen, während die ganze Welt über das größte Datenleck in der Geschichte von Facebook diskutiert, wäre wohl in der Tat keine gute Entscheidung gewesen.

Der Skandal, der vor über einem Jahr seinen Anfang nahm, mag zwar weitestgehend aufgearbeitet sein, doch das Datenleck-Image ist der Konzern bei weitem noch nicht losgeworden - trotz breit angelegter Werbekampagne. Erst vor wenigen Tagen hatte das soziale Netzwerk beispielsweise weltweit wegen eines Datenlecks die Anmeldungen zurückgesetzt, weil Sicherheitslücken entdeckt wurden, die 50 Millionen Konten betreffen. Da stellt sich die Frage: Wer will sich angesichts dieser Schlagzeilen allen Ernstes eine 199 US-Dollar teure Facebook-Kamera in die eigenen vier Wände stellen? Niemand.
Wahrscheinlich würde nicht mal Mark Zuckerberg selbst ein solches Gerät in seinem Wohnzimmer aufstellen. Erinnert sei an dieser Stelle an ein Posting des Facebook-CEOs vor etwa zwei Jahren, für das sich Zuckerberg an seinem Schreibtisch ablichten ließ. Auf dem Bild war auch sein Arbeitsrechner zu sehen, dessen Kamera und Mikrophon-Ausgang fein säuberlich abgeklebt waren. Ausgrechnet der paranoid anmutende Zuckerberg will uns also ein Überwachunsggerät ins Wohnzimmer stellen?

Wenn man einer Mitteilung von Facebook Glauben schenken will, hat der Konzern beim Portal-Gerät großen Wert auf das Thema Datenschutz gelegt. So lässt sich beispielsweise die Kamera nach bester Zuckerberg-Manier abdecken, das Gerät kann darüber hinaus mit einem eigenen Passwort versehen werden. Die Anrufe werden laut Facebook verschlüsselt und die Daten nicht gespeichert. Ob diese Versprechen tatsächlich Nutzer für einen Kauf überzeugen können, bleibt abzuwarten. ron




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