New York Notizen, Tag 10

Endlich mal zu Vice und noch weitere angesagt Orte

Freitag, 22. Juni 2018
Tag 10 in New York war für Philipp Westermeyer ein bisschen Hipster-Time. Er war unter anderem im Vice-Headquarter in Williamsburg und sprach mit dem Strategie-Chef Sterling Proffer.

Falls nicht sowieso schon passiert: Hier könnt Ihr Philipps Planung vor dem AusflugTag 1Tag 2Tag 3Tag 4Tag 8 und Tag 9 nachlesen.



Die Medienmarke Vice ist seit Jahren eine der Inspirationen für OMR und hat eine kuriose Historie. Die Kollegen haben 1994 als Stadtmagazin in Montreal angefangen, sind heute (zumindest bis vor Kurzem) auf dem Papier über fünf Milliarden US-Dollar wert und damit eine der wertvollsten privaten Firmen der Welt – mit Content. Sterling Proffer ist Anfang 30, Vice-Eigengewächs und der Strategiechef des Konzerns. Er ist außerdem ein Typ, der alles das ist, was ich in Vice hineinprojeziere: informiert, cool, ungewöhnlich. Und er hatte heute morgen Zeit für mich. Schon das Headquarter ist typisch Vice. Es liegt in Williamsburg, also im coolen Brooklyn am Wasser, inklusive Manhattan-Blick, Dachgarten, Sprinkleranlage und Gärtner.

Auf mehreren Etagen arbeiten Journalisten, Fernsehleute und Digitalmenschen daran, die Marke und die Stories in die Welt zu pushen. Zuletzt wurde sehr viel über die viel zu hohe Bewertung, Traffic-Täuschungen, also illegale Traffic-Zukäufe und die erstaunliche – manche sagen nicht nachhaltige – Monetarisierung der Marke gesprochen. Der ikonische Gründer Shane Smith ist raus und es gibt eine neue Chefin. Sterling ist entspannt und sagte, es gäbe ausreichend Erlösströme (von TV-Produktionen über Werbung bis Agenturleistungen). Das Thema „paid“ hätten sie beispielsweise noch nicht mal versucht. Sterling war vor Kurzem auf einer Forbes „30 under 30“-Liste, aber ist kein Karrieremensch, sondern Vice durch und durch. Er hat noch nie woanders gearbeitet. Ich glaube, es besteht eine gute Chance, ihn kommendes Jahr zusammen mit weiteren Vice-Leuten bei OMR zu sehen. Er wäre eine große Bereicherung.

Vom Vice-Headquarter ins Soho-Haus

Nach unserem Treffen habe ich ein bisschen in den Sofas in der Vice-Lobby abgehangen, Mails bearbeitet, WM geguckt und ständig vorbeilaufende Mitarbeiter (viele davon im Brooklyn-Hipster-Look) angeschaut. Der heutige Tag ist ohnehin Hipster-Time (gleich mehr dazu). In Brooklyn bin ich noch zum Lunch gegangen (überall gibt es diese hawaiianischen Poke Bowls, die in Deutschland auch immer mehr kommen) und habe danach einen Finance-Freund getroffen, der früher mal mein Roommate war und nun seit Jahren Investment Banker ist. Schon eine ungewöhnliche Transition von Brooklyn rüber in die Finanzwelt in Midtown – wie unterschiedlich „arbeiten“ sein kann, obwohl hier wie da Menschen vor Computern sitzen.


Später am Tag – ich hatte ja einen Hipster-Tag versprochen – war ich im neusten von drei New Yorker Soho-Houses (also der weltweiten Kette von Hotels mit Restaurant und Pool meistens, wo nur Mitglieder zugelassen werden). Obwohl ich das Elitäre natürlich erkenne und mich dafür nicht mag, kann ich nicht aus meiner Haut, mir den Laden zumindest anzugucken und darüber zu schreiben. Ich wollte wissen, wie das Konzept dort aufgezogen wird, wieder Leute anschauen und nett mit Kumpels zusammen sitzen. Der neue Ableger ist in Brooklyn in einem Stadtteil, der erst in den letzten Jahren richtig angezogen hat. Die Gegend heißt Dumbo – weil sie direkt unterhalb der Manhattan- und der Brooklyn Bridge liegt. Dieses gesamte Soho-Haus-Ding ist ja schon speziell. Es setzt auf Verknappung, man will trotzdem wachsen und eventuell demnächst sogar an die Börse. Es ist aus Marketing-Sicht keine ganz neue, aber jedes Mal eine große Herausforderung, diese Balance zu treffen. Gestern Abend passte es für uns. Auf der richtigen Seite von Verknappung zu sein, ist ja erstmal nicht unangenehm und noch zieht der Ort (das Dumbo House ist erst seit vier Wochen offen) interessant anzuschauende Leute an.

Extrovertierte Menschen in bürgerlichen Jobs

Die Firma hinter den Soho-Häusern verdient nach vielen Jahren bis heute nicht sehr viel Geld und gehört zu großen Teilen einem amerikanischen Supermarktketten-Milliardär. Der Börsengang wird sicher spannend zu beobachten sein. Ich bin sehr skeptisch, ob man die nötige Balance auch noch als börsennotierte Firma hinbekommen kann. Andererseits gibt es andere Luxus-Firmen, die das auch schaffen und am Ende sprechen wir von einem Hotel- & Gastro-Unternehmen, ganz nüchtern betrachtet. In New York ist es viel komplizierter, Mitglied zu werden, aber mit einer Mitgliedschaft aus einer anderen Stadt hat man weltweit Zugang. Konsequenz ist unter anderem, dass in den New Yorker Soho Houses immer gerne Berliner Gäste rumhängen. Und ja, das Restaurant ist sehr schick gemacht, man schaut von der Dachterrasse direkt auf die Brücken und die Skyline von Manhattan.

Natürlich stelle ich mir die typische Frage: Was machen die anderen hier wohl alle so? Häufig ist die Antwort: Gar nichts, zumindest nichts, um Geld zu verdienen, sondern irgendwas anderes. In NY gibt es echt eine relevante Zahl an Leuten, die man an tollen Orten trifft und die Geld geerbt haben und aus einem Trust Funds leben. Und es gibt viele sehr extrovertierte Leute, die dennoch bürgerlichen Jobs nach gehen, wie das Geld anderer Leute anlegen (Fonds Manager) oder „Real Estate“ (Immobilien). Der Abend war in jedem Fall top und daher ist es jetzt, während ich das schreibe, schon der morgen des nächsten Tages…

Dieser Beitrag erschien zuerst auf OMR.com
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