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Die deutschen shoppen immer häufiger im Netz
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E-Commerce

Ein Appell für mehr technische Innovationen beim Einkaufen

Die deutschen shoppen immer häufiger im Netz
Sie lieben Bargeld, sind nicht sonderlich technikaffin und sorgen sich um ihre Daten - drei Narrative, die gerne über die deutschen Konsumenten bedient werden. Aber lässt sich das so überhaupt pauschal sagen und liegt es wirklich allein an den Konsumenten? Nein, glaubt Alexa von Bismarck vom Zahlungsanbieter Adyen. In unserer Gastbeitragsreihe "Nerd Alert" formuliert sie einen Appell für mehr technische Innovationen beim Einkaufen.
von Alexa von Bismarck, Adyen Mittwoch, 15. Mai 2019
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In Deutschland ist nach wie vor Bargeld das beliebteste Zahlungsmittel. Mit diesem Beispiel wird gerne die Technikaversion der Deutschen begründet: Statt sich dem befürchteten Kontrollverlust der bargeldlosen Zahlung hinzugeben, kramen sie lieber nach richtigen Münzen, vor allem bei kleineren Beträgen. Aber liegt diese Angst nur bei den Kunden selbst begründet? Bei welchem Bäcker oder welchem Kiosk lässt sich denn mit Karte oder gar mit dem Smartphone zahlen? Selbst in urbanen Restaurants reagieren Kellner auf den Wunsch nach Kartenzahlung mit entschuldigendem Achselzucken. Haben wir hier nicht eher ein Henne-Ei-Problem? Die Konsumenten wissen, dass Kartenzahlungen oft nicht angeboten werden, haben zur Sicherheit Bargeld dabei und zahlen entsprechend damit. Vielleicht sind es also gar nicht kulturelle Eigenarten der deutschen Kunden, die zum Zahlen mit Bargeld führen, sondern die fehlenden Alternativen.



Bei der Klärung dieser Frage geht es nicht nur um die Offenheit gegenüber Innovationen, sondern für den Einzelhandel tatsächlich um das Überleben im Wettbewerb mit dem immer stärker wachsenden E-Commerce. Die digitalen Innovationen im Shopping gehen über das Bezahlen hinaus und betreffen global schon jetzt das gesamte Einkaufserlebnis.

Der Blick ins Ausland zeigt: Das Angebot bestimmt das Kaufverhalten

Eine aktuelle Studie zeigt: Technologie hat inzwischen großen Einfluss darauf, wie wir unsere Umgebung erleben. Verbraucher übernehmen eine zunehmend aktivere Rolle. Um sich von Mitbewerbern zu differenzieren, muss der Einzelhandel berücksichtigen, wie ihre Kunden Produkte recherchieren, vergleichen, begutachten und kaufen, denn diese erwarten heute zunehmend intelligente, durchgängige und nahtlose Erlebnisse, die auf ihre persönlichen Präferenzen abgestimmt sind. Viele deutsche Verbraucher empfinden beispielsweise eine Wartezeit von fünf Minuten an der Ladenkasse als zu lang; 39 Prozent von ihnen verließ darauf das Geschäft und kaufte bei einem anderen Anbieter und 18 Prozent brachen den Einkauf komplett ab. Für den deutschen Einzelhandel bedeutet das jährlich einen potenziellen Umsatzverlust von etwa 6,7 Milliarden Euro.

Ein Blick über die Landesgrenzen hinaus zeigt bereits, wie eine neue Shopping-Welt aussehen kann. In London hat im vergangenen Jahr die Modekette Zara einen Shop mit völlig neuem Konzept eröffnet. Der Laden verfügt über einen Bereich für den Kauf und die Abholung von Online-Bestellungen mit zwei automatisierten Sammelstellen, die über 2.000 Bestellungen gleichzeitig bearbeiten können. Die Kunden scannen einen QR- oder Pin-Code, den sie vorher per E-Mail erhalten, und ein Roboterarm händigt ihnen die Pakete aus. Zudem gibt es interaktive und smarte Spiegel, die das Kleidungsstück eines potentiellen Käufers erkennen und Outfitvorschläge machen können. Weitere Maßnahmen sind der Einsatz von VR und AR, um sie beim Kauf zu unterstützen und die Verschmelzung von Online- und Offlinehandel; etwa wenn die Möglichkeit besteht, online zu bestellen und die Waren dann im Laden abzuholen oder wenn vorher online geprüft werden kann, ob das  Wunschprodukt im Laden verfügbar ist - Stichwort “Endless Aisle”.
Nerd Alert
In der Gastbeitragsreihe "Nerd Alert" kommen wöchentlich Branchenexperten zu Wort, die ihr Wissen in Know-how-Beiträgen zu aktuellen Tech- und Digital-Themen weitergeben.
Mit digitalen Tools wie mobilen Bezahlterminals, die mit dem Online-Inventar gekoppelt sind, können Händler das Einkaufserlebnis ihrer Kunden verbessern und in Zeiten des Online-Shoppings rückläufigem Umsatz den Kampf ansagen. Der Wettbewerb im Einzelhandel bewegt sich zunehmend vom Preiskampf zum Erlebnisangebot: Sie müssen heute mehr leisten, als ein Produkt oder einen Service zu verkaufen und stattdessen Erlebnisse anbieten, die die individuellen Bedürfnisse der Kunden berücksichtigen.


Wieso müssen wir für entsprechende Modelle ins Ausland schauen? Gibt es solche Konzepte in Deutschland tatsächlich nicht, weil Kunden sie nicht annehmen würden? Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Studien zeigen: Je weiter Technik in den Alltag der Menschen integriert ist und je mehr Menschen es vorleben, desto mehr folgen nach. Umfragen in Deutschland zeigen, dass Kunden tendenziell offen sind für digitale Veränderungen im Einzelhandel, die das Einkaufserlebnis verbessern. Es braucht dafür Vorbilder - und Händler, die den Konsumenten diese Möglichkeiten eröffnen. Die Händler dürfen nicht darauf warten, dass die Konsumenten nach Innovationen fragen - das wird nicht passieren und sie werden verstärkt bei den Händlern kaufen, die ihnen mehr Komfort bieten.

Mehr Mut zu digitaler Innovation im Einzelhandel

Neue, bequemere Bezahlmethoden sind nur der Anfang eines völlig neuen Shopping-Erlebnisses, das sich in Zukunft durchsetzen wird. Der Point of Sale bleibt durch digitale Innovationen und Verknüpfungen mit dem E-Commerce ein attraktiver Touchpoint für Kunden. Der scheinbar längst entschiedene Wettbewerb zwischen Einzelhandel und E-Commerce kann dadurch ausgeglichen werden, dass beide Elemente miteinander verbunden werden. Dazu müssen sich in erster Linie die Einzelhändler bewegen und digitale Innovationen zulassen.

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