Digitalisierung

Schafft Latein in der Schule ab und führt Programmieren ein!

Freitag, 13. März 2020
In vielen deutschen Schulen wird noch immer Latein gelehrt. "Das ist Zeitverschwendung", sagt Miriam Wohlfarth, Gründerin des Fintechs RatePay. Stattdessen sollte es bereits im Grundschulalter ein Schulfach "Digitale Bildung" geben und Latein durch Programmiersprache ersetzt werden, schreibt Wolfahrt in ihrem Gastbeitrag für HORIZONT Online. Nur so würde Deutschland Ideenumsetzer und Problemlöser der Zukunft hervorbringen.

Ohne Technikverständnis keine erfolgreiche Gründungen- und keine Teilhabe am Arbeitsmarkt der Zukunft

Als Unternehmerin aus dem Fintech-Bereich mache ich mir große Sorgen um Deutschlands Digitalisierung, insbesondere, was die digitale Bildung der jungen Generation angeht. Als Arbeitgeberin sehe ich, dass kein deutsches Unternehmen ohne Technik-Know-how bestehen kann, und zwar egal, ob Shopping Club oder Fintech.


Ohne grundlegende technisch-digitale Fähigkeiten, ich nenne das "digitale readiness", wird es keine Teilhabe am Arbeitsmarkt geben - das gilt für junge Menschen, die ihre digitale Welt hauptsächlich konsumierend erleben genauso wie für ältere Arbeitnehmer, die sich mit lebenslangem Lernen schwertun. Bedenklich ist auch eine dogmatische Haltung, die Handy und Internet grundsätzlich verteufeln, ein nicht seltenes Phänomen gerade in Deutschland.

Mindset-Change! Die Digitalisierung ist eine Chance- und kein Risiko

In unserem Land sehen wir ohnehin gerne zunächst Gefahren und Risiken. Folglich reden wir über Bildschirmzeiten für Kinder, anstatt gemeinsam mit ihnen zu erkunden, welche großartigen digitalen Bildungsangebote es bereits gibt, was zum Beispiel Nachhilfe oder Entrepreneurship-Education für junge Menschen angeht. Ich habe wahllose Verbote und Einschränkungen immer abgelehnt, und heute ist mir meine 15-jährige Tochter haushoch überlegen, was Recherchen im Internet angeht.
„Ich habe wahllose Verbote und Einschränkungen immer abgelehnt, und heute ist mir meine 15-jährige Tochter haushoch überlegen, was Recherchen im Internet angeht.“
Miriam Wohlfahrt

Von der Reisebranche zur Fintech-Gründung: Auch als Unternehmerin lerne ich lebenslang!

Erfolgreiche Gründer aber ebenso Angestellte in einem Unternehmen, müssen täglich Neues lernen. Leider gibt es in unserem Land immer noch eine falsch verstandene Auffassung von Expertentum. "Das habe ich mal studiert, hier ist mein Zertifikat, ich bin staatlich anerkannter Experte." Was ich als Unternehmerin heute im Alltag anwende, hätte ich sowieso an keiner Uni studieren können.

Ich habe mich selbst immer nur digital und durch mein großes Netzwerk weitergebildet. Ganz praktisch und immer wieder durch Hashtag-Suchen auf Twitter und Internetrecherche, um Antworten auf meine Fragestellungen zu finden. Man sollte auch selbst als Unternehmer immer auf fähige, jüngere Mitarbeiter vertrauen. Niemand kennt alle Antworten, auch nicht der Chef. Bei uns wurde seinerzeit KI aufgrund einer Idee eines jungen Mitarbeiters gestartet, der erst kurz zuvor angefangen hatte.

64 Prozent aller jungen Menschen in Deutschland wollen gründen nur 7 Prozent tun es. Wo liegt das Problem?
„Man sollte auch selbst als Unternehmer immer auf fähige, jüngere Mitarbeiter vertrauen.“
Miriam Wohlfahrt

Deutschland ist beim Thema "Entrepreneurship Education" in Schulen laut Global Entrepreneurship Monitor auf dem 26. Platz von 54 untersuchten Nationen, schwaches Mittelfeld also bestenfalls. Unter den Top Ten befinden sich Länder wie die Niederlande, Kanada oder Luxemburg. In diesen Ländern gibt es nach der Schullaufbahn signifikant mehr erfolgreiche Gründungen.


Demgegenüber steht die Zahl, dass 64 Prozent der 16-25-Jährigen ein eigenes Unternehmen gründen wollen, jedoch nur 7 Prozent dies letztendlich dann auch tun. Schüler bemängeln zu viel faktische Wissensvermittlung und wünschen sich Fächer wie Berufsorientierung, Wirtschaft und Programmieren (Entrepreneurship Education) auf dem Lehrplan. Die Schule kann dieses Problem bisher offensichtlich nicht lösen. Der Digitalpakt ist lobenswert, jedoch stockt er - von 5 Milliarden Euro wurden erst 20 Millionen Euro bewilligt. Das ist leider bei der Mammutaufgabe der digitalen Bildung ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Was die Schule nicht kann, lösen wir: Private, Non-Profit-Initiativen wie Start Up Teens

Ein Grundproblem ist auch die geringe Durchlässigkeit zwischen Schule und Wirtschaft. Die Lösung: Es braucht zwingend mehr Entrepreneurship-Education Projekte außerhalb der Schulzeit, so wie etwa die Non-Profit-Initiative Startup Teens, bei der ich mich ehrenamtlich engagiere. Wir bieten Schülern kostenlos, bundesweit und sozialinklusiv alle wichtigen Skills für das Gründen per YouTube-Tutorials an. Bei uns lernen Schüler, wie man eine App programmiert, wie man eine Business-Idee findet oder was ein Business Plan oder ein Pitch Deck sind, die Video-Tutorials wurden bisher über 3 Millionen mal geklickt. Zusätzlich arbeiten bei Start Up Teens über 800 ehrenamtliche Mentoren (erfolgreiche Unternehmer und Führungskräfte im Unternehmen), die Schüler im Heranreifen ihrer Idee begleiten. Der einmal jährlich stattfindende und bundesweit am höchsten dotierte Business-Plan Wettbewerb ermöglicht Schülern mit einem Startkapital von 10.000 Euro den notwendigen Anschub für ihre Gründung.

Warum sollten nicht auch Wirtschaftsvertreter mal einige Jahre Lehrer sein - so wie in anderen Ländern? So könnten auch Unternehmer Vorbilder für junge Menschen werden und nicht nur Schauspieler, Sportler, Musiker und Influencer.

Nicht für die Schule, sondern das Leben lernen wir: Genau! Latein als Schulfach jetzt abschaffen!

Wir müssen jetzt dringend unsere veralteten Lehrpläne umstellen. Wir brauchen in Zukunft praktische Schulfächer, in denen die Zukunftsanforderungen an junge Menschen widergespiegelt werden - vor allem Wirtschaftswissen, Coding und Gesundheit. Digitale Bildung sollte es als Schulfach bereits im Grundschulalter geben, als Vorbild gelten hier die Niederlande und Japan.

Ich bleibe dabei: sich jahrelang mit einer toten Sprache wie Latein in der Schule rumzuschlagen, ist Zeitverschwendung. Englisch und eine Programmiersprache, sowie eine zielgerichtete Talentförderung und Berufsbildung bereits in der Schule: Nur so bringen wir Ideenumsetzer und Problemlöser der Zukunft hervor.
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