CES-Bilanz

Von Tech-Reizüberflutungen und einer ganz großen Enttäuschung

Montag, 14. Januar 2019
Die CES 2019 hat es eindrucksvoll bewiesen: Die Tech-Welt entwickelt sich rasant weiter und Deutschland spielt dabei kaum eine Rolle. iPremium-Service-Manager und Digitalexperte Pierre Hatz ist zurück aus Las Vegas und zieht in seinem Gastbeitrag für HORIZONT Online kritisch Bilanz.

Mit dem beschlossenen Aus der legendären IT-Messe CeBIT sahen sich in Las Vegas viele europäische Besucher gezwungen, sich die Consumer Electronics Show CES mal aus einer ganz anderen Perspektive anzusehen. Erstaunlicherweise suchten wir unter den Ausstellern unsere Landsleute teilweise vergeblich – nicht einmal ein deutscher Pavillon war auf die Beine gestellt worden. Dagegen bemerkenswert war, dass unsere europäischen Nachbarländer Frankreich, Schweiz und die Niederlande, teilweise auf ganze Areale verteilt, deutlich wahrzunehmen waren - und die deutsche Flagge tauchte nicht einmal auf.



Das tat besonders im Bereich „Future“ weh. Dort war kein einziger Stand mit dem Qualitätslabel „Made in Germany“ zu finden. Und das, wohlgemerkt, neben einer ganzen Ansammlung von Ständen aus der Start-up-Szene in Ungarn, dem Senegal oder der Ukraine. Nichts für ungut und bei allem Respekt: Das ist traurig und enttäuschend. Hier darf man allerdings nicht die deutsche Start-up-Branche allein anprangern, das hängt natürlich auch stark mit der Förderung durch den Bund zusammen.

Autobauer sind längst digitale Dienstleister

Nun, wenigstens haben sich unter den rund 5000 Austellern aus aller Welt circa 50 deutsche Unternehmen wie Bosch und Continental eingefunden. Allen voran haben sich die drei großen Premium-Automarken deutlich sichtbar präsentiert. Bei Audi, BMW und Mercedes-Benz kann es auf den ersten Blick leicht irritieren, dass für einen Auftritt auf der CES so groß aufgefahren wurde und andererseits das Engagement auf den wichtigen Automobilmessen zurückgefahren wird. Wie gesagt, das kann irritieren, darf es aber nicht. Denn offensichtlich transformieren sich Automobilkonzerne per ganz klar ausgerichteter Strategie zu digitalen Dienstleistern. Hochspannend!

Dementsprechend zeigen die Automobilbauer entweder Weltpremieren ihrer aktuellen Modelle und gleichzeitig, wie die vollständig digitalisierte Welt im Fahrzeug selbst bald aussehen wird. Elektromobilität und autonomes Fahren allen voran. Sie tun gut daran, denn auch asiatische Marken zeigten dort, wie Autofahren in der Zukunft aussehen könnte. Es ist im Übrigen nicht so, dass die CES zur reinen Automobilmesse verkommen ist – zumindest 2019 noch nicht. Es gab weitaus mehr zu sehen. Besonders innovativ ging es in der Future-Hall zu. Hier reihten sich auf mehrere Hallen verteilt zwei bis drei Quadratmeter große Stände nacheinander auf. Fragende Blicke der Besucher sind dort keine Seltenheit; Verständigungsschwierigkeiten bei Ausstellern aus rund 50 Ländern ebenfalls nicht. So hat Innovation natürlich mit frechem Erfindergeist zu tun – und der absolut nötigen, tiefsten inneren Überzeugung, sein eigenes Produkt sei ein „must have“. Wonach sucht man also? Disruptiv muss es sein, trotzdem bereits zum Anfassen, weltweit verfügbar und natürlich erschwinglich. Technologisch spannend sind hierbei viele dieser oftmals kleinen Gadgets. Hier Produkte aufzulisten, würde jeden Rahmen sprengen. Es geht mehr darum, das Gefühl in sich aufzusaugen, wie sich Trends entwickeln und sich Branchen radikal verändern.

Unzählige Produkte für das Smart Home

Auffällig ist in der Future-Hall die hohe Dichte an Smart-Home-Produkten. Vor Jahren bereits als Milliardenmarkt angepriesen, scheint es ganz offensichtlich kein Ende an Vernetzung im trauten Heim zu geben. Für uns in Deutschland erst allmählich in Schwung kommend, sind auf der CES nicht nur smarte Glühbirnen, Waschmaschinen, Kühlschränke oder Staubsaugroboter der nächsten Evolutionsstufe zu entdecken. Es geht schlichtweg um das vollständig vernetzte Zuhause: Der Fön, der Wasserkocher (auch Milchkannen), ja sogar der Wasserhahn oder die Toilette werden vernetzt. Und das nicht bald oder in einigen Jahren, sondern jetzt.


Weitere Beispiele? Das smarte Katzenklo kümmert sich um unser Haustier, während wir nicht anwesend sind, der smarte Blumentopf gießt und beleuchtet unsere Pflanzen bevor wir es vergessen, ein smarter Knopf meldet aus dem Kühlschrank, was verzehrt werden sollte, der smarte Spiegel gibt uns Schminktipps und analysiert direkt unsere Haut porentief. Eine sehr gute Anwendung für Augmented Reality (AR), womit ansonsten immer noch sehr wild experimentiert wird. Das geht dem Dauertrend Virtual Reality (VR) nicht anders.

Ein großes Problem bei dieser Flut an Einflüssen ist, die Spreu vom Weizen zu trennen. Es gibt viele Ideen, deren Sinn sich nicht direkt erschließt. Faktisch geht es gnadenlos und mit wahnsinniger Geschwindigkeit weiter: Branchen werden in ihren Grundfesten erschüttert, kein Marktführer kann sich zurücklehnen und seine Position genießen. Warum? Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens: Alle oben genannten Produkte werden nicht etwa von uns bekannten Herstellern entwickelt oder vertrieben. Vorrangig Start-ups pitchen über Plattformen wie Kickstarter oder Indiegogo um jeden Cent. Kommt das gut an, wird Venture Capital ganz schnell einen neuen Player am Markt etablieren. Das dauert mittlerweile keine Jahre, sondern Monate. Zweitens: Es ist gar nicht nötig, sich nur auf einen Hersteller zu beschränken. Durch die vielen etablierten Smart-Home-Schnittstellen und vor allem durch die Sprachassistenten, allen voran Google Assistant und Amazon Alexa, müssen wir nicht kompliziert auf „DAS eine System“ setzen, sondern sind als Endverbrauchen maximal flexibel.

Innovationen für den Gesundheitsmarkt liegen im Trend

Ein ganz klar zu erkennender Trend sind Innovationen im Milliardenmarkt Gesundheit. Durch immer kleiner werdende Nano-Sensoren können die bekannten Fitness-Armbänder oder Smartwatches bald sogar den Blutdruck messen. Noch ist die nötige Technik nicht in den schmalen Bändern integrierbar, sondern in einer etwas größeren Art einer Smartwatch, aber es zeigt, wo die Reise hingeht. Wann welche Tablette eingenommen werden muss, signalisiert beispielsweise die Pillendose eines kleinen Start-ups über unser vernetztes Zuhause. Oder wir wollen erfahren, ob wir das Fenster zum Lüften mal wieder öffnen müssen? Dafür muss der Mensch nicht mal das Smartphone anschalten, der Sprach-Assistent weiß die Antwort auf die vorherrschende Luftqualität im Raum und außen.

Auch die Freizeitindustrie im Bereich Sport wird in Angriff genommen. Wie wäre es mit smarten Skiern? Mehrere integrierte Chips tracken alles Erdenkliche und werten das Fahrverhalten aus. Es folgen Vorschläge zur Verbesserung der Kurvenlage oder, ob der Sportler ein sogenannter Kraft-Skifahrer ist.

Begeistert ausprobiert wurden Box-Roboter (BotBoxer) oder Tischtennis-Roboter (Omron, derzeit durch seine Größe noch nicht für den Endkunden erhältlich). Sie profitieren von mittlerweile extrem schneller visueller Erkennung, der schnellen Verarbeitung von Daten und antworten mit der direkten Reaktion auf die vorherige Aktion. Beide Systeme sind so schnell und gut, dass sie bereits auf mittlerer Schwierigkeitsstufe unschlagbar scheinen. Die KI (Künstliche Intelligenz) macht‘s möglich.

Viele Produkte des täglichen Bedarfs oder Neuheiten, die wir vor rund fünf Jahren auf der CES gesehen haben, zünden die nächste Evolutionsstufe. Von smarten Türschlössern bis hin zu neuen Überwachungskameras, Glühbirnen, Drohnen, Smartphones, Laptops, Kopfhörern, TV-Geräten bis hin zu Autos, einer große Yacht und einem großen Mähdrescher. Was ist neu? Fast überall sticht das Thema KI hervor. Analysen, personalisierte Vorschläge für die nächstbeste Aktion, oder das Einfließen von Echtzeitdaten anderer smarter Geräte: All das wird nun mit der Unterstützung von KI realisiert, dem derzeitigen Top-Thema überhaupt. Es beschleicht einen das Gefühl, die Produkte seien nicht hip, wenn nicht irgendwo ein KI-Hinweis erfolgt. Dank immer schnellerer Rechenpower in immer kleiner werdenden Dimensionen.

Hersteller setzen nicht alle auf KI

Es gibt aber auch Hersteller, die das Thema KI nicht so prominent spielen und trotzdem glänzen. Nehmen wir Samsung und LG, die jeweils für sich eigene riesengroße Erlebniswelten in die Hallen gebaut hatten. Besonders LG besticht mit einem nie dagewesenen Innovationsfeuerwerk von Displays. Ob OLED, brillantes 8K mit 88 Zoll Größe - die LG Signature Displays werden immer dünner (4 mm misst eines), sind komplett einrollbar oder gar als Glasscheibe durchsichtig und erst nach dem Anschalten als TV wahrnehmbar. Die große Installation im Eingangsbereich, in Form von gefühlten 200 gebogenen und aneinander gereihten Displays, zauberte fast jedem eine Gänsehaut. Samsung glänzt ebenfalls mit beeindruckenden Displays: „The Wall“ zeigt eine frei miteinander kombinierbare Anzahl Displays die völlig rahmenlos zu einem beeindruckenden Gesamtergebnis erstrahlen. LG und Samsung gehören zu den Weltmarktführern und lassen daran keine Zweifel. Und trotzdem stahl letztlich das erste, faltbare Smartphone (FlexPai, Royole) beiden ein bisschen die Show. Auch wenn das Gerät jetzt noch nicht direkt verfügbar ist, geärgert hat es Samsung sicherlich. So waren sie doch die ersten, die letztes Jahr im Herbst einen ähnlichen Prototypen zeigten. Und auch das ist wieder ein Beispiel, wie schnell sich derzeit die Welt verändert und die Disruption und der technische Vorsprung alles entscheidend sind.

Deutschland auch Schlusslicht im Mobilfunk

Das mit großer Spannung erwartete Thema 5G war zwar präsent, ist aber bei weitem noch nicht so dominant wie vor Beginn der CES vermutet. Zum Glück für Deutschland, wer die Diskussion um die Versteigerung der Lizenzen für den Ausbau verfolgt hat. Bleibt die Hoffnung, dass 5G auch noch etwas auf sich warten lässt, bevor wir es überhaupt geschafft haben, eine annehmbare 4G-Abdeckung zu erreichen. So konnte man vor einigen Wochen noch lesen, dass wir im europäischen Ländervergleich auf den hinteren Plätzen landen, noch hinter Albanien. Ein Land, welches üblicherweise nicht ganz den technischen Standard Deutschlands besitzt.

Es bleibt ein Schlusswort: Stell Dir vor, die Tech-Welt entwickelt sich in einem rasanten Tempo weiter – und Deutschland ist nicht dabei. Jetzt könnte man sagen, Apple sei übrigens auch nicht dabei. Das ist korrekt. Bei beiden fragt man sich indes, wie lang das noch gut geht.

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