Von wegen Silicon Valley

Warum wir lieber in die Start-up-Nation Israel pilgern sollten

Dienstag, 19. Juni 2018
Die Masse der Tech-Touristen pilgert ins Silicon Valley. GKK-Geschäftsführer Markus Gräßler hat sich mit einer kleinen Gruppe von Kunden und Branchenkollegen auf den Weg ins Silicon Wadi gemacht, um in der Start-up-Nation Israel die Geschichte der Zukunft zu erleben. In Tel Aviv hat sich in den vergangenen Jahren einer der wichtigsten Hightech-Hubs mit einem dynamischen Ökosystem aus Start-ups, Entrepreneuren, Venture-Capital und einer offenen Geschäftskultur gebildet. Gräßler schildert seine Eindrücke im Gastbeitrag für HORIZONT Online.

Das Silicon Valley will die Welt verändern, das israelische Silicon Wadi will sich ständig neu erfinden und China will Weltmacht werden. Was wollen wir? Am Abschlussabend am Strand von Tel Aviv diskutieren wir, welche Learnings wir von der Reise mitnehmen. Wir sitzen in einer tollen Strandbar, die Wellen rauschen, das Bier steht auf dem Tisch. Aber es herrscht keine Partylaune. Sondern es entbrennt eine leidenschaftliche und konstruktive Diskussion, in der es erstaunlicherweise nicht nur darum geht, was der Einzelne von den besuchten Firmen und deren Dienstleistungen gelernt hat. Es geht auch nicht in erster Linie nur darum, was man für sich und seine Firma mitnimmt. Es geht um etwas, das so viel größer ist als jede einzelne unserer Firmen. Es geht um Deutschland. Es geht um Europa. Kurz gesagt: Es geht um unsere Zukunft. Um unsere wirtschaftliche und um unsere gesellschaftliche Zukunft.



Wir waren uns alle einig, dass wir in Deutschland, dass wir in Europa den Ernst der Lage noch nicht verstanden haben. Welchen Ernst der Lage? Die Digitalisierung. Wir haben die Israelis gefragt, warum sie mit ihren Start-ups und ihren Innovationen so erfolgreich sind. Im Kern haben die Menschen immer ähnlich geantwortet: "Weil wir müssen! Wir leben auf einer Insel, umzingelt von uns nicht wohlgesonnenen Nachbarn. Unser Markt ist zu klein, um zu überleben, wir haben keine Bodenschätze, aber dafür haben wir Menschen und Ideen. Wir müssen innovativ sein."

Die Geschichte hat das kollektive Bewusstsein Israels auf das Meistern von immensen Bedrohungen und Herausforderungen getrimmt. Die israelische Wirtschaft ist dynamisch, agil und auf dauerhafte Veränderung angelegt. Die Digitalisierung wird positiv angegangen. Ob die digitale Herausforderung gemeistert wird? Diese Frage stellt sich nicht. Natürlich schafft man die Digitalisierung. Israel ist eine kreative, schaffende Start-up-Nation und stolz darauf.


Unsere Erkenntnis am Strand: Den Deutschen, den Europäern fehlt die Grundüberzeugung, dass wir überhaupt ein Problem haben. Wir sind eingekeilt zwischen den GAFA(M)s (Microsoft nicht vergessen) aus Amerika auf der einen und Alibaba, Baidu, Tencent und dem Seidenstraßen-Projekt der Chinesen auf der anderen Seite. Die anderen haben es längst begriffen: Es herrscht ein Kampf um die Vorherrschaft der Daten, um den Zugang zu den Kunden, um die besten Köpfe und um die Plattformen der Ökonomie der Zukunft. Wer hier führt, der wird das nächste Zeitalter bestimmen, der wird seinen Wohlstand behalten und der wird auch seine Vorstellung von der Welt durchsetzen können.

Die Amerikaner und Chinesen kämpfen mit allen Mitteln um diese Vorherrschaft, während wir noch nicht mal begriffen haben, dass es jetzt um die Wurst geht. Wenn wir verlieren, dann verlieren wir nicht nur das Rennen um eine schicke, neue Marketinglösung. Wir werden unseren "Way of Life", unseren Wohlstand verlieren. Wir müssen jetzt agieren, sonst werden wir bald nur noch reagieren und uns fragen, was denn eigentlich mit unserer Exportweltmeisterschaft passiert ist. Wir laufen derzeit Gefahr, das wirtschaftliche Erbe unserer Eltern gegen die Wand zu fahren.
Die Reisegruppe um Markus Gräßler(3.v.r)
© Gräßler
Die Reisegruppe um Markus Gräßler(3.v.r)
Also was genau macht Israel anders? Wie bereiten sich die Israelis auf die Digitalisierung vor? Das fängt mit der Einstellung an: Sie haben eine positive Vision der neuen, digitalen Welt: "We live and breathe innovation and digitalisation." In Israel ist es cooler, in einem Start-up zu arbeiten, als ein tolles Auto zu fahren – Start-up-Gründer oder wenigstens -Mitarbeiter als Statussymbol. Der Staat hat einen Innovationsminister implementiert und ein Gesetz verabschiedet, das die Regierung zur Innovation verpflichtet.

Das Militär ist ein wichtiger Baustein der Start-up-Nation. Viele Israelis gehen als unerfahrene Greenhorns mit 18 zum Wehrdienst, kommen mit 21 Jahren wieder raus und haben gelernt, unter hohem Druck zu arbeiten, Menschen zu führen, hohe Budgets zu verwalten und Projekte zum Ziel zu bringen. Dabei geht es nicht nur um den Dienst an der Waffe. Die Frage, welchen Angriff führt welcher meiner Gegner wann als nächstes aus und wie kann ich darauf reagieren, beschäftigt zum Beispiel die Unit 8200. Hierbei handelt es sich um eine Einheit der israelischen Streitkräfte zur Fernmelde- und elektronischen Aufklärung, welche für die Gewinnung von Signals-Intelligence-Informationen und für Codeentschlüsselungen verantwortlich ist. Die Algorithmen, die helfen, diese Antworten zu finden, lassen sich anscheinend leicht auf unsere täglichen Marketingfragestellungen transferieren.
„Den Deutschen, den Europäern fehlt die Grundüberzeugung, dass wir überhaupt ein Problem haben.“
Markus Gräßler, GKK
Es gibt ausreichend Geld durch Venture Capital aus Israel, aus den USA oder aus China. Europa wurde von unseren Gastgebern noch nicht mal auf Nachfrage erwähnt! Wer als Gründer keinen Investor findet, weil die Idee zu verrückt erscheint, dem hilft der Staat. Wenn man 15 Prozent seines Start-ups selbst finanziert, dann gibt der Staat 85 Prozent dazu – wohlgemerkt ohne Zinsen und ohne Rückzahlung. Erfolgreiche Start-ups werden von Anfang an auf die internationalen Märkte ausgerichtet.

Wir trafen Start-ups ohne einen einzigen israelischen Kunden, aber fast alle hatten ein Büro in den USA oder in China. Die Stadt Tel Aviv hat ihre alte Stadtbibliothek zum Co-Working Space umgebaut. Man bezahlt 60 Schekel pro Monat – das sind knapp 15 Euro – und bekommt dafür einen Tisch, Konferenzräume, Internet und ganz viel Hilfe bei der Gründung seines Start-ups. "The Library" ist die Geburtsstätte der Start-up-Industrie von Tel Aviv.

Wir haben Start-ups in unterschiedlichen Stadien ihres Lebenszyklusses erleben dürfen und uns mit Menschen getroffen, die Start-ups gründen, um anderen Start-ups zu helfen, erfolgreich zu sein. Von Early-Stage-Start-ups, die letztlich noch ihr Geschäftsmodell schärfen, über Start-ups mit ersten echten Kunden, die mit beeindruckender Direktheit und Offenheit weitere Partner suchen, bis hin zu global erfolgreichen Firmen wie Taboola, die mit uns sehr offen ihre weiteren Wachstumspläne diskutierten.
Das Taboola-Büro in Israel
© Gräßler
Das Taboola-Büro in Israel
Taboola wird mit großer Wahrscheinlichkeit das nächste Unicorn aus Israel sein und in 2019 die Eine-Milliarde-Umsatzmarke durchbrechen. Taboola ist nach eigener Aussage "die größte Recommendation-Plattform" der Welt. Die zwei Buchstaben "oo" sind nicht rein zufällig Namensbestandteil. Die Gründer möchten den Vergleich mit Google bewusst ziehen. Ihre Devise lautet: "Man muss Visionen haben und die sollten nicht zu klein sein, sonst bekommst du nicht die besten Mitarbeiter."

Taboola ist nach einer Analyse von ComScore auf Platz 2 hinter Google bei den Desktops und fast gleichauf bei US-Smartphones. Das Unternehmen beschäftigt rund 250 Entwickler. Der Schocker für uns am Ende ihrer Präsentation: Die Taboola-AI hat auf Basis des Surfverhaltens der User den Verlauf der WM prognostiziert -  Argentinien wird Weltmeister! Wir werden sehen, wie intelligent dieser Algorithmus ist! Sollte sich das bestätigen, würde ich unbedingt Anteile an Taboola zeichnen.
Coolix gewinnt die Adtech Startup Competition
© Gräßler
Coolix gewinnt die Adtech Startup Competition
Ein kleineres, aber umso sympathischeres Start-up war Coolix. Die hatten nicht nur die coolste Idee, die ist auch noch für unser Business absolut relevant. Sie haben eine Software, die aus Videos heraus eine Verbindung zum E-Commerce schafft. Content Management wird mit einer grandiosen User Experience verbunden und schafft so einzigartige, interaktive E-Commerce Videos. Nach der Präsentation von acht Start-ups bei der Adtech Startup Competition machte dann auch Coolix das Rennen.

Und welchem Start-up wünsche ich persönlich Erfolg?

Knowmail will uns helfen, mithilfe von AI die E-Mail-Flut zu bändigen und die Mails nach Wichtigkeit zu priorisieren. Wenn sie erfolgreich sind, dann werde auch ich endlich meine Kommunikationsflut beherrschen können. Ich werde nicht mehr 30 bis 50 Prozent meiner Zeit mit der Bearbeitung von E-Mails verbringen und davon sogar noch 50 Prozent der Zeit für das Lesen sinnloser Mails verschwenden. Ich werde diese Zeit für meine Kunden und Mitarbeiter oder sogar für mich selbst sinnvoll einsetzen können. Und natürlich – wenn es in meiner Macht steht – um Deutschland ein kleines Stückchen voranzubringen. Denn es ist höchste Eisenbahn, dass Unternehmer, Manager, Politiker, Verbandsvertreter, Philosophen und alle, die Verantwortung tragen, erkennen, dass es um unsere Zukunft geht und wir in puncto Digitalisierung jetzt handeln müssen.

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