Twitter oder

Wie viele Gesetze darf man brechen, bevor man gehängt wird?

Donnerstag, 27. Oktober 2016
Twitter ist in der Klemme. Die Quartalszahlen sind zwar besser als erwartet. Doch es fehlt die Vision. Und Silicon Valley und seine Analysten lieben auf Dauer nur Superstars und keine Mitläufer. 

Vielleicht findet Twitter doch noch einen Käufer. Vielleicht wird der 140-Dienst von seinen größten Fans übernommen. Vielleicht schafft Gründer und CEO Jack Dorsey aus eigener Kraft und mit eigenen Ideen die Wende. Vielleicht wird Twitter irgendwann eingestellt. Egal, welches "Vielleicht" Realität wird, verdeutlicht der Absturz des einstigen Publikumslieblings einmal mehr die brutalen Gesetze der Silicon-Valley-Ökonomie.



Gesetz Nummer eins hat Sascha Lobo in einer sehr hellsichtigen Kolumne vor einiger Zeit auf Spiegel Online unter der prägnanten Headline "Weltherrschaft oder Tod!" analysiert. Der digitale Megakapitalismus lässt nur ein Google, ein Amazon, ein Facebook und ein Apple zu. Die Netzwirtschaft tendiert also zum Monopol. Und wer nicht die Nummer eins, sondern "nur" die Nummer zwei oder drei ist, oder die Erwartungen von Investorengruppen und Analysten enttäuscht, wird rabiat abgestraft.

Twitter wurde vor zehn Jahren gegründet und galt lange Zeit als ideales Beispiel für die neue Form globaler Demokratie und publizistischer Macht, die das Netz ermöglicht. Doch nun steht der Konzern mit dem Rücken zur Wand. Neun Prozent von weltweit derzeit 3860 Mitarbeitern müssen gehen, wie das Unternehmen am Donnerstag bekannt gab. Es war nicht die einzige  Hiobsbotschaft, die verkündet wurde.  Der Umsatz im Sommerquartal ging nur um bescheidene acht Prozent auf 564 Millionen Euro hoch. Im Quartal zuvor waren es noch 20 Prozent Umsatzplus, im Jahr zuvor sogar 58 Prozent. Damit ist Twitter auf dem besten Weg, Gesetz Nummer zwei der Digitalökonomie zu brechen: "Du solltest niemals das Wachstum verlangsamen, und Du darfst niemals, wirklich niemals schrumpfen."


Noch hat Twitter Glück. Denn die bekanntgegeben Zahlen liegen über den Erwartungen. Doch ob die Message bei CEO Jack Dorsey ankommt? Gesetz Nummer drei der Silicon-Valley-Ökonomie lautet: "Du brauchst einen guten, im besten Fall charismatischen CEO und Konzernvordenker." Jack Dorsey hat Twitter zwar gegründet. Aber bislang hat er nicht bewiesen, dass er in der Lage ist, das Unternehmen aus der Krise auf Facebook-Höhen zu katapultieren.

Dennoch (hier steht der Wunsch des Twitter-Fans Volker Schütz Pate): Vielleicht trotzt Twitter erfolgreich den Gesetzen des Silicon Valley. Das Netz hätte es verdient, allen Analysten und ihren brutalen Gesetzen zum Trotz. 

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