Immmr

Warum sich die Deutsche Telekom mit ihrem neuen Messenger keinen Gefallen tut

Montag, 24. Oktober 2016
Seit Jahren sind die deutschen Tech- und Medien-Unternehmen auf der Suche nach einer Geschäftsidee, mit der die US-Konzerne attackiert werden können. Die Deutsche Telekom zeigt mit der Messenging-App Immmr exemplarisch, wie es nicht geht.

Mit dem Messer eines anderen töten.“ Wer weiß, vielleicht stand das dritte chinesische Strategem Pate, als die Strategieabteilung der Deutschen Telekom irgendwann auf die glorreiche Idee kam, es Apple, Microsoft, Facebook und anderen mal so richtig zu zeigen. Und zwar mit einem Produkt, das die anderen schon seit Jahren erfolgreich im Programm haben.



Aber warum auch nicht, mag man sich gedacht haben. Der deutsche Internet-Entrepreneur Oliver Samwer hat schließlich auch erfolgreich US-Produkte geklont. Wie auch immer: Immmr ist der Name des Messengers, mit dem die Telekom laut „Capital“ einen Angriff auf WhatsApp & Co. startet. Beginnen soll die Großoffensive, man höre und staune, in Kürze in der Internet-Großmacht Slowakei.

Die "Capital"-Meldung klingt skurril, ist aber wahr.


Wird sie dafür sorgen, dass sich die Strategen der GAFA-Unternehmen (Google, Amazon, Facebook, Apple) panisch in ihre War Rooms zurückziehen, um einen Gegenschlag zu planen (wie viele Manager hierzulande wahrscheinlich ziemlich häufig tagträumen)? Wohl nicht. Stattdessen werden sich Zuckerberg & Co. auf die Schenkel geklopft haben (sofern sie die Meldung überhaupt mitbekommen haben): Noch ein Messenger?! Entwickelt von der Deutschen Telekom?! Aus der Slowakei?! "That’s weird!!"

Viele Kritiker werfen deutschen/europäischen Tech- und Medien-Unternehmen gerne Innovationsfeindlichkeit und Behäbigkeit vor, wenn es um die digitale Transformation geht. Das ist in seiner Pauschalität falsch. Doch mit Immmr tut sich die Telekom sich selbst und der gesamten Internet-Industrie hierzulande keinen Gefallen. Innovation sieht anders aus.

Zwei Jahre hat ein 70-köpfiges Team sinniert, konzipiert, programmiert und produziert – und entsprechende Kosten verursacht. Doch 2016 ist die Welt nicht so, dass sie auf einen weiteren Messenger wartet. Es gibt Facebooks WhatsApp, Apples Facetime, Microsofts Skype und noch viele andere Produkte, die alle ein ähnliches Produkt anbieten: Texten, Bilder- und Film-Versand, Telefonieren. Nun also die Telekom. Doch der Telekom-Berg kreißte zwar – aber gebar nur eine Maus. Man kann sich fragen: Wenn man schon einen Messenger auf den Markt bringt – warum dann nur eine 0815-Kopie der gängigen Angebote? Warum hat man sich nicht getraut, asiatische RundumServices wie WeChat zu kopieren, wenn man schon kopieren will. Bei WeChat können Nutzer nicht nur auf vielen unterschiedlichen Wege miteinander kommunizieren, sondern Essen bestellen oder Stromrechnungen bezahlen; Unternehmen können Bots einsetzen usw. Immmr dagegen erlaubt es Nutzern, mit  Menschen zu kommunizieren, die laut „Capital“ „nicht bei Immmr registriert sind“. Auf gut Deutsch: Ein Immmr-Nutzer kann theoretisch jede beliebige Telefonnummer anwählen und seinen Gegenpart entsprechend nerven. So etwas will man nicht. Aber darf man das überhaupt?

Auch keine Glanzleistung: der Name. Start-ups kommen bei der Namensfindung oft genug auf außergewöhnliche, skurille, einprägsame Namen.  Auch die Telekom hat bestimmt viel Zeit in die Namensfindung investiert. Aber Immmr? Wer will ein Produkt nutzen, dessen Name auch ein der deutschen Sprache mächtiger Nutzer (Immmr soll wohl Immer assozieren, was aber kein Slowake verstehen wird)  häufig falsch schreiben wird. Wo wir schon bei der Schreibweise sind. Thomas Knüwer  hat in seinem Abgesang auf die "Totgeburt der Deutschen Telekom" darauf hingewiesen, dass die Telekom selbst nicht so genau weiß, wie sie ihre Kopie schreiben soll: Groß oder klein? Alles wird probiert: Im Hashtag klein, auf der Homepage groß.

Man muß kein Marken-Papst sein, um feststellen zu können: Wie will man eine Marke groß machen, wenn die Erzeuger selbst nicht wissen, wie sie geschrieben wird?

Schade, schade.

Eigentlich könnte die Deutsche Telekom dazu prädestiniert sein, den US-Konzernen an der einen oder anderen Stelle Paroli zu bieten. Sie hat die Macht. Sie hat das Geld. Sie hat die Mitarbeiter. Aber wie will man den Markt disruptieren, wenn die Ideen fehlen und nur langweilig kopiert wird? (Nachträgliche Anmerkung: Vielleicht denke ich auch zu pessimistisch. Noch ist die App gar nicht auf dem Markt - und möglicherweise ist sie so gut, dass die Telekom alle Kritiker eines Besseren belehrt.) 

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