Technologie

Meine 5 Takeaways von der Consumer Electronics Show

Dienstag, 14. Januar 2020
Viel los auf der CES
© John Maeda
Viel los auf der CES
Die CES 2020 ist Geschichte - und sie war mal wieder bombastisch und in ihrer gesamten Bandbreite an Themen, Innovationen und Produktneuheiten kaum zu überblicken. Was also mitnehmen von der CES? John Maeda, Design-Guru und globaler Chief Experience Officer bei Publicis Sapient, war vorort und stellt in seinem Gastbeitrag 5 Dinge vor, die ihn bei der Consumer Electronics Show in Las Vegas besonders beeindruckt haben.
Wenn man über die Jahre hinweg an den vielen Ständen der CES vorbeilief, hatte man oft das Gefühl, auf einem üppigen Bauernmarkt für Nerds gelandet zu sein. Die diesjährige CES fühlte sich jedoch eher wie der dunkle Vorabend von Blade Runner und weniger nach einer Fortsetzung des kitschigen Achtzigerjahre-Films Revenge of the Nerds an. Mit Robotern aller Größen und Formen, die durch die Gänge der Messe flogen, rollten oder liefen und versuchten, die Aufmerksamkeit der Besucher zu erregen. Mit chinesischen Schriftzeichen, die überall zu sehen waren, hörte ich beinahe einen Hans Zimmer Soundtrack im Hintergrund.


1.

Cloud

Am offensichtlichsten waren für mich dieses Jahr die eher unsichtbaren technologischen Entwicklungen, die auf der CES allgegenwärtig waren und von Big Tech-Unternehmen vorangetrieben wurden. Denn hinter jedem blinkenden Licht und jedem surrenden Motor in einem Netz aus Drähten und Chips stehen die sich vertiefenden Beziehungen zur Cloud, die der Treiber der neuen Revolution ist. Wir müssen uns bewusst sein, dass in dieser vierten industriellen Revolution überall auf der Welt Innovation betrieben wird. Eines wird klar: Wenn man sich der Cloud gegenüber nicht öffnet, werden Teile der Welt ins Hintertreffen geraten und Disruption erfahren.
„Wenn man sich der Cloud gegenüber nicht öffnet, werden Teile der Welt ins Hintertreffen geraten und Disruption erfahren.“
John Maeda
Nur wenn man wirklich versteht, was Big Tech hinter den Kulissen tut, können Einzelpersonen und auch etablierte Unternehmen die Veränderungen bewältigen, die bereits im Gange sind. Dabei haben alle Betroffenen die Möglichkeit und letztlich auch die Verantwortung, dem schrecklichen Ungleichgewicht zwischen Menschen und Technologie aktiv entgegenzuwirken. Die unfairen Vorteile – Geschwindigkeit, zur Verfügung stehende Menge der Informationen oder Rechenleistung – von Big Tech wurden in Las Vegas in einem Punkt auf metaphorische Weise besonders deutlich: Von Google gebrandete Einschienenbahnwagons zogen hoch über den konventionellen Autos vorbei, die im Verkehr feststeckten.

2.

Künstliche Intelligenz & Maschinelles Lernen

Die CES ist ein Ort, an dem die nächste Technologiegeneration stattfindet. Die Sprache ist von künstlicher Intelligenz (KI). Es war schwer, etwas auf der Messe zu finden, das nichts mit KI zu tun hatte. Die meisten ausgestellten Fahrzeugtechnologien versprachen Innovation durch KI. Was dadurch wirklich verbessert wird, außer dass das Lenkrad wegfällt, war jedoch nicht erkennbar. Es ist ähnlich wie damals, als Blockchain als Allheilmittel für Probleme bei Finanztransaktionen aufkam, aber niemand wusste, was die Technologie wirklich vermochte.


Auch wenn die Use Cases nicht immer klar sind, wird KI unweigerlich in unser tägliches Leben eindringen und es beeinflussen. Wir befinden uns in der vierten industriellen Revolution, in der Computer vernetzt sind. Sie finden sich auf unseren Körpern, in unseren Autos und unseren Häusern. KI wird möglich, da die für sie notwendigen Daten bereits existieren. Diese Daten – unsere Daten – sind ihre Nahrung, die die KI auch weiter wachsen lassen wird. Sie wird so intelligent oder dumm sein wie das, was wir im Internet schreiben, wie wir unsere Autos fahren oder unsere Mahlzeiten in einem intelligenten Ofen zubereiten. Hoffentlich hört uns KI nur dann zu, wenn wir nicht wütend oder unfreundlich sind oder ein paar Bier zu viel getrunken haben. Im Moment nimmt sie jedoch alles auf, was wir ihr geben – und sie integriert es.

Wir müssen uns darauf vorbereiten, was das bedeutet. Die Herausforderung besteht darin zu akzeptieren, dass KI unvermeidlich ist. Sie wird passieren. Wir sollten daher in der Geschichte zurückblicken. In der ersten industriellen Revolution wehrte man sich gegen die Dampfmaschine zugunsten des älteren Modells – aka das Pferd. Dann kam der Strom, „Nein, ich brauche keinen Strom – meine Kerze funktioniert gut. Vielen Dank!“ Man erinnere sich, wie es ausging. „Ich brauche keinen PC – ich habe einen Rechner, der den ganzen Schreibtisch in meinem Büro einnimmt.“ Man erinnere sich auch, wie dieser Kampf ausging.

Wir müssen erfolgreiche KI-Anwendungsfälle genauso im Auge behalten, wie wir uns kritisch mit ihren Fehlern auseinander setzen sollten. Einerseits kann KI automatisch mehr Einträge in Wikipedia generieren, um das Geschlechterungleichgewicht bei Einträgen von Wissenschaftlern positiv zu beeinflussen. Andererseits kann KI auch Ungleichgewichte automatisieren, die etwa in Gerichtsurteilmustern in den USA auftreten und die Unterprivilegierten benachteiligen.

Für KI ist es allzu leicht, etwas immer wieder und endlos falsch zu machen. Sie vermag aber auch, immer wieder etwas endlos Gutes zu tun. Deshalb ist das ständige menschliche Urteilsvermögen gefragt, immer und immer wieder. Im Gegensatz zur Cloud müssen wir Menschen jedoch Pausen einlegen. Das ist ein Problem.

Wir sind auch gefragt, herauszufinden, womit sich KI schwer tut – beispielsweise mit allem, was mit menschlichen „handgemachten“ Empfindlichkeiten zu tun hat. Wir sollten wirklich keine Zeit mehr mit Aufgaben verschwenden müssen, die KI gut beherrscht. Ich würde mir gerne mehr menschliche als rein maschinelle Tätigkeiten vorstellen. Wir sollten klar unterscheiden, worin KI überragend ist und was wir gut können – und darauf basierend unsere Beziehung aufbauen. Wir müssen eine positive Beziehung zu KI entwickeln, denn Angst ist kein Treiber für Neugier und Kreativität. Die KI-Oberherren werden definitiv kommen, aber vielleicht können wir eher Freunde als Feinde werden.

3.

Robotik

Samsung hatte eine massive Präsenz auf der CES. Es gab eine Menge Furore rund um die jüngsten Schritte des Unternehmens in Richtung lebensgroßer KIs, die von echten Menschen fast nicht zu unterscheiden sind. Es ist jedoch wichtig, sich daran zu erinnern, dass Samsung die Technikwelt nicht immer beherrscht hat. Noch vor ein paar Jahrzehnten war Sony mit seiner eigenen alten KI – dem Roboterhund Aibo – der Champion in Sachen Tech-Magie. Ähnlich wie Aibo folgt auch Samsungs neuer Begleiter Bally den besonderen asiatischen Sensibilitäten hinsichtlich Robotik, die sich vom Rest der Welt unterscheiden. Ob es sich um Anime-Kultur oder religiöse Unterschiede handelt, Roboter sind in Asien akzeptiert. Ich bin optimistisch, was die dortige Roboterkultur angeht – insbesondere in der Altenpflege und gesundheitlichen Betreuung. Ich hatte das Glück, in meinen dreißiger Jahren mit AARP arbeiten zu dürfen, einer Organisation in den USA, die sich für Menschen über 50 Jahre einsetzt. Ich konnte erfahren, was mich in meiner eigenen Zukunft erwartet und mir wurde klar, was mit meiner Mentalität von Alt versus Jung nicht stimmte. Die Technologie der Roboterassistenten wird ein großes Ding werden, wenn sich die Zahl der älteren Menschen die der jüngeren angleicht. Der Mangel an Betreuern für unsere Senioren wird dazu führen, dass wir uns alle an Roboter wenden werden.

4.

Augmented Reality / Virtual Reality

Ich liebe VR. Seit den 1960er Jahren warten wir in der Technologieforschung auf VR- und AR-Anwendungen. Die Technologien funktionieren seit langem, aber es war bisher schwierig, sie gut und günstig genug zum Laufen zu bringen. Eine weitere Herausforderung war das Aussehen – schließlich sollte es halbwegs normal aussehen, wenn man einen Computer im Gesicht trägt. Die diesjährige CES bot eine unglaubliche Vielfalt an VR- und AR-Hardware, was mich an die frühen Tage des Mikrocomputers erinnerte, als Firmen wie Apple nur einer von vielen Akteuren waren. Es gibt heute unzählige Computer-on-face-Experimente und die Vorstellungskraft des Möglichen scheint bei weitem nicht ausgeschöpft. Allerdings ist der generelle Use Case für VR und AR noch offen. Ist es Gaming? Ist es Training? Wo sich die Technologien final durchsetzen werden, ist fraglich. Worauf ich aber besonders gespannt bin: Wie werden AR und VR künftig für ältere Menschen zum Einsatz kommen?

Technologie ermöglichte es zum Beispiel meiner 83-jährigen Mutter kürzlich nach NYC zu reisen. Sie hat in ihrem Leben schon viele Ecken der Welt bereist, hatte es aber nie zum Times Square geschafft. Bei meinem Besuch hatte ich glücklicherweise mein Oculus Quest dabei. Als meine Mutter das Headset aufsetzte und den Times Square in ihrem eigenen Wohnzimmer zu sehen und erleben bekam, fiel es mir schwer, das Gerät von ihr zurück zu bekommen. Die Onboarding-Experience der Quest gibt mir die professionelle Zuversicht, dass wir uns in einer absolut neuen Ära für Design und VR befinden. Das Erlebnis mit meiner Mutter zu Hause, wie sie in die VR-Erfahrung eintauchte, verstärkt meine Überzeugung.

5.

Innovation = Kollaboration

Die Stärke der Tech-Innovationen chinesischer Unternehmen beeindruckte mich auf der diesjährigen CES am meisten. Da es sich um ein hochgradig unreguliertes Innovations-Ökosystem handelt, erscheinen mir die technologischen Entwicklungen aus China unkonventionell, beängstigend und aufregend zugleich. Ich beginne mich zu fragen, ob die Europäer vor hunderten von Jahren ein ähnliches Gefühl gegenüber dem aufstrebenden Startup-Land verspürten, das schließlich zu den Vereinigten Staaten von Amerika wurde. Es gibt unzählige Bedenken rund um KI, die es im Auge zu behalten gilt. Daher werden staatliche Regulierungen in Nordamerika und Europa unbestreitbar wichtig sein, wenn wir in die Zukunft steuern. Gleichzeitig müssen wir sicherstellen, dass Innovationen nicht grundlegend erstickt werden und die frühen Vorteile, wie sie die Erfinder des Mikrochips, der Netzwerke, der Software und letztlich der Cloud genossen, nicht gegenüber den Chinesen vollkommen verloren gehen.

Mir ist in den letzten Monaten aufgefallen, wie sich chinesische Technologieunternehmen aktiv an Open Source beteiligen – der Praxis, Computercodes offen zu teilen. Auch im UX-Bereich (User Experience) gibt es einen regen Austausch, bei dem nicht-chinesische Designer viel darüber lernen, wie chinesische Designer KI und Automatisierung nutzen. Alle guten Innovatoren wissen, dass neue Ideen aus der Vielfalt, dem Austausch und der Wertschätzung von Unterschieden entstehen. Die besten chinesischen Innovatoren wissen das sehr gut – und ich hoffe, dass unsere besten Regulatoren da draußen dies auch wissen.

Kollaboration in Sachen KI ist der Schlüssel zu einer Zukunft mit besseren Konsumgütern. Die länderübergreifende Zusammenarbeit ist aber auch entscheidend, um sicherzustellen, dass keine Menschen auf der Strecke bleiben. Vielleicht wird ja eines Tages die UNO auf der CES zusammenkommen und zusammen von Menschen und KIs geleitet werden. Ich hoffe nur, es läuft kein Hans Zimmer Soundtrack im Hintergrund, wenn alle Sitzungen eröffnet sind.
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