Y&R Switzerland

"Wir bauen international weiter aus“

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Yvan Piccinno, Managing Director Y&R Group Switzerland
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Yvan Piccinno, Managing Director Y&R Group Switzerland
Seit sechs Monaten ist Yvan Piccinno als Managing Director bei der Y&R Group Switzerland im Amt. Im Interview erzählt er, wie er als „der Neue“ von den Mitarbeitern der Agenturgruppe empfangen wurde, welche Baustellen er vorgefunden hat, nach einem kompletten Managementwechsel innert einem Jahr, und welche Kunden er mit der Agenturgruppe in der Schweiz und darüber hinaus gerne bedient.

Im vergangenen Jahr ist erst der CCO, dann der CEO, COO und CTO gegangen. Die Medienmitteilungen zu den Abgängen lesen sich alle sehr unaufgeregt und nach Differenzen sucht man vergeblich. Aber das ist ja auch PR. Was haben Sie denn hier bei der Y&R Group Switzerland vorgefunden, als Sie ein paar Monate nach diesen News den Job als Managing Director übernommen haben?
Ich habe eine sehr gute Mannschaft vorgefunden. Joachim Bader, CEO CE bei Wunderman und verantwortlich für Y&R Switzerland, hatte das Interimsmanagement übernommen und der beste Beweis dafür, dass das Fundament stabil ist, ist dass die neue Führungsmannschaft komplett aus den eigenen Reihen kommt – was ungewöhnlich für die Agenturlandschaft ist. Mit Marcel Berberich als Technology Director, der seit über zehn Jahren in der Agentur ist, Urs Krucker, der als Strategy & Client Service Director die Positionierung und Verzahnung beider Bereiche übernommen hat, Kreativchef Sven Morath, der vom Ex-CCO Markus Gut schon länger aufgebaut wurde, und CFO Claudio Zinsli haben wir eine sehr stabile Mannschaft.



Das klingt ja wirklich ungewöhnlich harmonisch.
War es. Das zeigt auch die Tatsache, dass wir keine Kunden verloren haben.

Was haben Ihre Auftraggeber zu dem umfassenden Wechsel des Agenturmanagements gesagt?
Die fanden eine solche Entwicklung durchaus normal. Wichtig war für sie vor allem, dass die Mannschaft, mit der sie tagaus, tagein arbeiten, stabil und verfügbar ist.


Und im Team hat es keine Unruhe gegeben?
Y&R Switzerland hat eine sehr tiefe Fluktuationsrate. Es gibt Mitarbeiter, die seit 20 Jahren hier sind. Auch in den Teams gibt es bei uns eine sehr solide Basis, die langfristig aufgebaut wurde. Das ist für mich zugleich die grösste Herausforderung: Diese Basis weiterzuentwickeln und auf die nächste Stufe zu führen.

Also auch pure Harmonie mit den Mitarbeitern. Gab es keinen Gesprächsbedarf von deren Seite, als sie angetreten sind?
Ich arbeite ja sehr gerne mit Menschen zusammen – von daher habe ich das Gespräch gesucht. Natürlich konnte ich nicht sofort mit jedem unserer 110 Mitarbeiter sprechen. Aber mit den meisten habe ich es inzwischen in vielen Einzelgesprächen getan. Dabei ging es darum, uns kennenzulernen. Ich habe meine Antrittsansprache deshalb auch unter das Motto Neugier gestellt. Ich bin wirklich neugierig. Ich war ja der Neue. Die Schweizer Agenturlandschaft kenne ich schon recht lang und gut. Aber bei Y&R Switzerland hatte ich noch keinen tiefen Einblicke in das Unternehmen.

Gruppenchef

Yvan Piccinno, Jahrgang 1972, leitet die Y&R Group Switzerland als Managing Director seit Dezember 2017. Zuvor war er Geschäftsleitungsmitglied bei Ogilvy One sowie Mitbegründer und Partner von Plan.Net Suisse. Weitere Stationen seiner inzwischen zwanzigjährigen Karriere waren die Digitalagentur Planetactive, der Technologieanbieter Unic Internet Solutions sowie das Fintech-Unternehmen Crealogix. Piccinno ist Mitbegründer des IAB Switzerland und hält einen Master in Brand and Marketing Management der Hochschule Luzern.

Also keine dringenden Baustellen, die Sie angehen mussten?
Nein, zum Glück keine Baustellen im Sinne von Problemen. Meine erste Aufgabe war, die vielen sehr unterschiedlichen Menschen hier kennenzulernen. Und ich muss sagen, die Mitarbeiter haben es mir sehr leicht gemacht und mit dabei toll unterstützt. Das hat mir sehr geholfen, denn ich kenne zwar die Branche gut, aber hier musste ich mich schliesslich in ein neues soziales Umfeld einfügen. Dank der Unterstützung fühle ich mich nicht, als wäre ich erst sechs Monate dabei.

In den bereits angesprochenen Medienmitteilungen heisst es dennoch, Sie würden sich noch konsequenter auf Data Driven Marketing fokussieren und Ihr Profil im Sinne von „Data meets Creativity“ schärfen wollen. Sind das Ihre „positiven“ Baustellen?
Eine Baustelle, die wir im Gegensatz zu vielen anderen Mitbewerbern nicht haben, ist unsere Struktur, die in den vergangenen zehn Jahren mit den Pfeilern Technologie, Kreation und Strategie aufgesetzt wurde. Die von Ihnen zitierten Formulierungen zeigen, in welche Richtung wir uns weiterentwickeln wollen – auch über die Grenze der Schweiz hinaus als Netzwerk.

Das heisst?
In welche Richtung das gehen soll, zeigt Ihnen beispielsweise die Migros App „Discover“, mit der wir beim Deutschen Digital Award zweimal Gold gewonnen haben. Das ist grossartig für eine Schweizer Agentur – ein Schritt in Richtung weitere Internationalisierung. Für manche Projekte greifen wir bei Bedarf auf Kompetenzen im gesamten Netzwerk zurück. Wir haben in Polen und Dänemark Kompetenzen, die spezifisch auf Marketing Automation Technology ausgerichtet sind, in London stark auf Marketplace Innovation, um nur zwei Beispiele zu nennen. Es ist meine Zielsetzung, dass wir hier Entwicklungen und Lösungen vorantreiben, die international führend sind und Awards gewinnen können, nicht nur Kreativpreise, sondern auch im Sinne von Business Innovationen für die digitale Transformation stehen.

Wie soll die weitere Internationalisierung aussehen?
Wir bedienen ja schon viele internationale Kunden. Für Sonova haben wir zum Beispiel einen Relaunch digitalen Plattformen für sieben Märkte gemacht. Weitere acht kommen bald hinzu. Wir sind für Coty international tätig, alle Sales-Mitarbeiter nutzen eine Tablet-Applikation von uns. Natürlich wollen wir das noch weiter ausbauen. Durch die Kompetenzen, die wir im Netzwerk haben, können wir das und die jeweiligen Teams gezielt auf die Bedürfnisse des Kunden zuschneiden – allein Wunderman, zu dem wir organisatorisch gehören, zählt weltweit 10.000 Mitarbeiter.

International, aber auch auf dem Schweizer Markt greifen die grossen Unternehmensberatungsfirmen mit Zukäufen von Digital-, Design- und Kreativagenturen in dem Dienstleistungsbereich an, in dem die Y&R Group Switzerland tätig ist. Welche Dienstleister sind denn ihre schärfsten Konkurrenten?
Internationale Player wie Accenture und Deloitte sind sicherlich Mitbewerber, aber es gibt auch sehr starke lokale Player . Jeder Anbieter hat natürlich eine ganz eigene Positionierung.

Wie differenzieren Sie sich gegenüber dieser neuen Konkurrenz?
Wir haben ja nicht nur diese neue Konkurrenz. Von den rein technologischen Anbietern unterscheidet uns sicherlich die Verknüpfung und Verzahnung von Technologie, Kreativität und auch dem Business Case. Dieser Dreiklang ist unser USP. Wir arbeiten auf gewissen Themen zusammen. Die digitale Weiterentwicklung von Unternehmen wird ja auf unterschiedlichen Ebenen getrieben. Aber am Schluss geht es ja darum, dass man ein Endprodukt entwickelt, dass die Erwartungen der Endkonsumenten befriedigt und nicht nur die unserer Auftraggeber.

Y&R Group Switzerland

Die Zürcher Agenturgruppe beschäftigt rund 110 Mitarbeiter. Sie sind für die Agenturen Advico Y&R, Futurecom, Wunderman, Allaccess, Exxtra und Y&R Consulting tätig. International ist Y&R Switzerland bei Wunderman angedockt. Laut dem Ranking der Leading Swiss Agencies liegt das Unternehmen in der Umsatzkategorie von 15 bis 17,5 Millionen Schweizer Franken und damit auf Platz 5 der umsatzstärksten Agenturen der Schweiz (Basis ist der Bruttobetriebsertrag 2016).

Ein Beispiel?
Sie sind ja sicherlich schon mal mit der Swiss geflogen: zur Markenwahrnehmung der Airline gehören Bausteine wie die Freundlichkeit der Mitarbeiter und die Schöggeli, die die Passagiere beim Aussteigen bekommen. Für uns geht es darum, all dies in die digitale Welt zu übersetzen. Ein anderes Beispiel: Ein E-Commerce-Shop muss funktionieren, darüber müssen wir heute nicht mehr sprechen. Aber diese Transformation, dass Unternehmen digitale Markenerlebnisse entwickeln, das ist sicher der nächste wichtige Schritt, der wie die Technologie geliefert werden muss, weil die Konsumenten das erwarten. Die Markenerfahrung bei einem Flug mit der Swiss stimmt, wie ich das digital transportiere und erlebbar mache, das fehlt noch.

Grosse Unternehmensnamen, Internationalisierung – das hört sich an, als würden Sie weniger die vielen kleinen und mittelgrossen Unternehmen, die die Schweiz zu bieten hat, als Auftraggeber in Betracht ziehen.
Ein sehr gutes und performantes Intranet kann mit Typo 3 gebaut werden. Wir können aber auch die unglaublich mächtige Adobe-Produktpalette anbieten, denn wir sind unabhängig in Bezug auf Anbieter. Deshalb helfen wir genauso gerne Schweizer Hidden Champions, sich auf Instagram zu positionieren, wie internationalen en wie der Migros, ein Produkt wie Discover zu entwickeln. Interview: ems

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