TikTok

Ein Überflieger in der Gerüchteküche

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1,5 Milliarden Downloads und eine Anzahl monatlich aktiver Nutzer, die sich irgendwo zwischen 500 und 700 Millionen bewegen soll. Genaue Zahlen gibt das Unternehmen nicht bekannt. Aber das Ausmass ist gigantisch und die Beliebtheit enorm.
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1,5 Milliarden Downloads und eine Anzahl monatlich aktiver Nutzer, die sich irgendwo zwischen 500 und 700 Millionen bewegen soll. Genaue Zahlen gibt das Unternehmen nicht bekannt. Aber das Ausmass ist gigantisch und die Beliebtheit enorm.
Was jetzt? Verbot, Verkauf, beides oder nichts von allem? Die Gerüchteküche um TikTok brodelt. Trump will einen Entscheid fällen, welchen ist unklar, China ist empört, Facebook wittert eine Gefahr und Microsoft soll kaufen wollen. Was man aktuell sagen kann, es gibt keine Klarheit und TikTok wächst weiter.

Im Visier: Die Übernahme von Musical-ly durch ByteDance von 2017

Am Mittwoch bestätigte US-Finanzminister Steve Mnuchin, dass der Ausschuss zur Kontrolle von Auslandinvestitionen in den USA (CFIUS) TikTok aufgrund nationaler Sicherheitsbedenken begutachten werde. Mnuchin sagte gegenüber Reportern, seine Abteilung werde dem Präsidenten eine Empfehlung aussprechen. CFIUS ist ermächtigt, ausländische Investitionen zu überprüfen. Im Vorliegenden Fall gilt die Überprüfung der Übernahme durch die Muttergesellschaft von TikTok, ByteDance. ByteDance erwarb 2017 den TikTok-Vorläufer Musical-ly. Trump sagte am Mittwoch: "Wir schauen uns TikTok an. Wir denken darüber nach, eine Entscheidung zu treffen."

TikTok als "Trojanisches Pferd für den chinesischen Geheimdienst" bezeichnet

Bereits Anfang Monat sagte US-Aussenminister Mike Pompeo, die USA wollten TikTok und weitere chinesische Social-Media-Apps unter Berufgung auf nationale Sicherheitsbedenken verbieten. Pompeo fügte hinzu, dass die Trump-Administration bereits chinesische Technologieunternehmen wie Huawei und ZTE evaluiert habe, notabene Unternehmen, die er zuvor als "Trojanische Pferde für den chinesischen Geheimdienst" bezeichnet hatte. TikTok wird in China nicht angeboten und speichert dort offenbar auch keine US-Benutzerdaten. Die Nutzerdaten würden auf Servern in den USA und Singapur gespeichert. Dennoch äussert der Gesetzgeber Bedenken, wonach die Kommunistische Partei Chinas das Unternehmen zur Übergabe von Daten über US-Nutzer zwingen könnte, eine Behauptung, die das Unternehmen bestreitet. 

Republikaner und Demokraten für Entfernung von staatseigenen Geräten

Republikaner und Demokraten haben kürzlich darauf gedrängt, TikTok von staatseigenen Geräten zu entfernen. Ein Änderungsantrag zu einem Verteidigungsgesetz, der TikTok aus solchen Geräten verbieten würde, wurde im Repräsentantenhaus verabschiedet. Zudem wurde im Präsidentschaftswahlkampf des ehemaligen Vizepräsidenten Joe Biden Berichten zufolge das Personal angewiesen, TikTok aufgrund von Sicherheitsbedenken aus ihren persönlichen und beruflichen Geräten zu entfernen. Die Skepsis gegenüber chinesichen Apps scheint also breit abgestützt zu sein.

Mark Zuckerbergs Bedenken

In seiner Rede anlässlich der Anhöhrung vor dem Unterausschuss für Kartellrecht verwies Facebook-CEO Mark Zuckerberg auf die Bedrohung durch Technologieunternehmen, die ohne demokratische amerikanische Werte aufgebaut wurden. TikTok wurde dabei zwar nicht namentlich erwähnt, könnte damit aber gemeint gewesen sein.

TikToks PR-Offensive

Vor besagter Anhörung am Mittwoch startete TikTok eine PR-Offensive, die anscheinend dafür gedacht war, Argumente gegen das Unternehmen vorwegzunehmen, die bei der Anhörung wahrscheinlich zur Sprache kommen würden. Der neue CEO, Ex-Disney-Manager Kevin Mayer, beschuldigte Facebook in einem Blogbeitrag, sich in patriotische Sprache zu hüllen, um von Wettbewerbsfragen abzulenken. Mayer schreibt: "But let's focus our energies on fair and open competition in service of our consumers, rather than maligning attacks by our competitor – namely Facebook – disguised as patriotism and designed to put an end to our very presence in the US." Facebooks Instagram hat kürzlich eine mit TikTok konkurrierende App namens Reels lanciert, die laut The Wall Street Journal den TikTok-Influencern Anreize geboten haben soll, auf den neuen Dienst umzusteigen. 

Chinas Empörung

China zeigt sich empört über das Verhalten der Trump-Administration. Bereits anlässlich der 56. Münchner Sicherheitskonferenz vom 15. Februar sagte Chinas Aussenminister Wang Yi, die Kritik der USA an Peking sei "Lüge" und machte Washington für die turbulenten Beziehungen zwischen den beiden grössten Volkswirtschaften verantwortlich. Yi sagte auch, die Hauptursache sei die, dass die USA keine rasche Entwicklung und Verjüngung Chinas sehen wollten und noch weniger würden sie den Erfolg eines sozialistischen Landes akzeptieren, was nicht fair sei, weil auch China ein Recht besässe, sich zu entwickeln. Chinas Modernisierungsdrang sei ein unvermeidbarer Trend in der Geschichte und keine Kraft auf dieser Welt könne diesen Aufhalten, sagte Yi weiter.

Chinas "The Great Firewall"

Auf Wikipedia wird eine Liste mit Webseiten geführt, die in der Volksrepublik China gesperrt sind. Sie liest sich wie eine Hitparade westlicher Technologie- und Medienmarken. Chinas Regierung fordert einen offenen US-Markt für chinesische Internetunternehmen, sperrt aber US-Dienste wie Microsoft, Facebook, Google und Twitter, ebenso viele internationale Medien und Webseiten, die man als chinafeindlich taxiert. So ist auch TikTok selbst in China nicht verfügbar, dafür die Schwester-App Douyin.

Microsofts Chance

Wie Bloomberg.com in einer Mitteilung vom Freitag (31. Juli) schreibt, prüft Microsoft derzeit eine Übernahme der Aktivitäten von TikTok in den USA und beruft sich dabei auf eine mit der Angelegenheit vertrauten Person. Ein Deal würde dem Softwareunternehmen einen beliebten Social-Media-Dienst bescheren und den Druck der US-Regierung auf den chinesischen Besitzer der Video-Sharing-App verringern. Ein Kauf von TikTok wäre ein großer Coup für Microsoft, der für die USA eine beliebte Verbraucher-App gewinnen würde, die vor allem junge Menschen begeistert. Das Unternehmen hat in der Vergangenheit immer wieder in Social-Media-Aktivitäten investiert, aber im lukrativen Sektor für Verbraucher bislang keinen eigenen beliebten Service entwickelt. Microsoft erwarb 2016 LinkedIn für 26,2 Milliarden US-Dollar. Weder Microsoft noch TikTok wollen sich bislang zu möglichen Gesprächen äussern.

Überflieger, der zum Tanz auffordert

TikTok ist derart beliebt, dass es den bislang von Facebook-Produkten beherrschten westlichen Social-Media-Markt in der Tat aufmischt. Die als Tanz-Videoapp in die Social-Media-Welt geplatzte Plattform hat drei grosse Vorteile: Sie ist videozentriert, ohne Webvergangenheit und fordert Menschen zum Tanzen auf. Zudem verfügt sie, Stand heute, über einen Algorithmus, der die Verbreitung eines Videos nicht nach der Beliebtheit deren Urheberrechtsperson ausrichtet, sondern alleine nach der Beliebtheit des Werkes selbst. Dabei spielt natürlich eine Rolle, um welche Art von Video es sich handelt, welche Hashtags verwendet werden, welche Musik, wen man taggt und in wie fern man aktuelle Trends aufgreift. In der Summe bedeutet dies, dass, theoretisch, jede Userin und jeder User die selbe Chance besitzt, einen viralen Hit zu landen. Wie dem Autor dieses Beitrags aus heiterem Himmel selbst wiederfahren.


Und was, wenn Trump TikTok tatsächlich verbieten sollte? Dann soll er am besten in China nachfragen, wie man Verbote als Siege verkauft. Denn ein Verbot dürfte in Benutzerkreisen und darüber hinaus einen Sturm der Entrüstung auslösen.

  







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