"The Market"

Im Anleger-Markt braut sich was zusammen

Zu den bereits etablierten Wirtschaftsportalen fuw.ch, finews.ch und cash.ch kommt nun noch einer mit lockerer Aufmachung dazu: themarket.ch
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Zu den bereits etablierten Wirtschaftsportalen fuw.ch, finews.ch und cash.ch kommt nun noch einer mit lockerer Aufmachung dazu: themarket.ch
Die NZZ-Mediengruppe stieg im Herbst bei einem neuen Investorenportal namens „The Market“ ein, das vor eineinhalb Monaten gestartet ist. Es könnte insbesondere Tamedias Anlegerzeitung „Finanz und Wirtschaft“ das Leben erschweren.
Als Mark Dittli im Herbst 2017 seinen Chefredaktoren-Posten bei Tamedias Anlegerzeitung „Finanz und Wirtschaft“ (FuW) freiwillig räumte, ahnten die Wenigsten, dass er nicht nur zum Onlinemedium „Republik“ wechselte, das sich damals noch in Gründung befand, sondern dass er parallel dazu auch ein eigenes Anlegerportal aufbauen würde. Ebenfalls war vor eineinhalb Jahren noch nicht klar, dass Dittli früher oder später einen Teil der damaligen FuW-Redaktion von seinem Projekt überzeugen und abziehen würde.


Davon erfuhr die Öffentlichkeit erst viel später – Ende November 2018: Damals teilte die NZZ-Mediengruppe mit, dass sie sich zu 40 Prozent an „The Market“, einem „neuen digitalen Qualitätsmedium für Investoren“, beteiligen würde, dass dieses unter der Leitung von Dittli stehe und ein Team von total acht Personen (inklusive Produktmanager und Verkaufsspezialist) umfasse. The Market Logo 2019Die Finanzmarktplattform „richtet sich spezifisch an professionelle Investoren im deutschsprachigen Raum“, hiess es weiter. „Das Gründerteam, das umfassende Kenntnisse der Märkte und der Zielgruppe mitbringt, und die NZZ-Mediengruppe, die ihre Expertise in den Bereichen Produktentwicklung, Marketing und Technologie in die Partnerschaft einbringt, ergänzen sich optimal“, war weiter zu lesen.
Locker, luftig und leise: So präsentiert sich "The Market"
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Locker, luftig und leise: So präsentiert sich "The Market"

Die ganze Crew von der FuW

Am 4. April 2019 war es dann soweit: Das Anlegerportal „The Market“ startete unter der URL https://themarket.ch/. Neben Dittli sind sechs weitere Redaktoren mit an Bord, von denen fünf unmittelbar vor ihrem Wechsel bei der FuW angestellt waren oder für diese gearbeitet hatten. Auch der Produktmanager und der Verkaufsleiter von „The Market“ kommen von der FuW beziehungsweise von Tamedia.
Vor allem Tamedias "Finanz und Wirtschaft" dürfte die neue Konkurrenz durch "The Market" zu spüren bekommen.
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Vor allem Tamedias "Finanz und Wirtschaft" dürfte die neue Konkurrenz durch "The Market" zu spüren bekommen.
Beim Zürcher Konzern zeigt man sich auf Anfrage von HORIZONT aber betont locker ab diesem Aderlass. „Der ehemalige Chefredaktor der ‚Finanz und Wirtschaft“ und heutige Initiant Mark Dittli ist offenbar - wie wir - von der Qualität der Mitarbeitenden der ‚Finanz und Wirtschaft’ überzeugt, sonst hätte er sie wohl nicht alle abgeworben... Wir nehmen es also eigentlich als Kompliment!“, schrieb Sprecherin Eliane Loum.

Auch über die Tatsache, dass Dittli ausgerechnet die NZZ-Mediengruppe und nicht seinen ehemaligen Arbeitgeber Tamedia als Teilhaber für das Projekt angefragt hatte, kommentierte Loum quasi mit einem Schulterzucken. „Tamedia hat mit der ‚Finanz und Wirtschaft’ einen seit 90 Jahren im Markt etablierten Finanztitel im Portfolio. Diesen entwickeln wir - insbesondere im digitalen Bereich - laufend weiter und lancieren neue, ergänzende Angebote. Eine Partnerschaft mit ‚The Market’ wäre daher für uns nicht in Frage gekommen.“

Ähnlich teuer wie die FuW

Dabei könnte die Sache für die FuW durchaus heikel werden: „The Market“ zielt nicht nur auf dieselbe Anlegerzielgruppe ab wie die zweimal wöchentlich erscheinende FuW (verkaufte Auflage: 20.000 Exemplare, davon 17.600 Abos), sondern sie kommt auch mit einem ähnlichen Abopreis daher (FuW digital: 336 Franken pro Jahr, „The Market“: 348 Franken). Dessen ist man sich auch bei Tamedia bewusst. „’The Market’ wird grundsätzlich ein ähnliches Kundensegment ansprechen“, bestätigt Loum. Dennoch gibt sie sich selbstsicher: Die FuW sei mit Zeitung, Onlineportal und der neuen App gut etabliert, schreibt die Sprecherin. „Wir sind überzeugt, dass wir mit der grössten Wirtschaftsredaktion der Schweiz einen Mehrwert bieten, der die Leserinnen und Leser überzeugt.“ Die FuW beschäftigt 70 Mitarbeitende, von denen rund zwei Drittel journalistisch tätig sind.
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Wie aber wird nun die FuW auf die neue Konkurrenz reagieren? Hier gibt sich Tamedia bedeckt. Allerdings hat der Konzern in den letzten Monaten bereits sichtbar reagiert, indem er die FuW digital aufrüstete: Im letzten November kamen die FuW-Inhalte erstmals auf eine App, im Januar folgte das Anlagezertifikat "FuW Invest“, und Ende März kam noch "Die Analyse" hinzu, ein Produkt, das für die wichtigsten an der Schweizer Börse kotierten Unternehmen konkrete Handelsempfehlungen abgibt. Letzteres kostet allerdings 400 Franken zusätzlich im Jahr; abonniert man es ohne FuW, muss man gar 600 Franken hinblättern.
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Die Reichweite verfünffacht

Bei allem Zweckoptimismus von Tamedia – klar ist auch, dass sich die FuW Konkurrenz gewohnt ist. Zwar steht sie als Printtitel für Anleger mehr oder weniger allein auf weiter Flur, wenn man von der täglichen Ausgabe des stark wirtschaftslastigen „Neuen Zürcher Zeitung“ absieht. Aber im Onlinebereich war fuw.ch nie das einzige Anleger-Beratermedium: Axel Springers finanzen.ch, Ringiers cash.ch und das Portal finews.ch bieten ähnliche Services zu einem grossen Teil gratis an – im Gegensatz zur FuW: Diese hat eine harte Paywall, Gelegenheitsbesucher kommen also recht bald nicht mehr weiter. „Das schränkt die Reichweite zwar ein. Doch die Qualität der Leser und die Steigerungsrate gibt uns Recht“, kommentiert Loum.
Markus Knöpfli, © knö
Von allen Finanzportalen, die ihre Onlinereichweiten ausweisen lassen, ist fuw.ch tatsächlich das Kleinste. Aber es erfreut sich regen Zuspruchs. So konnte das Portal sein Publikum in den letzten sechs Jahren fast verfünffachen – auf 155.000 Unique User pro Monat. finanzen.ch und cash.ch sind zwar mit zeitwiese 600.000 beziehungsweise 375.000 UU wesentlich grösser, die Reichweite von finanzen.ch ist aber recht volatil und aktuell nur dreimal so hoch wie 2012, und auch cash.ch konnte seine Reichweiten "bloss verdoppeln und schient am Zenith angekommen zu sein. Kommt hinzu, dass die fuw.ch in den letzten sechs Jahren immer länger genutzt wurde – es konnte gar die meisten seiner Konkurrenten überrunden und kommt nun auf fast 5,5 Minuten pro Visit. Einzig cash.ch wird noch eine Minute länger genutzt, doch beim Ringierportal ist die Nutzungsdauer stark rückläufig.


Trotzdem: Nun kommt noch themarket.ch dazu, das sich zwar inhaltlich und optisch von allen andern abhebt, aber eben doch im selben Leser- und Werbe-Markt grast. Wie es sich auswirkt, muss sich noch zeigen. knö

Lesen Sie morgen das Interview, das HORIZONT Swiss mit Mark Dittli, Chefredaktor von "The Market" geführt hat.
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