Tamedia

Rückgang bei Print führt zu massiv höherem Digitalanteil

Sie finden Tamedias Jahresergebnis 2018 nur "mässig" und "zufriedenstellend": CEO Christoph Tonini und VR-Präsident Pietro Supino 2019.
Markus Knöpfli, © knö
Sie finden Tamedias Jahresergebnis 2018 nur "mässig" und "zufriedenstellend": CEO Christoph Tonini und VR-Präsident Pietro Supino 2019.
Die im letzten Jahr von Tamedia übernommene Goldbach Group musste im TV-Geschäft und somit auch insgesamt einen Umsatzrückgang hinnehmen, fuhr aber dennoch einen Rekordgewinn ein. Bei Tamedia spiegelt sich dies erst teilweise wider. Vor speziellen Herausforderung sieht sich der Konzern nicht nur im Printgeschäft und bei "20 Minuten", sondern auch bei den Onlinerubriken.
Pietro Supino, VR-Präsident von Tamedia, bezeichnete das vergangene Geschäftsjahr als "den Umständen entsprechend gut und zufriedenstellend". Mit den Umständen meinte er vorab die starken Einbrüche im Printwerbemarkt. So mussten die Tagespresse aller Kategorien Rückgänge von netto 14 bis 17 Prozent und die Sonntagspresse einen um 15 Prozent hinnehmen, Kategorien, zu denen auch die Tamedia-Titel zu zählen sind.
Pietro Supino sieht Tamedia vor einem "Durchbruch" in Sachen Bezahlmodell für journalistische Inhalte.
Markus Knöpfli, © knö
Pietro Supino sieht Tamedia vor einem "Durchbruch" in Sachen Bezahlmodell für journalistische Inhalte.
Supino fügte aber auch an, dass er längerfristig mit dem 2018er-Resultat nicht zufrieden ist. "Punkto Wachstum bei Umsatz und Ergebnis entspricht es nicht den längerfristigen Erwartungen."

Tamedia in Zahlen (in Mio Fr,)

20182017+/- in %
Betriebsertrag Gruppe1010.6974.2+3,7
Betriebsertrag Bezahlmedien569.6603.8-5,7
Betriebsertrag Pendlermedien + Vermarktung206.4154.4+33,7
Betriebsertrag Marktplätze + Beteiligungen252.8235.5+7,3
Ergebnis129.5170.2-23,9
Personalbestand33303204+3,9
Quelle:
Tamedia-CEO Christoph Tonini qualifizierte das Geschäftsjahr 2018 sogar etwas negativer: Das Wachstum beim Umsatz sei nur akquisitionsbedingt möglich gewesen (Goldbach, Neo Advertising, "Basler Zeitung"), bedauerte er. "Ernüchternd" sei vor allem die Tatsache, dass das Ergebnis trotz Neueintritt in neue Geschäftsfelder (TV- und Radiovermarktung, Out of Home) dennoch rückläufig ausfiel. Er bezeichnete es deshalb als "mässig".
Christoph Tonini will Tamedias Online-Marktplätze künftig "partnerfähig" aufstellen.
Markus Knöpfli, © knö
Christoph Tonini will Tamedias Online-Marktplätze künftig "partnerfähig" aufstellen.
Was den CEO aber besonders beunruhigt: Im Printbereich wiesen nicht nur Tamedias Bezahltitel happige Umsatzrückgänge bei den Werbeeinnahmen auf, sondern auch die Pendlerzeitung "20 Minuten". Und zwar ebenfalls im zweistelligen Prozentbereich, und in Franken ein Minus von mehr als 10 Millionen (das sich überdies nicht mit digitalen Einnahmen kompensieren liess). Toninis Hauptproblem dabei: Er kann sich diesen Rückgang bis jetzt nicht erklären. Denn im Gegensatz zu den Bezahlmedien, die ja seit Jahren sinkende Leserzahlen ausweisen und auch mit strukturellen Probleme zu kämpfen haben, ist dies bei "20 Minuten" nicht der Fall. Dieses erreicht in gedruckter und digitaler Form täglich 2,5 Millionen Personen, so viel wie noch nie. Eigentlich gemäss Tonini kein Grund, dem Titel Werbung zu entziehen.
Drei Neuerungen bei "20 Minuten"
"20 Minuten" hat mit 23 ausgewählten Jugendlichen (13 bis 16 Jahre) aus der ganzen Schweiz ein "Youth Lab" durchgeführt (HORIZONT berichtete) – in 12 Sessions à drei Stunden. Die Haupterkenntnis daraus gemäss Chefredaktor Marco Boselli: Jugendliche befassen sich nur abends mit News, früh morgens und tagsüber sind sie vor allem mit Kontakten und Beziehungen auf Whatsapp und Instagram beschäftigt.


Neben neuen Themen folgen daraus bei "20 Minuten" drei Neuerungen:

1. Jeder grössere Artikel erhält neu eine Contextbox, ein Textkasten, der erklärt, weshalb der Artikel wichtig ist und ihn in einen grösserern Zusammenhang stellt.


2. "20 Minuten" gibt demnächst einen Whatsapp-Newsletter heraus, in dem die wichtigsten News angeteasert werden. Aktivitäten auf Facebook oder Snapchat können künftig zurückgefahren werden.

3. "20 Minuten" publiziert ab 14. März ein neues Storytelling-Magazin namens "Venty", mit einem Fortnite-Redaktor.

Umsatzrückgang und Rekordgewinn bei Goldbach

Die Probleme bei "20 Minuten" zeigen sich auch im Bereich Pendlermedien und Vermarktung, wo neu neben "20 Minuten" und Tamedia Advertising auch Goldbach und Neo zusammengefasst sind: Ohne Akquisitionen, also organisch, hätte dieser Bereich ein Minus von 7 Prozent ausgewiesen! So aber wuchs er um 34 Prozent auf 206 Millionen Franken. Wichtig dabei ist, dass sich die Akquisitionen des letzten Jahres in diesen Zahlen nur teilweise niederschlagen: Von Goldbach konnte Tamedia erst vier Monate, von Neo Advertising zehn Monate konsolidieren. Demzufolge dürften sich die Umsatzbeiträge nächstes Jahr noch einmal erhöhen. Allerdings wies Tonini darauf hin, dass auch bei Goldbach letztes Jahr das Geschäft nicht ungetrübt verlief: Wegen Rückgängen im TV-Geschäft wies die neue Tochter insgesamt ein Umsatzminus aus - und dennoch aus Sicht Goldbach einen Rekordgewinn. Genauere Zahlen dazu nannte der CEO aber nicht.

Die Rückgänge im Printgeschäft und die Teil-Konsolidierung der Neugeschäfte führt dazu, dass der Digitalanteil bei Tamedia markant in die Höhe schnellt: Sie machen neu 43 Prozent Umsatzanteil (Vorjahr 37%) und 75 Prozent beim EBIT aus (Vorjahr 51%), auf Stufe EBITDA sind es sogar 86,1 Prozent (Vorjahr: ebenfalls 51%). Lässt man das reine Onlinegeschäft weg und fokussiert nur auf die Publizistik, so stammen dort bereits 71 Prozent des EBITs aus digitalen Angeboten.

100'000 Tagespässe verkauft

Fortschritte macht Tamedia im Bereich digitale Bezahlangebote: 70.000 digitale Abos konnten bisher verkauft werden, dazu kamen 107.000 Tagespässe. Wenn man aber weiss, dass Tamedia täglich von seinen Abo-Zeitungen 456.000 Exemplare vertreibt (Sonntags- und Wochenpresse nicht eingerechnet) und bei den Tageszeitungen gegenüber Vorjahr insgesamt 26.555 Exemplare weniger absetzt (man könnte grob auch von verlorenen Abos sprechen), sieht man sofort, dass in Bezug auf Digitalabos noch ein weiter Weg zurückzulegen ist. Dennoch sprach Verleger Supino von einem "Durchbruch" in dem Sinne, "dass wir mittlerweile verstehen, worum es geht und wie wir weiter kommen". Genau deshalb investiert das Unternehmen nun in den nächsten drei Jahren 30 Millionen Franken, davon 20 Millionen für redaktionelle Angebote, 10 Millionen für die Vermarktung. Wie das Geld ausgegeben werde, sei noch offen, es gebe aber innerhalb des Unternehmens zahlreiche Ideen, sagte Tonini. Wobei er betonte, dass es dabei auch um "Trial & Error"-Projekte gehe. Den Lead haben hier Christoph Zimmer als Chief Product Officer, Marc Isler als Chief Revenue Officer und Reto Matter als Chief Technology Officer.

War der Preis für Rocardo.ch angebracht?

Grössere Herausforderungen sieht sich Tamedia auch im Bereich Marktplätze und Beteiligungen gegenüber. Dieser Bereich ist zwar organisch um 7 Prozent gewachsen, mit einem Plus von 14 Prozent leistet er auch auf Stufe EBITDA mittlerweile auf über 100 Millionen Franken. Allerdings ist insbesondere das Rubrikengeschäft im Umbruch: Neu wird nicht mehr fürs Inserieren bezahlt, sondern für den erfolgreichen Abschluss.

Ricardo.ch schreibt zwar wieder schwarz auf EBITDA-Stufe, dennoch bezeichnete Tonini die Entwicklung dort als "nicht ganz toll". Er sieht zwar das Portal technologisch vorne, auch die Zahl der Nutzer steige, doch nach der Umstellung auf das neue Geschäftsmodell (Bezahlen nach Abschluss) lässt der Umsatz noch zu wünschen übrig. "Ricardo passt perfekt zu uns, aber in den nächsten zwei bis drei Jahren wird sich auch zeigen, ob der Kaufpreis zu hoch war", sagte Tonini.

Ungetrübt ist die Situation auch bei Doodle nicht: Der Werbemarkt allein vermag die Terminfindungsplattform nciht zu tragen, weshalb Tamedia nun zwei Paymodelle in Form von Abotypen eingeführt hat. Ziel ist es, die 30 Millionen monatlichen Nutzer nicht nur zu steigern, sondern sie auch zum Zahlen zu bringen.

Noch mehr an FinTech interessiert

Weil Swisscom seine Kaufoption bei localsearch.ch wahrgenommen hat, flossen Tamedia dieses Jahr 240 Millionen Franken zu. Die Hälfte davon wurde dafür eingesetzt, den Rest des Bankkredits für die Goldbach-Akquisition vollständig zurückzuzahlen. Die zweite Hälfte steht für Investitionen in neue Akquisitionen zur Verfügung. Tonini denkt in erster Linie an ein oder zwei Zukäufe im FinTech-Bereich, in dem Tamedia bereits mit Lykke und Monito aktiv ist. Zudem hat Tamedia angekündigt, seine Strukturen zu prüfen und sich voraussichtlich neu aufzustellen. Vorgesehen ist etwa, das DOOH-Portfolio (rund 16'000 Screens ins Schweizer Shoppingcenter, dazu weitere DOOH-Netze in Deutschland und Österreich), an Neo Advertising zu übergeben. Goldbach soll sich statt dessen verstärkt in der klassischen Dritt-Vermarktung ausweiten, so wie dies Tamedia im Rahmen des Tango-Netzwerkes schon angefangen hat. Auch über ein Zusammenlegen der Vermarktung von Goldbach und Tamedia Advertising wird nachgedacht, wobei der Goldbach-Auftritt offenbar gewahrt werden soll. Und schliesslich kann sich Tamedia künftig Partnerschaften im Marktplatz- und Rubrikengeschäft vorstellen, wie Tonini sagte.
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