Swiss Radio Day

"Mit dem Radioplayer machen wir primär Branchenmarketing für die Zukunft"

VSP-Präsident Jürg Bachmann: "Mit dem Swiss Radioplayer haben wir quasi Gewähr, dass unsere Radios auf den neuen Auto-Displays und anderen Empfangsgeräten erscheinen können."
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VSP-Präsident Jürg Bachmann: "Mit dem Swiss Radioplayer haben wir quasi Gewähr, dass unsere Radios auf den neuen Auto-Displays und anderen Empfangsgeräten erscheinen können."
Heute begeht die Schweizer Radio-Branche ihren 20. Swiss Radio Day – Jubiläum genug, um auf den Swiss Radioplayer zurückzukommen, der exakt vor einem Jahr lanciert worden war. Es scheint, dass er fast etwas vergessen ging, eigentlich erstaunlich, hat doch Spotify inszwischen in der Schweiz weiter Fuss gefasst. Doch wer denkt, das sich die Player-App in erster Linie gegen Spotify & Co. richtet, irrt sich. Jürg Bachmann, Präsident des Verbands Schweizer Privatradios (VSP), erklärt, welche zukunftsstrategischen Überlegungen wirklich dahinter stecken.

Herr Bachmann, wo steht der Swiss Radioplayer heute hinsichtlich Downloadrate und Nutzung?
Jürg Bachmann: Abgesehen von der App- und Webkonsolen-Nutzung wird der Swiss Radioplayer über verschiedenste, weitere Endgeräte konsumiert (z.B. SONOS, BOSE, Audi-Carsystem usw.). Diese Nutzung kennen wir nicht. Wir wissen aber, dass die Nutzung laufend steigt, so legten die ‘stream-starts’ in der App im 2. Quartal 2019 im Vergleich zum Vorquartal um 17 Prozent zu. Gemäss unserer internen System-Statistik wurden über den Swiss Radioplayer in den letzten 30 Tagen total 2.3 Millionen Stunden Programme konsumiert. Derzeit entwickelt Radioplayer Worldwide das Statistik-Tool weiter, um die Mess-Lücken zu schliessen, so dass wir hoffen, ab 2020 konkretere Nutzungszahlen präsentieren zu können.

Die Website des Swiss Radioplayer.
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Die Website des Swiss Radioplayer.
Ich habe nach der Lancierungsphase keine Werbung mehr für den Swiss Radioplayer gesehen. Marketingmässig scheint bei den Radios derzeit wohl der Wechsel auf DAB+ Priorität zu haben.
Ja, das läuft parallel. Denn UKW wollen wir Ende 2024 abschalten. Wir diskutieren sogar über einen früheren Abschalttermin. Einzelne Radios haben das schon getan. So hat etwa Radio Südostschweiz in einem Tal die UKW-Frequenz abgestellt, was ohne Aufschrei funktionierte. Kommt hinzu, dass das Marketingbudget für den Radioplayer relativ klein und der wichtigste Kommunikationskanal die Ausstrahlung der Spots auf den Partnerstationen ist. Ferner ist der Radioplayer noch primär eine B2B-Lösung, die den Partnerradios die Auffindbarkeit in der digitalen Welt gewährleistet. Die Nutzung steigt aber stetig, und wir wollen sie weiter ausweiten – etwa indem wir mit der Technologie von Radioplayer neu auch Podcasts dazu nehmen, damit eine Art Magnet für Podcasts in der Schweiz entsteht.


Der Swiss Radioplayer kam innerhalb von nur neun Monaten zustande, in seltener Einmütigkeit zwischen privaten und SRG-Radios. Woher kam der Druck?
Tatsächlich lancierten wir ihn gemäss unseren europäischen Partnern in Rekordzeit. Doch man muss wissen: Die Technologie dahinter ist europäisch, nur die Umsetzung ist schweizerisch. Aber einen eigentlichen Druck gab es nicht. Den ersten Input dazu erhielten wir am Swiss Radio Day 2017 aus Deutschland, daraufhin entschieden wir uns für die Lancierung. Mitgemacht haben 60 Veranstalter mit 130 Programmen, sowohl konzessionierte Radios als auch DAB+-only- und Web-only-Sender.
„Die Radios müssen sich um ihre Auffindbarkeit und Reichweite kümmern.“
Jürg Bachmann, Präsident des Verbands Schweizer Privatradios
Gemäss neusten Zahlen aus dem IGEM-digiMonitor 2019 hat Spotify in der Schweiz erneut an Beliebtheit zugelegt. Mein erster Eindruck wardenn auch: Die Branche lanciert den Radioplayer gegen solche Streamingdienste. Doch wenn dem so wäre, hättet Ihr mehr werben müssen. Also steht wohl eine andere Strategie dahinter?
Ein Medium gegen ein anderes zu machen, funktioniert nie – das weiss ich aus 35jähriger Medienerfahrung. Aber natürlich wollen wir nicht, dass Spotify und internationale Plattformen wie TuneIn einfach alles absaugen. Der Radioplayer hilft, die Abhängigkeit von diesen Playern zu reduzieren. Es ist vernünftiger, sich in den nationalen Märkten zu organisieren, weil man dann auch nationales Marketing machen kann. Und genau darum gehts beim Radioplayer: Um Branchenmarketing für die Zukunft.

Das müssen Sie erklären.
Unser Marketing zielt zur Hauptsache auf die vermehrt mobile Nutzung und neue Geräte wie Sprachassistenten, Autos, intelligente Kühlschränke, die alle auch Empfangsgeräte sind. Selbst eine grosse Radiogruppe in Deutschland oder der Schweiz kann nicht einfach bei Audi anklopfen und sagen, sie hätte gerne Zugang. Die verlangen – wenn überhaupt – nur eine einzige Schnittstelle – und zwar eine für ganz Europa oder gar für die ganze Welt. Haben wir diese nicht, verschwinden unsere Programme aus den Dashboards. Mit dem Swiss Radioplayer haben wir somit quasi Gewähr, dass unsere Radios auf den neuen Auto-Displays und anderen Empfangsgeräten erscheinen können. Schlimm wäre, wenn Spotify & Co. darauf wären, der Radioplayer aber nicht.


Es geht den Radios also um die Auffindbarkeit im 5G-Zeitalter?
Ja, es geht immer um die Auffindbarkeit – schon heute und in Zukunft – und um das Halten der Reichweite. Gemäss den Zahlen der Forschungsstiftung Mediapulse bilden die Schweizer Radios insgesamt das konstanteste und reichweitenstärkste Schweizer Medium. Diese Reichweite können wir nur halten, wenn wir mit der Verbreitungstechnologie Schritt halten. Andernfalls überlassen wir den Platz auf den neuen Geräten den Streamingdiensten oder anderen Aggregatoren wie TuneIn. Das klassische Broadcast auf UKW oder DAB+ reicht da nicht mehr.
„Wir wollen die Broadcast-Philosophie ins Internetzeitalter transferieren.“
Jürg Bachmann, Präsident des Verbands Schweizer Privatradios.
Bisher waren die Radios Herr der eigenen Daten. Mit 5G wird das anders: Da schalten sich dann jeweils die Telko-Anbieter dazwischen, und die Radios werden Teil von deren Geschäftsmodell.
Ja, das ist unser grosses Thema. Die europäische Radiobranche macht sich deshalb dafür stark, dass sie auf 5G ein Frequenz-Spektrum erhält, das sie selbst bewirtschaften kann – eben mit den Radioplayern: Sie sind das technische Vehikel dafür. Unser Ziel muss sein, künftig möglichst wenig von andern Gate-Keepern abhängig zu werden. Um ein solches Frequenz-Spektrum auf 5G zu erhalten, führen wir derzeit Gespräche im Vorfeld der Weltfunkkonferenz, die im Oktober 2019 stattfindet und im Jahr 2023 fortgeführt wird. Dabei geht es darum, einzelne Spektren der 5G-Bänder bestimmten Diensten und Aufgaben international einheitlich zuzuweisen. Und uns geht es mit dem Mandat darum, die Unabhängigkeit zu behalten. Wir wollen also die Broadcast-Philosophie ins Internetzeitalter transferieren.

An wen richtet sich das Mandat?
Über die verschiedenen nationalen Radioverbände und den Europäischen Radioverband AER haben wir ein für ganz Europa einheitliches Mandat formuliert, das wir den jeweiligen nationalen Delegationen mitgeben. Wir in der Schweiz werden das Mandat beispielsweise beim Bundesamt für Kommunikation (Bakom), das die Schweiz an der Konferenz vertreten wird, vorstellen. Auch die European Broadcast Union (EBU) der öffentlich-rechtlichen Sender ist in diesem Thema sehr aktiv.

Und was ist der Inhalt?
Unser Wunsch nach einem Frequenz-Spektrum, das wir bewirtschaften können. Ob das geling,. ist völlig offen. Denn die Mobilfunkbranche ist natürlich interessiert, das volle 5G-Spektrum selbst zu bewirtschaften.
Über den Swiss Radio Day
Am 29. August 2019 trifft sich die Schweizer Radio-Branchen einmal mehr in Zürich zum alljährlichen Radio Day. Dieses Jahr aber findet der Swiss Radio Day bereits zum 20. Mal statt. Es wird also gefeiert – aber nicht nur: So stehen dieses Jahr die Smart Speaker ebenso auf dem Programm wie ein Update zum Swiss Radioplayer, es geht um die Radioforschung, und man kann Referate aus Frankreich zum Thema Podcast hören. Ferner informiert Valerie Weber, Programmdirektorin des NRW/WDR, Wissen & Kultur, über Audio-On-Demand. Und SRF-Direktorin Nathalie Wappler hält eine Ansprache zum Thema “Zukunftsmedium Radio”.
Verstehe ich es richtig: Die Telekom-Unternehmen, die dieses Jahr eine 5G-Konzession erhalten haben, sollen den Radios nun einen Frequenzbereich abtreten?
Abtreten nicht gerade, aber die Regulierungsbehörde, in der Schweiz die ComCom, könnte ja ein freies Spektrum darauf für die Radios reservieren. Dazu müssen wir dereinst auch Gespräche mit der ComCom führen. Vorerst aber ist eine europäische Strategie nötig, damit alle Delegationen an der Weltfunkkonferenz dasselbe fordern. Und danach muss es in den Ländern umgesetzt werden.

Ist auch die Datenthematik im Mandat enthalten?
Selbstverständlich, sie hat einen hohen Stellenwert. Denn wenn schon Daten vorhanden sind, ist es nur vernünftig, wenn die Radios auch darauf zugreifen können. Wobei natürlich Fragen betreffend Datenschutz auch noch diskutiert werden müssen.
VSP-Präsident Jürg Bachmann: "Heute müssen wir zuerst als Branche eine technologische Lösung für den gemeinsamen Zugang bei den neuen Empfangsgeräten haben, damit der Konkurrenzkampf dort dann untereinander – wie bisher über die Programme – weitergeführt werden kann."
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VSP-Präsident Jürg Bachmann: "Heute müssen wir zuerst als Branche eine technologische Lösung für den gemeinsamen Zugang bei den neuen Empfangsgeräten haben, damit der Konkurrenzkampf dort dann untereinander – wie bisher über die Programme – weitergeführt werden kann."
Angenommen, es würde ein solcher Platz für die Radios reserviert – was heisst das dann für eure Daten?
Das ist heute schwer zu sagen. Aber mit einem europaweiten Zugang, mit dem auch der Umgang mit den Daten geregelt wird, ist eine Umsetzung in unserem Sinn sicherlich einfacher als wenn wir ohne Regelung mit den Telekom-Unternehmen verhandeln müssten.
„Die Kuchenstücke betreffend den 5G-Frequenzen werden jetzt verteilt. Man muss also weit voraus denken.“
Jürg Bachmann, Präsident des Verbands Schweizer Privatradios
Und welche Rolle spielt hier nun der Swiss Radioplayer?
Er ist der Aggregator der hiesigen Branche, welcher über eine europaweit identische Technologie läuft. Sollten wir tatsächlich Zugang zum 5G-Band erhalten, dann ist dafür europaweit bloss eine einzige Schnittstelle notwendig – und nicht x nationale oder gar in jedem Land je eine für jeden Sender. Diese Technologie wird zudem von einem europäischen Gremium weiterentwickelt, bei dem auch wir dabei sind. Die Idee dahinter ist die: Früher teilte der Regulator die Frequenzen zu und die Konkurrenz unter den Sendern ging los. Heute müssen wir zuerst als Branche eine technologische Lösung für den gemeinsamen Zugang bei den neuen Empfangsgeräten haben, damit der Konkurrenzkampf dort dann untereinander – wie bisher über die Programme – weitergeführt werden kann.

Was können Sie von der Weltfunkkonferenz im Oktober erwarten?
Das Hauptziel ist es, überhaupt erst auf die Agenda dieser internationalen Konferenz zu kommen – mit dem Fernziel, dass das Thema 2023 dann vertiefter diskutiert und geregelt wird. Das ist gar nicht so einfach, neben all den Anliegen der afrikanischen, asiatischen oder südamerikanischen Staaten. Es ist also eine langfristige Geschichte. Andererseits werden die Kuchenstücke jetzt verteilt. Nachher muss man damit nicht mehr kommen. Man muss also weit voraus denken.

Das heisst, dass die Radios vorerst noch ohne reservierten Platz auskommen müssen.
Ja. Aber betreffend 5G gibt es ja ohnehin noch einigen Klärungsbedarf – denken Sie nur an die ganze Gesundheitsdiskussion. Doch sollte die Marktdurchdringung mit 5G-fähigen Geräten plötzlich sehr schnell vorwärtskommen, sind wir dank des Swiss Radioplayers jedenfalls schon bereit.
„Wenn schon Daten vorhanden sind, ist es nur vernünftig, wenn die Radios auch darauf zugreifen können. “
Jürg Bachmann, Präsident des Verbands Schweizer Privatradios
Verhandeln Sie schon bilateral mit Sunrise oder Swisscom?
Nein.

Heute wird die Radiobranche den 20. Swiss Radio Day feiern. Half der jährliche Anlass bei der schnellen Lancierung des Swiss Radioplayers?Der Radio Day war das erste Vehikel, bei dem SRG und Privaten zusammenarbeiteten. Vor 20 Jahren, war das noch nicht selbstverständlich. Das zweite Projekt war dann die Forschungsstiftung Mediapulse, danach folgte die Kooperation in Sachen DAB+. Der Radioplayer steht also in derselben Tradition.

Und wie lautet Ihre 20-Jahr-Bilanz zum Radio Day?
Ich sagte schon: Es ist uns gemeinsam gelungen, die Aufmerksamkeit der Hörer für das Medium Radio hoch und konstant zu halten, in einer Zeit, in der massiv fragmentiert wird und alle um ihre Reichweiten kämpfen müssen. Das ist nicht selbstverständlich. Nun gilt es, diese Position für die nächsten 20 Jahren abzusichern, obwohl sich die Dynamik und die Gewohnheiten der Leute verändern werden. Für die Radios wird sich in den nächsten 20 Jahren mehr verändern als in den letzten 20 Jahren. Deshalb müssen sie sich um ihre Auffindbarkeit und Reichweite kümmern.

Interview: Markus Knöpfli



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