René Lüchinger über sein Buch "Ringen um Ringier"

"Der dokumentierten Wahrheit kann sich niemand entziehen"

René Lüchinger: "Ich versuche zu verstehen, was ist – und wie geworden ist, was heute ist."
© zvg..
René Lüchinger: "Ich versuche zu verstehen, was ist – und wie geworden ist, was heute ist."
Diese Woche hat Ringier mit viel Prominenz die Vernissage des Buches "Ringen um Ringier" von René Lüchinger gefeiert. HORIZONT Swiss sprach mit dem Buchautor über den Ursprung der Buchidee, das Mass an Transparenz, das Ringier ihm gewährte, die heiklen Aspekte der neueren, teils konfliktbeladenen Vergangenheit und die Frage, ob er für seine Recherche u.a. auch mit Konkurrentin Tamedia gesprochen hat.


Woher stammt die Idee, das Buch über Ringiers Transformation zu schreiben?
René Lüchinger: Das war die Idee von Ringier-CEO Marc Walder, er fragte mich, ob ich Lust hätte, diese jüngere Geschichte aufzuarbeiten. Ich sagte zu, allerdings – wie bei allen meinen Büchern – unter zwei Bedingungen: Ich wollte Zugang erhalten zu den Dokumenten von damals, nicht bloss zu heutigen quasi retrospektiven Zusammenfassungen, und ich wollte Zugang erhalten zu den damals handelnden Akteuren. Denn ich wollte mich nicht bloss mit Häppchen begnügen, beispielsweise mit den berühmten drei Sätzen, die eine Putzfrau zufällig im Vorbeigehen beim Chef-Büro aufschnappt, sondern ich wollte mit den handelnden Personen sprechen. Um danach Dokumente und Personen verknüpfen zu können.



Waren diese Bedingungen für Herrn Walder eine Überraschung?
Nein. Er hatte mich ja seinerzeit als „Blick“-Chefredaktor geholt, er wusste also, was er sich damit einhandelt (lacht).
„Die Recherche hat mir bewusstgemacht, wie stark Ringier unternehmerisch geprägt ist. Andernfalls wäre der Mut und das Tempo, mit denen die Digitalisierung vorangetrieben wurde, nicht möglich gewesen.“
Haben Sie dann die Dokumente vollumfänglich erhalten – oder haben einige Dinge gefehlt?
Das lief ganz anders: Zuerst bat ich um die VR-Protokolle der letzten 15 Jahre, stellte aber fest, dass diese für eine vollumfängliche Einsicht und Beurteilung der Ereignisse nicht ausreichen. Deshalb wollte ich auch die Annexe der VR-Protokolle. Doch auch das genügte nicht, weshalb ich auch die Geschäftsleitungsprotokolle benötigte: Denn oft erfolgten die Entscheide im VR zeitversetzt, waren aber in der GL vorgespurt worden. Dasselbe spielte sich dann noch einmal auf der Ebene der Geschäftsleitung Schweiz ab, die es zeitweise noch gab. Am Schluss hatte ich alles, 35 Ordner Papier. Aber das wurde nie infrage gestellt. Alles, was ich verlangte, wurde mir teilweise auch aus dem Archivkeller in Zofingen beigebracht.

Wie viele Stellen waren eingeschwärzt?
Keine.


Welches waren eigentlich die konzeptionellen, zeitlichen oder finanziellen Vorgaben von Herrn Walder?
Es gab keine Vorgaben. Aber da Marc Walder noch immer wie ein Journalist tickt, gehe ich davon aus, dass er ein süffig geschriebenes Buch wollte, welches der Wahrheit verpflichtet ist.
„Je kritischer die Zusammenhänge sind, desto besser müssen diese dokumentiert sein.“
René Lüchinger, Autor von "Ringen um Ringier"
Es ist an sich ungewöhnlich, dass eine Firma ihre derart kurz zurückliegende Vergangenheit vollständig offenlegt.
Ja, das ist ungewöhnlich. Das hat zum einen wohl viel mit der Familie Ringier zu tun. Sie sagen sich: Wenn wir so etwas machen, dann machen wir es richtig. Zum zweiten: Ein Medienunternehmen, welches sich entschliesst, die jüngste Geschichte aufarbeiten zu lassen, wird ja kaum eine Zensur einführen, indem das Management bestimmt, was zur Einsicht freigegeben wird und was nicht. Und zum dritten: Ich habe schon einige Bücher publiziert, die zeigen, dass ich nicht irgendwelche Nebensächlichkeiten aufbausche. Sondern, dass ich versuche zu verstehen, was ist – und wie geworden ist, was heute ist. Anders gesagt: Ich entwickle die Geschichte aus der Vergangenheit heraus, nicht aus heutiger Sicht quasi rückwärts. Denn das hiesse, mit dem heutigen Wissen frühere Entscheide und Entwicklungen zu beurteilen. Das ist völlig uninteressant.
Das 320-seitige Buch "Ringen um Ringier" ist im deutschen Steidl-Verlag erschienen.
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Das 320-seitige Buch "Ringen um Ringier" ist im deutschen Steidl-Verlag erschienen.
Der heikle Punkt bei einer derart aktuellen Aufarbeitung der Geschichte ist ja nicht nur, dass man Internas preisgibt, sondern auch Externas – im konkrete Fall etwa über Admeira oder den Konkurrenten Tamedia – also Dinge, die bis heute nicht konfliktfrei sind. Wie gingen Sie damit um?
Immer nach demselben Prinzip: Je kritischer die Zusammenhänge sind, desto besser müssen diese dokumentiert sein. Wenn einer nun kommen würde und behauptet, dies und jenes entspreche nicht der Wahrheit, dann muss ich aufzeigen können, wo und wie es dokumentiert ist. Ich behaupte deshalb: Der Wahrheit, wenn sie denn dokumentiert ist, kann sich niemand entziehen.

Sie haben auch mit diversen Akteuren gesprochen – auch mit Verantwortlichen bei Tamedia?
Die hatten ein Gesprächsangebot. Es wurde nicht genutzt.
„Ich entwickle die Geschichte aus der Vergangenheit heraus, nicht aus heutiger Sicht quasi rückwärts.“
René Lüchinger, Autor von "Ringen um Ringier"
Sie waren ein Angestellter des Ringier-Konzerns, zudem waren Sie selbst einer der vielen Akteure der Transformation, ein Steinchen im ganzen Mosaik. Wie gingen Sie mit dieser Doppelrolle um?
Ich war gut zwei Jahre lang Chefredaktor des „Blick“ – von Januar 2014 bis Februar 2016 – und damit Angestellter des Hauses. Danach machte ich mich wieder selbständig – übernahm aber von Ringier zwei Mandate: eines für die „Blick“-Gruppe und eines, um dieses Buch abzufassen. Für mich spielt es für die Recherchearbeit keine Rolle, ob ich angestellt, im Mandatsverhältnis arbeite oder gar ein Buch gänzlich ohne Finanzierung verfasse. Die Art und Weise, wie ich recherchiere, bleibt exakt dieselbe: Ich sichte die Dokumente, spreche mit den Akteuren, führe das zusammen unter der Optik, Entscheidungswege und Entwicklungen aufzuzeigen. Genauso ging ich bei der Biographie über Elisabeth Kopp vor, die kein Auftragsbuch war. Sie war genau so geschrieben wie dieses neue Buch über Ringier.
„Ich wollte Zugang erhalten zu den Dokumenten von damals, und ich wollte Zugang zu den damals handelnden Akteuren.“
René Lüchinger, Autor von "Ringen um Ringier"
Ihr persönliches Fazit nach dem Buch: Was war für Sie das Überraschendste an dieser Geschichte? Und was haben Sie über CEO Marc Walder und Verleger Michael Ringier Neues erfahren?
Die Recherche hat die Einsicht geschärft, dass die Digitalisierung die Medienbranche – und nicht nur sie – tiefgreifend und irreversibel umpflügt. Sie hat mir aber auch bewusstgemacht, wie stark Ringier unternehmerisch geprägt ist. Andernfalls wäre der Mut und das Tempo, mit denen die Digitalisierung vorangetrieben wurde, nicht möglich gewesen. Und das hat eben mit dem Verleger, den Aktionären aus der Ringier-Familie und ihrem CEO zu tun.

Interview: Markus Knöpfli

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