Publicom-Studien

Lokalradios erfüllen ihren Auftrag, aber...sie ordnen News kaum ein

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Was die Schweizer Privatradios in den Äther lassen, lässt zu wünschen übrig. Und die RTS-Sender sollten etwas häufiger über den Röstigraben und ins Tessin blicken.
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Was die Schweizer Privatradios in den Äther lassen, lässt zu wünschen übrig. Und die RTS-Sender sollten etwas häufiger über den Röstigraben und ins Tessin blicken.
Die Schweiz hat nach wie vor eine vielfältige Radioszene. Zu diesem Ergebnis kommt das Forschungsinstitut Publicom, das die Programme der SRG-Radios in der französischen Sprachregion und aller konzessionierten Lokalradios im Jahr 2018 im Auftrag des Bundesamts für Kommunikation (Bakom) untersucht hat. Die Studien weisen aber auch auf Schwächen der untersuchten Radios hin: Bei den RTS-Radios auf deren bescheidene Leistung in der Berichterstattung über andere Sprachregionen und auf die geringen regionalen Informationsleistungen einzelner Lokalradios.
Das Bakom hat zwei neue Untersuchungen veröffentlicht, die die Programmleistungen der Radios von RTS und jene der konzessionierten Lokalradios aller Sprachregionen beleuchten.


Die SRG-Radios müssen sich gemäss den gesetzlichen Vorgaben auf ihre Sprachregion konzentrieren und in erster Linie sprachregionale, nationale und internationale Informationen ausstrahlen. Publicom stellt den vier Service-public-Sendern von RTS (La 1ère, Espace 2, Couleur 3, Option Musique) grundsätzlich ein positives Zeugnis aus. Gemäss der Analyse ist die Information bei diesen Radios, insbesondere bei La 1ère, sehr vielfältig. Neben den politischen Themen geniessen Kulturthemen eine sehr hohe Priorität. Hingegen sind sportliche und wirtschaftliche Themen weniger präsent. Die verschiedenen Akteure und Meinungen sind ausgewogen repräsentiert. Sobald es aber darum geht, kontroverse Positionen in einem thematischen Zusammenhang aufzuzeigen, sind die einzelnen RTS-Programme sehr unterschiedlich.

Wenig Informationen zu anderen Sprachregionen

Der Integrationsauftrag der SRG verlangt von RTS, dass es auch über das Geschehen in den anderen Sprachregionen berichtet. Diesbezüglich stagnieren die RTS-Radios jedoch: nur durchschnittlich 6 Prozent der gesamten Informationszeit widmen sie den anderen Sprachregionen. Wenn überhaupt aus anderen Regionen berichtet wird, geht es in den RTS-Radioprogrammen fast immer um die Deutschschweiz. Die italienischsprachige Schweiz werde weitestgehend ignoriert, schreibt Publicom. Mehr Aufmerksamkeit als die anderen Sprachregionen geniesst – wie in früheren Jahren – beispielsweise Frankreich.
Angaben zu den Studien
Die beiden Studien hat das Institut Publicom im Auftrag des Bakom durchgeführt. Untersuchungszeitraum war eine künstliche Woche im Jahr 2018. Die Studien sind Teil eines Forschungsprogramms, mit dem die Sendungen der Schweizer Radio- und Fernsehsender – mit Konzession oder Leistungsauftrag – durch wissenschaftliche Methoden kontinuierlich beobachtet werden. Die Publikation der wissenschaftlichen Analysen soll die öffentliche Diskussion über die Programmleistungen von Radio und Fernsehen in der Schweiz anregen.
Der Bundesrat hat als Konsequenz aus früheren Analysen in der Zwischenzeit die konzessionsrechtlichen Vorgaben für die Berichterstattung über andere Sprachregionen wesentlich verschärft. Die neue Konzession ist seit dem 1. Januar 2019 in Kraft. Ob sie Wirkung entfaltet, wird die nächste Untersuchung zeigen.

Vielfältige und faktenorientierte Berichterstattung bei Lokalradios

Der Programmauftrag der konzessionierten Lokalradios beschränkt sich auf sechs Stunden Hauptsendezeit. Er verlangt von ihnen in erster Linie vielfältige und relevante lokal/regionale Informationsleistungen. Publicom kommt zum Ergebnis, dass die Schweizer Lokalradios in der Tat vielfältig berichten. Informationen über Politik, Gesellschaft, Kultur und Sport spielen eine grosse Rolle. Dabei sind die thematischen Schwerpunkte je nach Sprachregion unterschiedlich. So hat die Kultur in den Lokalradios der französischen Sprachregion einen grösseren Stellenwert als bei den Radios der anderen Sprachregionen.
Noch herrscht Vielfalt, aber ....sie nimmt ab
Mit teilweise sehr unterschiedlichen Programmkonzepten suchen die Radios den Publikumserfolg, je nach Kontext, Wettbewerbssituation und unternehmerischen Zielsetzungen. Diese Vielfalt ist indessen regional immer wieder in Frage gestellt. Es zeigt sich nämlich über längere Zeiträume, dass sich Homogenisierungs- und Differenzierungstrends abwechseln. Waren zu Beginn der Programmanalysen ab 2009 die Differenzierungstendenzen stärker ausgeprägt, so sind seit einigen Jahren wieder vermehrt programmliche Angleichungen zu beobachten. In der italienischen Schweiz hat der Homogenisierungsprozess, der sich in erster Linie in den Musikformaten manifestiert, bereits 2013 eingesetzt, in der deutschen und französischen Schweiz ist er seit der letzten Erhebung 2016 festzustellen – allerdings mit einer Ausnahme: Mit der Umpositionierung vom früheren Yes FM in Radio Lac entstand eine neues Programmangebot, das im privaten Radiomarkt der Schweiz einzigartig ist. Mit seinem hohen Wort- und Informationsanteil ähnelt es stärker dem wortstarken RTS-Radio La Première als einem klassischen privaten Begleitradio.

Programmliche Vereinheitlichungstendenzen manifestieren sich zum einen bei Radios, die zu einer Unternehmensgruppe gehören. Zum anderen sind aber auch Radios betroffen, die – wie in der italienischen Schweiz – miteinander im Wettbewerb stehen. Im Tessin haben sich die beiden Privatradios in einem Masse angeglichen, dass sie punkto Musikformat und Programmstruktur kaum noch zu unterscheiden sind.


Im Raum Zürich sind Planet 105 und Energy Zürich zusammengerückt. Deren Musikformate weisen kaum noch Unterschiede auf. Dasselbe geschah zwischen FM 1 und Radio Südostschweiz im östlichen Landesteil.

Im Bereich der Information sind die Entwicklungen weniger auffällig und auf „Konzernradios“ der Ringier- und CH-Media-Gruppe beschränkt. Sie betreffen hauptsächlich Angleichungen der Informationsvolumina (Radio 24, Argovia) und des Themen-Mix (Energy-Radios).
In der Regel berichten die Lokalradios vor allem faktenorientiert. Das heisst: sie ordnen das Geschehen im Gegensatz zu den SRG-Radios wenig ein und beleuchten in geringem Masse unterschiedliche Perspektiven zu einem Thema. Damit zusammenhängend verwenden sie selten aufwändige journalistische Produktionsformen und vermitteln die Informationen vor allem via Meldungen, Stellungnahmen und Berichte. Aber unter den Lokalradios finden sich diesbezüglich auch Ausnahmen: Einzelne Radios – wie etwa Radio Lac, Radio Chablais oder Radio 1 – verwenden journalistisch vielfältige Darstellungsformen. Sie bieten ihrem Publikum damit auch mehr Orientierungsleistungen an als andere Lokalradios.
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