Publicitas + AdAgent

Die meisten Gross-Verlage mögen nicht darüber sprechen

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Gut drei Monate sind vergangen, seit Publicitas ihre Tätigkeit eingestellt und AdAgent seinen Betrieb aufgenommen hat. Doch fragt man bei den Verlagen nach, wie gross die Zahlungsausstände nun sind und welche Rolle AdAgent mittlerweile spielt, bleiben die meisten wortkarg.
Keine Frage: Die Halbjahresbilanzen sind überall erstellt, die Verlage wissen also Bescheid darüber, wie viele Ausstände sie seit der Zahlungs- und Handlungsunfähigkeit der Publicitas Ende April gewärtigen müssen. HORIZONT Swiss stellte deshalb einigen Verlagen eine simple Frage, mit der sie keine grossen Geschäftsgeheimnisse preisgeben würden: Wie viel Prozent Ihres gesamten Print- und Online-Werbeumsatzes im 1. Semester 2018 sind nach wie vor bei Publicitas blockiert? Bloss drei Verlage lieferten brauchbare Aussagen: Thomas Kundert, CEO bei Somedia, teilte kurz und bündig mit: "Weniger als 2 Prozent." Moreno Cavaliere, Delegierter bei Corriere del Ticino/MediaTI Marketing SA, bezog seine Angabe auf den Total-Umsatz seines Unternehmens und sprach von einem Abschreiber "im ganz tiefen einstelligen Prozent-Bereich". Damit sei MediaTI "mit einem blauen Auge davon gekommen", fügte er hinzu. Etwas höher dürfte der Abschreiber bei der Gassmann Group ausfallen: Direktor Martin Bürki schreibt: "Als Verlag welcher seine Titel grossmehrheitlich in Eigenregie vermarktet, machte Publicitas in der Vergangenheit noch einen tiefen zweistelligen %-Satz am Umsatz aus."
Thomas Kundert, CEO von Somedia.
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Thomas Kundert, CEO von Somedia.
Alle andern Verlage passten: Tamedia und NZZ redeten sich mit der baldigen Publikation ihrer Halbjahreszahlen heraus, Admeira behauptete, die Frage berühre "Themen mit geschäftsrelevantem Hintergrund", weshalb man keine Antwort geben könne. Von der "Basler Zeitung, Christoph Blochers Gratiszeitungen und den "Freiburger Nachrichten" ging keinerlei Antwort ein und die AZ Medien verschanzten sich hinter dem Argument, beim Konkursverfahren der Publicitas AG handle es sich um ein laufendes Verfahren, zu dem man keine Angaben machen könne. Kreativ war auch die Antwort von Walter Herzog von der "Neuen Fricktaler Zeitung": "Da die Thematik Publicitas noch relativ jung und offen ist, können wir zu Ihren Fragen zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht Stellung nehmen," schrieb er.


Ganz anders tönt es aus dem Tession: Moreno Cavaliere versteckt sich nicht hinter dem laufenden Verfahren, er sagt direkt, was er denkt: "Ich wünschte mir, dass die Verantwortlichen der Publicitas für diesen Schaden juristisch zur Rechenschaft gezogen werden. Es handelt sich nicht um eine Bagatelle sondern um einen riesigen Flurschaden, der in der Schweizer Medienlandschaft hinterlassen wurde! Denken Sie zB. an die sehr vielen nun arbeitslosen ex MitarbeiterInnen!"

Keine News vom Konkursverwalter

Interessant ist, dass die Verlage vom Konkursverwalter von Publicitas bisher noch keine neuen Informationen erhalten haben und damit im Ungewissen gehalten werden. Dies geht jedenfalls aus den Antworten von Somedia, MediaTI und Gassmann Group hervor.

Nun könnte man erwarten, dass die Verlage etwas weniger verschlossen sind, wenn es um AdAgent geht, ist doch die jungen Firma, die nach Pfingsten ihre Tätigkeit aufnahm, ein Kind der Verlage NZZ, AZ Medien, Tamedia und "Corriere del Ticino" sowie vom Verband Schweizer Medien (VSM). Doch weit gefehlt. Auf die Frage, wie sich der Print- und Online-Werbeumsatz der jeweiligen Print-Titel seit dem 1. Mai 2018 entwickelte hat, passten die Grossverlage erneut. Bürki von Gassman hielt dagegen fest: "Insgesamt ist die kumulierte Entwicklung zu Vorjahr per Ende Juli leicht besser als Ende April." Wobei sich der lokale Markt besser entwickelt habe als der nationale – nicht zuletzt, weil sich der überregionale Rubrikenmarkt zuerst neu habe organisieren müssen.
Martin Bürki, Direktor der Gassmann Group.
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Martin Bürki, Direktor der Gassmann Group.
Korrigendum: falsches Foto
In der ursprünglichen Version dieses Artikels war Marco Cavaliere, nicht Moreno Cavaliere abgebildet. Beide sind/waren zwar im Tessin tätig, sie sind aber weder identisch noch verwandt. Wir entschudigen uns für das Versehen.
Fast schon positiv klingt es bei Somedia: "Wegen Publicitas spüren wir aber keine wesentlichen Veränderungen bei den Umsatzzahlen. Ausser dass einige Kunden neu direkt buchen und wir für einige neue Kunden die gesamten Print- und Online-Kampagnen abwickeln dürfen", schrieb Kundert. Und Cavaliere berichtet aus dem Tessin Folgendes: "Die Tageszeitung verhält sich wie die übrigen vergleichbaren Tageszeitungen in der Schweiz: Die Print-Entwicklung ist leider rückläufig. Damit sind wir nicht zufrieden. Bei der Sonntagszeitung leiden wir zur Zeit etwas mehr als der Markt." Man werde deshalb mit einer Reihe von Offensiven versuchen, "einen Teil des Werbemarktes zu reaktivieren und von den absoluten Stärken des Print zu überzeugen". Der Online Werbeumsatz hingegen entwickle sich "sehr erfreulich".

Zufrieden mit AdAgent

Wie viele Anzeigen gingen seit dem Start über AdAgent bei den Verlagen ein? Dazu sagt Bürki: "Wir machen die Erfahrung, dass die Kunden direkt bei Gassmann Media buchen und mit dem direkten Weg zufrieden sind." Es dürften in Biel also nur wenige über AdAgent gekommen sein. Im Tessin hingegen dürfte die Zahl höher liegen: "Wir erhalten erfreulicherweise regelmässig erste Anzeigenkampagnen über die neue Firma Ad Agent. Diese scheint mir einen hervorragenden Job zu machen. Die Leute sind sehr kompetent und haben die Lücke aus unserer Warte sehr gut, schnell und unkompliziert geschlossen", lobt Moreno Cavaliere.
Moreno Cavaliere Delegierter Corriere del Ticino/MediaTI Marketing SA
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Moreno Cavaliere Delegierter Corriere del Ticino/MediaTI Marketing SA
Natürlich stellt sich auch die Frage nach der Zufriedenheit mit der neuen Firma: Cavaliere ist (als Teilhaber) erneut des Lobes voll: "Als Verlag sind wir sehr zufrieden." Zufrieden ist auch Kundert von Somedia: "Bis jetzt gibt es nichts zu beanstanden", hält er fest.


Durchzogen fällt schliesslich die Antwort auf de Frage nach dem Stellenwert der jungen Firma aus. Konkret: Was wäre, wenn es AdAgent nicht (mehr) gäbe? Für Cavaliere ist klar: "Ich bin überzeugt, dass dies für den Gesamtmarkt Print ganz schlecht wäre." Denn die Hauptakteure, die Agenturen, könnten es sich nicht leisten, für die Gattung Print mehr Aufwand als bisher in Kauf zu nehmen. Zu klein seien die Margen heute in diesem Markt. Und er lanciert zum Schluss einen Werbespot: "Das heisst, die Leistung von Ad Agent, 'One order, one Bill', ist essentiel für die Printmedien als Gattung."

Positiv, aber zurückhaltender fällt das Urteil von Thomas Kundert aus: "Wir sind froh über die Initiative der Gründerverlage und des VSM. Es gibt im Markt aber zahlreiche Alternativen für frühere Publicitas-Kunden. Unter anderem bieten auch wir mit Somedia Promotion seit Jahren sehr vergleichbare Dienstleistungen wie die frühere Publicitas." Und seitens Gassmann scheint man nicht allzuviel von der neuen Firma zu halten. Mehr als ein weiterer Vermittler sieht man darin offenbar nicht. So beantwortet Martin Bürki die gestellte Frage nur indirekt – mit Verweis auf die eigene Tätigkeit: "Gassmann Media vertritt mit den Print-Titel von ROC Romandie Combi und DZP Der Zeitungspool (Biel Freiburg Wallis) die wichtigen abonnierten Tageszeitungen in der Romandie und an der Sprachgrenze und hat damit ein interessantes Portfolio, welches die Kunden auch direkt bei Gassmann Media belegen." Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil man selbst bereits die von den Kunden gewünschten Vorteile "1 Anlaufstelle für Buchung und Druckmaterial mit 1 Sammelrechnung" biete, jedenfalls für die Printangeboten, die die Bieler Firma vertrete. knö

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