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Ungehindert behindert - auch in der Werbung

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Pro Infirmis bringt Menschen mit Behinderung in die Werbung. Fünf Marken machen mit. Welche?
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Pro Infirmis bringt Menschen mit Behinderung in die Werbung. Fünf Marken machen mit. Welche?
Wir kennen sie alle, die Werbungen von Coop und Migros, Galaxus oder der Mobiliar. Die Schadenskizzen mit den Strichfiguren oder die drei Appenzeller Sennen, die uns ihr Rezept nie verraten werden. Haben Sie schon mal ein Model mit Behinderung in der Werbung gesehen? Mit einer sichtbaren Behinderung? Dafür lanciert Pro Infirmis «ungehindert behindert» Verantwortlich für die schweizweite Kampagne ist CRK Kommunikation. Im Beitrag: Interviews mit Michel Fornasier und Benita Spengler. 
Drei neue Geheimnisträger für Appenzeller Käse
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Drei neue Geheimnisträger für Appenzeller Käse
Für mich und dich und für alle
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Für mich und dich und für alle
Sie geben alles für ungehindert behindert in der Werbung
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Sie geben alles für ungehindert behindert in der Werbung
Liebe Mobiliar
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Liebe Mobiliar
Pro Infirmis setzt sich für eine inklusive Gesellschaft und die selbstbestimmte Teilhabe von Menschen mit Behinderung ein. Dazu gehört auch, dass sie wie alle anderen Menschen auch in der Werbung sichtbar sind. Pro Infirmis übernimmt bekannte Werbesujets von Schweizer Firmen und besetzt sie mit Menschen mit Behinderung. Denn: Menschen mit Behinderung fehlen in der Werbung, obschon sie Teil unserer Gesellschaft sind.
Oben das Original aus der beliebten Galaxus-Werbung. Unten die Nachstellung mit "ungehindert behindert" Helden für Pro Infirmis
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Oben das Original aus der beliebten Galaxus-Werbung. Unten die Nachstellung mit "ungehindert behindert" Helden für Pro Infirmis

Michel Fornasier, Protagonist aus der Kampagne im HORIZONT-Gespräch:

Michel Fornasier (z.v.l. auf der Bank sitzend in der Galaxus-Werbung), von welcher Art ist Ihre Behinderung? 
Dysmelie. Ich wurde ohne rechte Hand geboren.


Wie gehen Sie mit Ihrer Behinderung um? 35 Jahre konnte ich nicht zu meiner körperlichen Beeinträchtigung stehen. Zwar ist eine fehlende Hand nicht eine schwere körperliche Behinderung, jedoch eine sehr sichtbare. Es war mir peinlich und unangenehm mich so in der Öffentlichkeit zu zeigen. So versteckte ich mein Handicap lieber unter einer Jacke oder in der Hosentasche. Vor einigen Jahren beschloss ich, meine Behinderung sichtbar zu machen, dazu zu stehen und meinen Armstumpf nicht länger zu verstecken. Glauben Sie mir, es lebt sich seither viel einfacher.

Wie sehr hat sich für sie im Alltag der physische Raum dank Verbesserungen in den letzten 10 Jahren verbessert? Dank einer hochmoderne Handprothese darf ich den Alltag seit 5 Jahren zweihändig bewältigen. Diese Hightech-Hand eröffnet mir ganz neue Möglichkeiten und hat mein Leben von Grund auf verändert. Es ist mir ein persönliches Anliegen, den Bekanntheitsgrad dieses neuartigen Hilfsmittels zu steigern, um so viele Menschen mit dem gleichen Handicap zu erreichen und ihr Leben zu erleichtern. Gerne möchte ich aufzeigen, was heute auf dem Gebiet der Robotik möglich ist, Tabus brechen sowie eine Brücke zwischen Menschen mit und ohne Handicap bauen.»


Wo sehen Sie Entwicklungspotential in der Schweiz, auf der psychologischen und auf der physischen Ebene, um Betroffenen das Leben im Alltag zu erleichtern? Das monatelange Training mit dieser bionischen Roboterhand zeigte mir erst, wie schwierig alltägliche Bewegungsmuster, wie das Binden von Schnürsenkeln oder das Auf/Zuschrauben eines Wasserhahns sind. Für eine menschliche Hand ein Kinderspiel - für eine künstliche Hand eine echte Herausforderung. In der Werbung oder in zahlreichen Hollywood Blockbusters ist oft die Rede von Cyborgs und Künstlicher Intelligenz, doch sollten wir bei aller Faszination für Robotik und der künstlichen Intelligenz nie vergessen, was unser Körper täglich für Wunder vollbringt. Zudem bleibt das Privileg zu lieben, allein uns Menschen vorbehalten.

Wie sehr nehmen Sie selber Werbung wahr? Werbung muss sich immer wieder aufs Neue erfinden. Andere Wege gehen, sich öffnen - horizonterweiternd - und da haben Mitmenschen mit einer geistig- und/oder körperlichen Beeinträchtigung ihren festen Platz.

Ihre Lieblingswerbung? Da gibt's einige. Ich mag Werbungen die nicht nur kurzfristig ihr Produkt verkaufen wollen sondern weiterdenkt und auch eine soziale Verantwortung übernehmen.

Sensibilisierung als Ziel

Pro Infirmis will hier nicht nur die breite Öffentlichkeit für die Anliegen von Menschen mit Behinderung sensibilisieren, sondern auch jene, die Werbeaufträge vergeben, Kampagnen konzipieren, realisieren und finanzieren und damit das Bild prägen, das in unserer Gesellschaft transportiert wird. Wir möchten sie ermuntern, Menschen mit Behinderung in der Werbung zu berücksichtigen. Schliesslich ist Werbung mehr als einfach nur Reklame, die dem Verkauf von Produkten dient. Werbung ist Projektionsfläche für Wünsche und Sehnsüchte, das Abbild einer Gesellschaft und davon, was als schön und begehrenswert gilt. Werbung schafft auch Vorbilder und Identifikationsfiguren – diese fehlen für die 1.8 Mio. Menschen mit Behinderung weitgehend. Pro Infirmis macht die Werbung, ihre Funktion in der Gesellschaft und ihre Rolle für eine inklusive Gesellschaft selbst zum Thema und setzt sich für ein inklusives Gesellschaftsbild in der Werbung ein.

Benita Spengler von Pro Infirmis auf Anfrage:

Welche Art von Behinderungen thematisieren Sie in Ihrer Kommunikation? Als grösste Fachorganisation für Menschen mit Behinderung und ihren Angehörigen in der Schweiz beraten wir Personen mit ganz verschiedenen Behinderungen. So haben wir in der Vergangenheit auch Kampagnen für Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung lanciert). Aufgrund der Botschaft haben wir uns dieses Jahr entschieden, Menschen mit einer sichtbaren Behinderung zu zeigen.

Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihren Kampagnen? Im Vordergrund von unseren Sensibilisierungskampagnen stehen nicht die Spendeneinnahmen, sondern wir machen uns für eine inklusive Gesellschaft stark - für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung und wir kämpfen gegen jegliche Art von Diskriminierung. Menschen mit Behinderung sollen daher auch in der Werbung sichtbar sein, wie alle anderen auch.

Wie entwickeln sich die Spendeneinnahmen? Unsere Spendeneinnahme sind seit Jahren stabil. Unser Jahresbericht 2018 gibt Auskunft darüber.

Welche Massnahmen begleiten die Plakatkampagne? Unsere Kampagne wird mit Online-Massnahmen unterstützt und wir kommunizieren unsere Botschaft auch auf unseren eigenen Social Media Kanälen und auf unserer Webseite. 

Was die beteiligten Firmen zur Kampagne sagen:

Vanessa Finzer, Leiterin Werbung und Kulinarik bei Coop: «Als Pro Infirmis mit ihrer Kampagnenidee auf uns zugekommen ist, waren wir sofort begeistert. Für uns ist diese gemeinsame Kampagne eine weitere Chance zu zeigen, dass wir mit "Für mich und dich" für alle da sind.»

Martin Walthert, Chief Marketing Officer von Digitec Galaxus: «Uns hat die Idee der Kampagne auf Anhieb gefallen. Da wir in unserer aktuellen Galaxus-Werbung alltägliche, gewöhnliche Situationen zeigen, fanden wir sie besonders geeignet für die Mitwirkung: Menschen mit Behinderung sind natürlich in den Alltag inkludiert.»

Roman A. Müller, Leiter Marketing-Kommunikation Migros-Genossenschafts-Bund: «Die Migros engagiert sich aktiv für die Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigung. In der Rolle als Arbeitgeber wie auch im Dienste unsere Kunden. Die Zusammenarbeit mit Pro Infirmis ist dementsprechend auch eine sinnvolle Ergänzung zu unserem bestehenden Engagement. »

Christoph Holenstein, Direktor Sortenorganisation Appenzeller Käse: «Ich stehe privat jemandem mit Trisomie 21 nahe und weiss was diese Behinderung bedeutet. Mir ist wichtig, dass alle Menschen gleichermassen auch an den Freuden des gesellschaftlichen Lebens teilhaben können – mit oder ohne Behinderung.»

Frédéric Zürcher, Leiter Marketingkommunikation bei Mobiliar: «Diversität ist für die Mobiliar eine Selbstverständlichkeit – deshalb engagieren wir uns für diese Kampagne.»
Über Pro Infirmis

Pro Infirmis führt in der ganzen Schweiz Beratungsstellen und unterstützt Menschen mit körperlichen, geistigen und psychischen Beeinträchtigungen.

Als gemeinnütziger Verein mit Sitz in Zürich ist Pro Infirmis politisch unabhängig und konfessionell neutral.
Mit unseren Dienstleistungen fördern wir das selbstständige und selbstbestimmte Leben von Menschen mit Behinderung.

Pro Infirmis setzt sich dafür ein, dass Menschen mit Behinderung aktiv am sozialen Leben teilnehmen können und nicht benachteiligt werden. Dieses Ziel möchten wir gemeinsam mit den Betroffenen erreichen.

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