Presserat

Rüge für Tamedia wegen angeblich verschleierter Politwerbung

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© Foto von Amador Loureiro auf Unsplash
Über Monate haben Tamedia-Onlinemedien neben redaktionellen Beiträgen zur Konzernverantwortungs-Initiative jeweils Werbung zur selben Initiative veröffentlicht, schreibt der Presserat in einer Mitteilung. Für das Publikum sei dabei nicht immer klar zu erkennen gewesen, dass es sich um Werbung handelte. Damit habe Tamedia den Journalisten-Kodex verletzt. Dieser verlange, dass Werbung, falls sie nicht klar als solche zu erkennen sei, explizit als Werbung deklariert werden muss. Zumindest anfänglich fehlte in einem Teil der Publikationen diese Deklaration.
Die Werbung war demnach für durchschnittliche Leser nicht als solche zu erkennen, weil eine Schriftart verwendet worden ist, die derjenigen für redaktionelle Texte sehr ähnlich ist. Zudem suggerierten die Begriffe "unser Dossier" und "Faktencheck", dass es sich um Zusatzinformationen der Redaktion handelt. Laut Presserat genügte es nicht, dass die Werbung in der rechten Spalte erschienen ist und animiert war. Die meisten Leserinnen und Leser erkennen kaum, dass dies bei Tamedia nur bei Werbung der Fall ist.


Der Presserat hält Tamedia aber zugute, dass die Werbung zur Konzernverantwortungs-Initiative in späteren Versionen mit "Anzeige" oder "Werbung" angeschrieben war. Damit wurde der Journalisten-Kodex eingehalten.

Die Stellungnahme der TX Group

Am 15. April 2020 nahm der Rechtsdienst der TX Group, die die Webseiten und die Werbung bei Tamedia verantwortet, Stellung zur Beschwerde und kommt dabei zum Schluss, dass die Richtlinie 10.1 strikt und pflichtbewusst eingehalten wurde:
  • Die Anzeige hebe sich gestalterisch vom redaktionellen Teil ab. Sie habe nicht dieselbe Farbe wie die redaktionellen Inhalte. Zudem würden in der Anzeige die Schriftarten Times New Roman (Bold) und Source Sans Pro (Semi-bold) verwendet und im redaktionellen Teil Publico Headline und Benton Sans Cond. Farbe und Schriftart würden sich somit eindeutig vom redaktionellen Teil abgrenzen.
  • Zudem sei die Anzeige so platziert, dass sie sich klar und deutlich vom Redaktionellen abgrenze. Die Plätze für redaktionelle Inhalte und Werbung seien auf allen Netzwerkplattformen von Tamedia klar zugeordnet und entsprechend abgetrennt. Die Anzeige sei an einem für Werbung vorgesehenen Platz publiziert worden, dort, wo die Leserschaft aufgrund der mehrjährigen Praxis Werbung erwarte.
  • Weiter handle es sich um ein animiertes Werbebanner, also um eine Werbung, die sich bewege. Solche animierten Anzeigen seien in der Werbebranche üblich, im redaktionellen Teil aber nicht.
  • Die Anzeige sei mit dem Begriff «Werbung» gekennzeichnet. Somit wisse der Leser bereits vor dem Anklicken, dass es sich um eine Anzeige und daher um den Inhalt eines Dritten handle. Wenn also von «unser Dossier» gesprochen werde, könne die Leserschaft ohne Zweifel davon ausgehen, dass es sich bei dem Dossier um Fremdinhalt handle. Auch die Desktopversion sei mit dem Begriff «Anzeige» gekennzeichnet.
  • Dass die Anzeige den Urheber nicht deklariere, sei unproblematisch. Die Richtlinie 10.1 schreibe nicht vor, dass Werbung direkt auf den Auftraggeber schliessen lassen müsse. Die Leserschaft erkenne somit eindeutig und schnell, dass es sich bei der beanstandeten Anzeige um Werbung handle, argumentiert die Beschwerdegegnerin. Der Trennungsgrundsatz aus Richtlinie 10.1 sei in keiner Weise verletzt.

Presserat zeigt sich in seiner Mitteilung beunruhigt

In jüngster Zeit befasst sich der Presserat immer wieder mit der Trennung zwischen redaktionellen Inhalten und Werbung. Der Presserat ist beunruhigt über die zunehmend feststellbare Verschleierung von kommerziellen Inhalten. Dies schadet der Glaubwürdigkeit der Medien und damit auch ihrer kommerziellen Grundlage.








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