Preiszerfall

Wer zahlt den Preis für "Fast Fashion"?

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Die heutige Generation der 18 bis 24-jährigen kauft fünfmal mehr Kleider ein als ihre Mütter, gibt aber nur einen Bruchteil so viel aus, wie diese vor zwanzig Jahren mussten.
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Die heutige Generation der 18 bis 24-jährigen kauft fünfmal mehr Kleider ein als ihre Mütter, gibt aber nur einen Bruchteil so viel aus, wie diese vor zwanzig Jahren mussten.
Im Globus geht es mit Rabatten hoch zu und her. Wer sich clever anstellt kann in diesen Tagen die Garderobe mit 30 Prozent vom eigentlichen Verkaufswert rundum erneuern. Doch wer zahlt eigentlich den Preis für Rabattschlachten von 70 Prozent und mehr? Dana Thomas lässt im gestrigen NZZaS-Interview tief ins Geschäftsgebaren einer Modebranche blicken, die sich, wie viele Branchen, in einem Überlebenskampf befindet.

Abseits der Rabattschlachten 

Es gäbe Alternativen zur Rabattschlacht, sagt Dana Thomas, die als Journalistin für die „New York Times“, „Vogue“ und „Newsweek“ gearbeitet hat. Harrods in London beispielsweise habe in einer Mall ein Outlet eröffnet und dort Kleider angeboten, die es im Warenhaus nicht verkaufen konnte. Die KundInnen konnten die Teile trotz grossem Nachlass zurückbringen, die nicht passten. Auch Louis Vuitton und Chanel machen bei den Rabattschlachten nicht mit. Im Gegenteil, sie haben die Preise sogar um 6 bis 7 Prozent erhöht. Dabei treffe die Krise die Luxusmarken besonders hart, da diese vom Geschäft mit chinesischen Touristen abhängig seien, sagt Thomas.

Absurde Lieferketten und Sortimentsbreite

Nicht nur ich als Konsument stelle mir offenbar die Frage, wohin mit all den Teilen, die niemals abgesetzt werden? Auch die Modehäuser. Dana Thomas: „Aber Modehäuser beschäftigten sich mit Umweltproblemen und dem Abfall, den sie verursachen. Sie rüsten sich für zukünftige politische oder Gesundheitskrisen und stellen sich Fragen wie: Müssen wir Kleider um die halbe Welt transportieren? Haben wir Überproduktion? Sollten wir die Zahl der Kollektionen reduzieren?“ Giorgio Armani fordert zudem ein Umdenken hin zu mehr Langlebigkeit und er will die Stückzahlen und die Zahl der Kollektionen in seinem Haus reduzieren.

Aufruf zu mehr Saisonalität 

Der Designer Fries Van Noten und das US-Warenhaus Bergdorf Goodman machten im Mai einen Aufruf, worin sie Modehäuser aufforderten, weniger Kleider zu nähen und sie erst zur entsprechenden Jahreszeit in die Shops zu bringen, also viel später als jetzt. Sie riefen auch dazu auf, weniger Rabatte zu gewähren und die Preise erst am Ende der Saison zu reduzieren.  40 Marken und Händler hätten sich damals dem Aufruf angeschlossen.

Darkside of Fashion

Die Konsumenten wüssten nichts über die Umweltbilanz von Kleidungsstücken, wenn sie diese entsorgten, so Thomas. Sie berichtet auch über die Arbeitsbedingungen, die nicht nur in den Fabriken von Bangladesh schockierend seien, sondern auch in Los Angels sowie in Leicester in Grossbritannien. 45’000 Näherinnen würden in LA arbeiten, die Hälfte davon Migrationen ohne Arbeitsbewilligung, die für 4 Dollar die Stunde nähen würden. Es handle sich hier durchaus um beliebte Marken im mittleren Preissegment, so Thomas.
Profital
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Jugend als treibendes Käufersegment

Klimabewegung hin oder her. Die Marken hätten insbesondere die 18 bis 24 Jahren alten darauf konditioniert, günstig und häufig einzukaufen. Oft würden sie Kleidungsstücke kaufen, auf Instagram oder Snapchat ein Selfie posten und die Stücke danach entsorgen oder weiterverkaufen. Diese Generation kaufe fünfmal mehr Kleider ein als ihre Mütter, geben aber nur einen Bruchteil so viel aus, wie diese vor zwanzig Jahren mussten.


Stellt sich die Frage, wie ernst es den Labels und Shops mit ihren Engagements für mehr Nachhaltig- und Menschlichkeit tatsächlich ist, wo sie sich selbst in einem Überlebenskampf befinden. Das ganze Interview mit Dana Thomas erschien in der NZZ am Sonntag. Für Abonnenten der NZZaS geht es hier zum ganzen Interview. 





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