Online-Datenmarktplatz

Wie das Schweizer Start-up Bitsaboutme die Datenwelt verändern will

Bitsaboutme will Konsumenten in der Schweiz und in Deutschland die Hoheit über ihre Daten zurückgeben
© Bitsaboutme/Screenshot
Bitsaboutme will Konsumenten in der Schweiz und in Deutschland die Hoheit über ihre Daten zurückgeben
Das Schweizer Start-up Bitsaboutme will weiter wachsen und den deutschen Markt erobern. 2017 hatte sich das Unternehmen erstmals als Europas erster Online-Datenmarktplatz für faire Datendeals positioniert. HORIZONT Swiss hat exklusiv mit Christian Kunz, Cofounder & CEO, über den neuen Kurs, die Ziele und den Schutz von Daten gesprochen. Der Ex-CEO von Ricardo.ch hatte das Start up gemeinsam mit Christophe Legendre gegründet.

Daten sind das Gold der Moderne. Doch davon haben in der Regel die Konsumenten wenig. Bitsaboutme will das ändern. Geht es nach dem Schweizer Start-up sollen künftig die Menschen an dem Datenhandel mitverdienen. In der Schweiz gestartet, will das Unternehmen nun auch in Deutschland wachsen. HORIZONT Swiss sprach exklusiv mit Christian Kurz über den neuen Kurs. Der Cofounder und CEO von Bitsaboutme hatte das Unternehmen 2017 mit Christophe Legendre gegründet.




Herr Kunz, Sie sind 2016 in der Schweiz gestartet, jetzt haben Sie den Schritt nach Deutschland gewagt. Was treibt Sie an?
Den Anstoss gab vor drei Jahren die DSGVO. Damals habe ich gedacht, wenn man das ernst nimmt, was da drin steht, wird es die Welt komplett auf den Kopf stellen, wie wir mit persönlichen Daten umgehen. Es kann nicht sein, dass meine Daten tausend verschiedene Eigentümer haben, die damit alles machen können, und ich keine Kontrolle mehr habe. Der einzige langfristig sichere Sammelpunkt für meine Daten bin ich selbst. Daher kann ich den Grundgedanken der DSGVO nachvollziehen mit all ihren aktuellen Schwächen in der Umsetzung. Mit den Daten der Menschen wird richtig viel Geld verdient, nur haben die Erzeuger der Daten nichts davon.
„Mit der DSGVO hatten wir aber plötzlich das Gesetz, das es gebraucht hat. Google, Amazon, Facebook hätten die Töpfe nie von sich aus aufgemacht. “
Christian Kunz, Bitsaboutme

Was heisst denn viel Geld?
In unseren Marktanalysen gehen wir davon aus, dass in Europa mit einem Profil ein Wert zwischen 500 und 1000 Euro im Jahr an Wert generiert wird - mit Werbung, mit CRM und Marktforschung und den unterschiedlichen datenbasierten Anwendungen: Da kommt eine Menge Geld zusammen. Unsere Vision ist, dass von diesem Batzen Geld, ein Teil beim Konsumenten – aslo dem Eigentümer der Daten - bleibt und nicht nur bei den grossen Tech-Firmen.


Das klingt ein bisschen nach Robin Hood, den Kleinen geben und den Grossen etwas wegnehmen.
Das ist gar nicht so falsch. Unsere Ursprungsidee hatte schon einen Robin-Hood-Ansatz. Wir wollten die Datenwelt für den Konsumenten erschliessen. Mein Mitgründer und ich haben ja jahrelange Erfahrung mit dem Aufbau und dem Betrieb von Online-Marktplätzen. Mit der DSGVO hatten wir aber plötzlich das Gesetz, das es gebraucht hat. Google, Amazon, Facebook hätten die Töpfe nie von sich aus aufgemacht. Jetzt haben wir eine Chance, und jetzt kann der Konsument das Recht auf Datenportabilität nutzen und seine Daten bei sich konzentrieren. Und er alleine entscheidet, was mit den Daten passiert und kann dabei noch Geld verdienen.
Will jetzt mit Bitsaboutme in Deutschland wachsen: Christian Kunz
© Bitsaboutme
Will jetzt mit Bitsaboutme in Deutschland wachsen: Christian Kunz

Ich fürchte, die Masse der Konsumenten ist trotzdem viel zu träge.
Google hat auch nicht im ersten Jahr den Durchbruch geschafft. Aber wir denken, unser Angebot hat Potenzial und trifft den Nerv der Zeit. Wir haben schon eine vierstellige Zahl an Konsumenten, die uns nutzen. Einige Zehntausend wären der nächste Meilenstein.



Wie wollen Sie das schaffen?
Ganz wichtig ist zum Beispiel die User Experience. Die müssen wir so einfach und komfortabel wie möglich halten. Im Moment ist unsere Plattform noch relativ manuell. Das werden wir zunehmend automatisieren und mit KI unterstützen. Alles muss super einfach, transparent und sicher sein. Wir wollen erreichen, dass unser Angebot eines der Produkte ist, die jeder auf seinem Smartphone hat und einmal die Woche schaut, was er Sinnvolles mit seinen Daten machen kann, welche Daten-Deals angeboten werden, und dann entscheidet, ob er hier Geld verdienen möchte oder nicht.


Sie setzen bislang auf PR und Erklärvideos im Web. Wird es auch eine Kampagne geben?
Unsere Hauptkanäle für die Kommunikation sind PR, Word of Mouth und Social Media. Wir wollen uns die User nicht kaufen. Das würde dem Modell widersprechen. Und die Leute, die wir über Paid-Media erreichen würden, sind vermutlich nicht die besten Early Adopters. Deswegen nutzen wir auch Multiplikatoren, um Buzz zu erzeugen, und wir wollen Partner gewinnen, die mit uns den Markt bearbeiten und die mit uns in die Kommunikation gehen. Dann können wir uns das Geld sparen, das wir sonst gleich wieder den grossen Werbeplattformen in den Rachen werfen müssten.

An welche Partner denken Sie hier?
Als Partner eignen sich besonders große Konsumgüterhersteller, Händler, Finanzdienstleister oder Marktforscher, die bekannte Marken haben und denen die Menschen vertrauen und die im Idealfall Millionen von Kunden haben, denen wir mit unserem Dienst einen relevanten Mehrwert liefern können.
„Wenn man Daten von Nutzern auf Augenhöhe und freiwillig bekommt, dann entsteht eine viel tiefere Beziehung zum Konsumenten.“
Christian Kunz, Bitsaboutme

Aber warum sollten Unternehmen mit Ihnen zusammenarbeiten?
Wir können durch hochwertige Konsumentendaten mit expliziter Einwilligung der Nutzer unseren Partnern einen Mehrwert geben, den diese anderswo nicht bekommen, und so ihr Geschäft nach vorne bringen.


Das sagen beispielsweise die Datenallianzen auch.
Der Unterschied ist, die Datenallianzen sind alle rein aus einer Corporate-Sicht konzipiert. Die Betreiber denken dabei aber nicht weit genug. Sie bitten immer nur um die Erlaubnis, noch mehr tracken zu dürfen. Sie bieten dem Kunden aber nie einen echten Benefit. Wir haben den umgekehrten Ansatz. Wir haben gesagt, My Data – so heisst das Konzept – steht im Zentrum. Wir blicken also immer vom Konsumenten aus auf die Daten. My Data schließt den Vorteil für die Unternehmen überhaupt nicht aus. Ganz im Gegenteil. Wenn man Daten von Nutzern auf Augenhöhe und freiwillig bekommt, dann entsteht eine viel tiefere Beziehung zum Konsumenten. Nur bestimmt er, welche Daten er freigibt und welche Unternehmen nutzen dürfen. Im Gegenzug bekommt er Geld und die Unternehmen hochwertige Daten, die von einer ganz anderen Qualität sind als das beispielsweise über die Anmeldung bei einem Newsletter der Fall ist. Wir glauben fest dran, dass es für die Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil gibt, die auf den Zug frühzeitig aufspringen und das Thema fairer Umgang mit Daten ernst nehmen.


Die Konsumenten bekommen einen bestimmten Betrag für ihre Daten, das Unternehmen bekommt verifizierte Daten und Sie eine Gebühr – sieht so in etwa das Geschäftsmodell aus?
Genau das ist unser Modell. Wir nehmen pauschal 20 Prozent Kommission auf jeden Datenhandel. Das ist verglichen mit anderen Online-Börsen noch recht konservativ. Für die Konsumenten kann das aber ganz anders aussehen. Mein Mitgründer und ich haben uns ja bewusst für das Marktplatzmodell entschieden. Hier werden die Preise ausgehandelt und das bedeutet, je nach Datensatz kann der Wert völlig anders aussehen. Es hängt immer vom Kontext ab. Was passiert mit den Daten? Für welchen Zweck werden diese benötigt? Wer verarbeitet diese?


Aber lockt das wirklich Unternehmen an?
Wir haben derzeit an die 40 Partnerunternehmen. Wir wachsen jeden Monat beim Traffic um 30 bis 40 Prozent, ohne Paid-Media. Wir sind bisher ganz zufrieden mit der Entwicklung und haben jetzt gerade die zweite Finanzierungsrunde vor uns.


Bei einer Startup-Finanzierung geht es immer um Wachstumschancen, bei dem Geschäft mit Daten geht es immer auch um Vertrauen. Warum sollte ich Ihnen meine Daten anvertrauen?
Ohne das Vertrauen der Konsumenten funktioniert unser Geschäft nicht. Und dafür unternehmen wir einiges. Unsere Plattform war vom ersten Tag an nach dem Prinzip "Privacy by Design" konzipiert. Die Server stehen in Frankreich bei OVH, einem der weltweit größten Cloud-Anbieter. Das war am Anfang auch eine Kostenüberlegung, weil die Schweiz hier teuer ist. Aber mit der DSGVO geht der Datenschutz in Europa jetzt sogar weiter als in der Schweiz. Was für die Sicherheit aber noch viel entscheidender ist: Die Daten sind dezentral verschlüsselt, dass selbst wir nicht an diese rankommen und sie auslesen können, ohne dass der Nutzer diese zuvor entschlüsselt. Wir können es technisch nicht und wir wollen das auch nicht. Wenn der Nutzer also sein Passwort verliert, können wir es auch nicht wiederherstellen, dann sind die Daten weg. Für immer.

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