Markencheck

Warum in der Corona-Krise jetzt Macher gefragt sind und keine Sprücheklopfer

   Artikel anhören
#ÜsiHeldä #NosHéros #INostriEroi soll den Helden der Stunde ein Gesicht geben
© Reachbird
#ÜsiHeldä #NosHéros #INostriEroi soll den Helden der Stunde ein Gesicht geben
Die Welt ist im Ausnahmezustand, die meisten Marken sind es auch. In der Schweiz unterstützen Marken, Influencer und Unternehmen Menschen, die derzeit das Leben am Laufen halten - von Spenden, über Lieferdienste bis hin zum Nähen von Mundschutzmasken und Herstellen von Desinfektionsmitteln. Brandingexperte Torben Platzer im exklusiven Gespräch mit HORIZONT Swiss über Verantwortung, Engagement und wie Brands zum Sieger der Herzen werden können.
Herr Platzer, in der Schweiz ist gerade eine Aktion angelaufen, bei der Influencer ihre Reichweite den Menschen zur Verfügung stellen, die jetzt den Laden am Laufen halten: Wie finden Sie das?
Influencer sein heißt in ersten Schritt, Reichweite zu haben und im zweiten, auch mit seinem Content zu beeinflussen. Für mich hat eine Person des öffentlichen Lebens die Verantwortung, diese Reichweite auch für gute Zwecke einzusetzen und zu nutzen. Gerade in einer Krisensituation wie die derzeitige, ist es Pflicht mit gutem Beispiel voran zu gehen und Kampagnen wie die "stay at home"-Kampagne zu unterstützen. Man darf nicht vergessen, dass gerade für viele Jugendliche nicht mehr Rolemodels aus dem TV oder Hollywoodsternchen Vorbilder sind, sondern Influencer auf Instagram und TikTok. Die bestimmen massgeblich die Handlungsweise und den Alltag beispielsweise der Genz Z mit. Lokale Läden in die Story mit aufzunehmen, Lieferdienste anzupreisen oder auch Follower zu bitten, die Mitgliedschaftsgebühr des Fitness Centers nicht zurück zu verlangen, sind einige positive Beispiele von Kampagnen, die ich selbst unterstützt habe in den sozialen Medien. Hier zeigt sich auch, wer das große Ganze sieht und sich seiner Tragweite bewusst ist oder wer mit Scheuklappen in einem Social Media-Tunnel lebt.
Torben Platzer, TPA Media
© TPA Media
Torben Platzer, TPA Media

Was bewirkt das, wenn Ärzte und Pflegekräfte über Influencer ihre Anliegen vorbringen?
In erster Linie Verständnis und Aufklärung, das ist in einer Krisensituation essenziell. Experten und Menschen ein Sprachrohr zu geben, halte ich für sehr sinnvoll. Deswegen habe ich selbst bei ähnlichen Aktionen mitgemacht. Social Media ist ein schneller und bei Menschen stets präsenter Kommunikationskanal in die reale Welt – ohne Filter.
Der Experte
Torben Platzer, 34, stammt aus der Delmenhorst bei Bremen. Der Gründer, Unternehmer und Branding-Experte lebt heute in München und ist Co-Founder der Medienagentur TPA GmbH, die spezialisiert ist auf das Personal Branding namhafter Unternehmerpersönlichkeiten und -marken. Er ist seit 2019 Official Member des Forbes Coaches Council. Darüber hinaus ist er an unterschiedlichen Unternehmen beteiligt wie beispielsweise Yuicery. Wichtig sind Platzer die Themen Bildung und Unternehmertum, für die er sich über sein Mentorship Programm Selfmade besonders bei jungen Menschen stark macht.

Wäre so etwas auch in anderen Ländern wünschenswert?
Auch in Deutschland haben einige Influencer ihre Reichweite zur Unterstützung solcher Kampagnen benutzt. Leider gibt es aber auch Gegenbeispiele, die die Krise als Marketingchance gesehen und gnadenlos ausgeschlachtet haben, beispielsweise überteuerte Masken, die über Panikmache und Angst verkauft werden oder Menschen, die in der Community zeigen, wie sie sich über Bitten und Verbote der Regierung, zu Hause zu bleiben und sich nicht in größeren Gruppen zu treffen, hinwegsetzen, um besonders "cool" und "rebellisch" zu wirken. Es ist wichtig, sich seines Einflusses bewusst zu sein und dementsprechend zu handeln.
„Die Krise bietet Marken jetzt vielmehr die Chance, als Sieger der Herzen aus der Krise hervorzugehen.“
Torben Platzer, TPA

Zahlreiche Marken und Unternehmen engagieren sich deshalb im Kampf gegen Corona. Was halten Sie davon?
Zusammenhalt ist wichtig, um eine globale Message in und über alle Kanäle nachhaltig und erfolgreich zu transportieren. Jegliche Rivalitäten gehören in so einer Zeit auf Eis gelegt. Das Verhalten der Marke wird die zukünftige Ausrichtung stark beeinflussen: Schlachtet man jetzt die Corona-Krise aus, um davon zu profitieren, wird kurzfristig möglicherweise Gewinn gemacht auf Kosten des guten Rufs und seiner Reputation. Das sollte sich jede Marke gut überlegen. Die Krise bietet Marken jetzt vielmehr die Chance, mit der richtigen Botschaft, das Gemeinwohl voranzustellen und damit beizutragen, die Gefahr einzudämmen und als Sieger der Herzen aus der Krise hervorzugehen. Das wird bestehende und zukünftige Kunden verstärkt an diese Marken binden.



Sicher? Ist das einfach nur der Versuch, auf einer Welle mitzureiten und ein bisschen positive Stimmung zu verbreiten?
Ich denke bei vielen ist es glaubwürdig, doch ich würde mir nicht anmaßen darüber zu urteilen. Am Ende zählen für mich das Engagement und die Aktionen, die von einem Unternehmen oder einer Marke in dieser Zeit initiiert werden. Aber eines ist auch klar. Eine Krisensituation wie diese ist nicht der richtige Zeitpunkt für Phrasen und haltlose Statements, sondern für Macher, die halten, was sie versprechen. Deshalb bewerte ich keine Intentionen, sondern schaue mir an, was getan wird und wurde.


Ist es sinnvoller Mundschutzmasken zu nähen oder nah am Kerngeschäft zu bleiben, um beispielsweise wie es der Online-Lebensmittelversender Farmy.ch macht, spezielle Lieferfenster für Senioren einzurichten?
Der Schuster soll bei seinen Leisten bleiben, so wie Farmy.ch beim Lebensmittelversand. Hier ein Schlupfloch zu sehen, um schnelles Geld zu machen, zahlt nicht auf die Markenawareness ein, sondern wird eher für eine gestörte Wahrnehmung sorgen. Sich seiner Expertise bewusst zu sein und dementsprechend zu handeln, ist enorm wichtig beim Aufbau einer Marke. Menschen verbinden mit einer Marke eine einzige Sache und dafür steht sie. Will man langfristig auf Maskenherstellung setzen, ist es eine Möglichkeit diese Chance zu nutzen, ansonsten sollte man sein eigenes Produkt anpassen, so dass es krisenfähig wird und einen Benefit leistet.



Haben Sie einen Tipp, wie Unternehmen ihr Engagement kommunizieren sollten?
Offen und ehrlich? Je transparenter und früher das eigene Statement desto besser ist es. Menschen wollen geführt werden und brauchen gerade jetzt starke Marken, die Vertrauen schaffen. Umso wichtiger ist es, dass führende Marken jetzt mit gutem Beispiel vorangehen und zeigen, dass sie auch in einer solchen Situation richtig, schnell und angemessen reagieren können. Das festigt das Verhältnis zum Interessenten und Kunden und zeigt wie richtige Markenführung geht, denn das wird gerade gebraucht.
Bitte loggen Sie sich hier ein, damit Sie Artikel kommentieren können. Oder registrieren Sie sich kostenlos für H+.
stats