Jahrbuch Qualität der Medien

Jeder dritte Schweizer ist ein Nachrichtenmuffel

© foeg - Jahrbuch Qualität der Medien 2018
Das fög – Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft an der Universität Zürich -  hat sein "Jahrbuch Qualität der Medien" herausgebracht. Das Fazit: die publizistische Vielfalt in der Schweiz ist durch redaktionelle Kooperationen und die globalen Techintermediäre Facebook und Google bedroht. Außerdem, so eine zweite Erkenntnis, nimmt der Stellenwert von qualitativ hochwertigen Nachrichten insbesondere bei den Jüngeren ab.




Redaktionelle Verbundsysteme haben in der Schweiz in jüngster Zeit stark an Bedeutung gewonnen. Dadurch wird der publizistische Wettbewerb als Qualitätsicherung eingeschränkt, glauben die Herausgeber des Jahrbuchs. Denn immer öfter würden dieselben Inhalte verbreitet. Das zeigt ein automatisierter Textvergleich der Schweizer Medienberichterstattung. Im demokratiepolitisch sensitiven Bereich der nationalen Politikberichterstattung erscheinen bereits 54 Prozent  der Beiträge in mindestens zwei Zeitungen gleichzeitig. Dabei sind die Anteile geteilter Beiträge zwischen Medien aus dem gleichen Verbund sehr hoch.

Als Beispiel führt das fög die Publikationen „Tages-Anzeiger“, „der Bund“ und die „Berner Zeitung“ an. Sie zählen seit diesem Jahr zur neu geschaffenen Deutschschweizer Zentralredaktion der Tamedia. Nach Einführung der Kooperation stiegen die Anteile geteilter redaktioneller Beiträge in diesen drei Zeitungen um 17 Prozentpunkte auf aktuell 55 Prozent. Innerhalb von meinungsbetonten Formaten wie Leitartikeln oder Kommentaren sind der Auswertung zufolge die Anteilswerte an identischer Berichterstattung sogar von 40 auf ganze 68 Prozent gestiegen. Durch solche Dupletten würden vor Urnengängen vermehrt dieselben Abstimmungs- oder Wahlempfehlungen abgegeben, was das fög aus demokratiepolitischer Sicht problematisch findet. Redaktionelle Verbundsysteme, so das fazit der Forscher, fördern eine gleichförmige Themen- und Perspektivensetzung in der Medienarena.


Weiter Boden verlieren die Schweizer Informationsmedien durch den zunehmenden Einfluss der globalen Tech-Intermediäre wie Google und Facebook. Im Werbemarkt fliesse den Tech-Intermediären der Löwenanteil der Werbegelder zu. Und im publizistischen Markt kanalisierten sich die Publikumsflüsse in wachsendem Ausmass auf die sozialen Plattformen. Hier sei die Bindung an traditionelle Medienmarken tief, und die Zahlungsbereitschaft sei besonders gering.
fög Medienscore
© foeg - Jahrbuch Qualität der Medien 2018
fög Medienscore


Berichterstattungsqualität trotzdem noch hoch

Das Vertrauen der Schweizerinnen und Schweizer in die hiesigen professionellen Informationsmedien sei allerdings nach wie vor hoch. Von 13 untersuchten Ländern erreiche die Schweiz zusammen mit Schweden und den Niederlanden diesbezüglich einen Spitzenrang. Die neunte Ausgabe des Jahrbuchs Qualität der Medien betrachtet 66 Informationsmedien und bewertet trotz der oben genannten Entwicklungen die  Berichterstattungsqualität in der Schweiz als vergleichsweise hoch. Im Untersuchungsjahr 2017 erzielen die 35 Titel zwischen 6,1 und 8,3 von maximal 10 Qualitätspunkten. Rund ein Drittel aller Medien kann die Qualität im Vorjahresvergleich aber nicht halten. Einbussen zeigen sich in der Vielfaltsdimension, aber auch bei der Einordnungsleistung. Der Ressourcenabbau in der Schweizer Informationspublizistik zeige Wirkung.

News-Deprivierte nehmen zu

Eine weitere bedenkliche Entwicklung: Seit 2009 nimmt die Zahl der News-Deprivierten stetig zu. Das Publikum, das zu diesem Mediennutzungstyp zählt, konsumiert wenig News und wenn, dann in qualitätsschwachen Informationsmedien, vorab via Social Media. Diese nachrichtenmuffel ist heute nicht nur die mit Abstand grösste Nutzergruppe in der Schweiz. Von allen Nutzergruppen ist sie zudem seit 2009 mit Abstand am stärksten gewachsen (+15 Prozentpunkte). 2018 zählt bereits mehr als jeder dritte Mediennutzer (36%) zu diesem Nutzertyp. Unter den 16- bis 29-Jährigen sind es sogar 53%. Da die Zahlungsbereitschaft unmittelbar mit dem Newsinteresse verknüpft ist, legt mit den News-Deprivierten genau jene Gruppe am meisten zu, die am wenigsten gewillt ist, für Informationspublizistik zu bezahlen.
Nachrichtenmuffel nehmen zu
© foeg - Jahrbuch Qualität der Medien 2018
Nachrichtenmuffel nehmen zu


Neues Mediengesetz greift zu kurz

Die Fög bezieht auch Stellung zum neuen Mediengesetz: In Anbetracht dessen, dass dem professionellen Informationsjournalismus ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell fehle und unvermindert finanzielle und personelle Ressourcen wegbrächen, gehen den Studienautoren die Vorschläge zum Ausbau der Medienförderung im neuen Bundesgesetz über elektronische Medien (BGeM) zu wenig weit. Sie fordern, dass  neben Onlineanbietern, die audiovisuelle Inhalte produzieren, auch Onlinetextmedien gefördert werden sollten, die sich auf die Produktion von Hintergrundinformationen spezialisieren. Außerdem müssten mehr Gelder für die direkte Medienförderung für private Medienanbieter vorgesehen werden, damit der publizistische Vielfaltsschwund in der Schweiz wirksam aufgehalten wird.

Die vollständigen Informationen stellt das fög in seinem Jahrbuch 2018 «Qualität der Medien» auf der Homepage bereit.

 

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