Gratispresse

Eine Branche steht unter Druck

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 Swiss Regiomedia gibt insgesamt 31 lokale Gratiszeitungen heraus
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Swiss Regiomedia gibt insgesamt 31 lokale Gratiszeitungen heraus
Covid-19 setzt auch den kostenlos verteilten regionalen Zeitungen in der Schweiz zu. Ohne staatliche Hilfsgelder deutet alles auf eine beschleunigte Konsolidierung des ohnehin schwierigen Gratispresse-Marktes hin. Eine Analyse.
Die Glaskugeln der Schweizer Medienmacher liefern derzeit ein verschwommenes Bild der Zukunft. Stefan Heini von CH Media stellt schon "eine spürbare und stetige Erholung" auf dem Gratispresse-Markt fest und geht "von einer Weiterführung der positiven Tendenz" aus. Christoph Franzen, Verlagsleiter bei Swiss Regiomedia, ist hingegen überzeugt: "Es werden nicht alle Medienhäuser diese wirtschaftlich angespannte Lage überdauern können." Indes reagiert Daniel Sigel, CEO der Zürcher Oberland Medien AG, auf das Herumstochern im Nebel erst mal mit einem Augenzwinkern: "Wenn Sie mir die richtigen Lottozahlen vom Wochenende angeben, sage ich Ihnen, wie es weitergeht."


Dabei müsste ihm, der zugleich Chef des Verbands Schweizer Regionalmedien (VSRM) ist, schon ein kurzer Blick ins Nachbarland Deutschland die Sorgenfalten auf die Stirn treiben. Dort sind die Folgen der Coronakrise deutlich spürbar. Von den etwa 700 zur Wochenmitte erscheinenden Gratis-Wochenzeitungen seien rund 40 Prozent zeitweise eingestellt worden, berichtete Jörg Eggers, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Anzeigenblätter (BVDA), im Juli. Aktuellen Verbandsangaben zufolge sind 25 Prozent von diesen 40 Prozent dauerhaft vom Markt verschwunden, das entspricht einer Auflage von vier Millionen Exemplaren. Bei 32 Prozent sei noch nicht klar, ob sie je wieder erscheinen werden.
„Wenn Sie mir die richtigen Lottozahlen vom Wochenende angeben, sage ich Ihnen, wie es weitergeht“
Daniel Sigel, Oberland Medien AG

Der Schweizer Markt der Gratiszeitungen jenseits der Pendlerzeitung "20 Minuten" ist demgegenüber unübersichtlich. Klar ist, dass die Gratispresse 2019 einen Anteil von fast 30 Prozent an den Netto-Werbeumsätzen der Tages- und regionalen Wochen- und Sonntagspresse von insgesamt 561 Millionen Franken hatte, wie aus der jährlichen "Werbeaufwand Schweiz"-Publikation der Stiftung Werbestatistik Schweiz hervorgeht. Klar ist auch, dass die Corona-Pandemie an den kostenlos verteilten Regionalmedien nicht spurlos vorübergeht. "Bei einzelnen Titeln wurde in den letzten Monaten die Erscheinungsfrequenz reduziert", berichtet etwa Heini von CH Media. Auch die Swiss Regiomedia strich einzelne Ausgaben ihrer insgesamt 31 Gratiszeitungen. Ein anderes Mittel der Wahl waren Ausgaben mit reduzierten Umfängen. "Die VSRM-Verleger haben diese Mittel in Abstimmung mit der sich laufend verändernden Marktlage angewendet, um das Schlimmste abzuwenden", sagt Sigel. Andere jedoch hat Covid-19 schlimmer gebeutelt. Mengis Druck und Verlag etwa legte sein Gratis-Wochenblatt "Rhone Zeitung" (Auflage: 42000 Exemplare) zunächst auf Eis und gab Anfang August die Einstellung der „RZ“ bekannt. Im Mai war „Le Régional“, eine kostenlose Wochenzeitung im Kanton Waadt (Auflage: 127000 Exemplare), pleitegegangen.

Corona ist meist nur Anlass, nicht Ursache für die Schwierigkeiten von Gratisblättern. Beispiel ZT Medien: Das Zofinger Medienunternehmen verkündete bereits 2019 ein Kostensenkungsprogramm, inklusive Stellenabbau und Prozessreorganisation. Die Begründung: "massiv sinkende Umsätze im Leser-, Werbe- und Printmarkt". Noch vor dem Lockdown im März meldete ZT Medien das Ende für seine Gratis-Wochenzeitungen "Surentaler" und „Oberwiggertaler“, Mitte März war auch für die „Oberaargauer“ Schluss. Verlagsleiterin Ramona Hodel gibt als Grund das sinkende Anzeigenaufkommen in Verbindung mit anhaltend hohen Vertriebskosten an. „Bei den drei genannten Titeln ist es uns nicht gelungen, nachhaltig wirtschaftlich erfolgreich zu sein."



"Unsere Branche ist seit einigen Jahren in einer massiven strukturellen Veränderung, was den Leser- und Werbemarkt anbelangt“, sagt Sigel. "Daran wird auch die Coronakrise nichts ändern. Vielleicht wurden einige Prozesse etwas beschleunigt oder noch sichtbarer gemacht." Zu den Veränderungen, die nicht nur Gratiszeitungen betreffen, zählen etwa der demografische Wandel, die Umbrüche im Mediennutzungsverhalten und die von Hodel beschriebenen rückläufigen Einnahmen mit Printwerbung. Die Netto-Werbeumsätze der Schweizer Presse fielen laut Stiftung Werbestatistik 2019 im Vergleich zum Vorjahr mit 924 Millionen Franken um 8,4 Prozent geringer aus (2018: minus 9,6 Prozent). In der Corona-Krise dürfte auch das primäre Werbeargument von Regionalmedien nur noch bedingt zählen: Lokale Verankerung nutzt wenig, wenn sich in der Sport-, Kultur-, Gastro- und Freizeitbranche nichts tut.

Franzen geht davon aus, dass sich die Spreu vom Weizen trennt. „Für Medienfirmen, die operativ ineffizient aufgestellt sind oder die in den letzten Jahren wirtschaftlich schlecht gearbeitet haben, dürften die kommenden Monate zur Zäsur werden“, meint er. In seinem Unternehmen habe man sich hingegen schon vor der Coronakrise mit Modernisierungen und Optimierungen beschäftigt. "Die Swiss Regiomedia AG hat bereits laufende, interne IT-, Prozess- und Organisationsprojekte weitergeführt und schliesst diese in den kommenden Monaten termingerecht ab.“ Auch Heini prognostiziert eine Marktbereinigung: „Die Konsolidierung wird sich wohl beschleunigen. Wie rasch und wie stark, hängt auch davon ab, ob die Politik eingreift und/oder ob jemand bereit ist, zu investieren."

Tatsächlich sehen Teile der Politik die Existenz kostenlos verteilter Regionalmedien bedroht, andere sprechen ihnen allerdings „Qualitätsjournalismus“ ab. „Gratiszeitungen gelten in unserem Land als Parias, die keine Unterstützung erhalten sollen“, beklagt Medienberater und VSRM-Projektleiter Hannes Zaugg. "Damit wird der Lokaljournalismus negiert, der vor allem in der Hand von kostenlosen Regionalmedien liegt." Der Verband bemühe sich um Anerkennung und Unterstützung durch den Staat.

Mit dem einen wie dem anderen sieht es derzeit aber noch schlecht aus. Die Verlage profitieren, wie alle Unternehmen, vom Kurzarbeitergeld, Gratismedien erhalten aber keine indirekte Medienförderung. Franzen plädiert zumindest für Gleichbehandlung. Entweder sollten alle Medien zusätzliche staatliche Unterstützung bekommen oder keines. "Will der Staat aber darauf bestehen, den Medienhäusern finanziell unter die Arme zu greifen, muss er alle Medienhäuser gleichbehandeln, statt ausgerechnet die bereits marktdominierenden und ertragsstärksten Medienhäuser einseitig wirtschaftlich zu bevorteilen“, sagt Franzen. Und Sigel bekräftigt: "Wir sind die einzige Mediengattung, die keine staatliche Förderung erhält. Das wollen wir ändern."
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