Sexuelle Belästigung

Auch Mitarbeiter in Zürich protestieren beim #googlewalkout 

Grosse Teilnahme am #googlewalkout in Zürich
© Twitter Screenshots
Grosse Teilnahme am #googlewalkout in Zürich
"Time's up " bei Google, auch in Zürich: Seit 11 Uhr finden rund um den Globus sogenannte "walkouts" statt, bei denen sich Mitarbeiter von Google treffen, um ein Zeichen für Gleichstellung und gegen sexuelle Belästigung im Unternehmen zu setzen – aktuell auch vor dem Schweizer Office von Google.

Hintergrund ist der Umgang der Tech-Unternehmer, darunter auch Googles Führungsriege mit dem Thema sexuelle Belästigung. In einem Artikel der New York Times vom vergangenen Freitag wird die Unkultur der sexuellen Belästigung bei Google blossgelegt.  CEO Sundar Pichai dementierte die Inhalte des Berichts nicht, gelobte stattdessen Besserung: "Es ist uns todernst damit, ein sicheres und inklusives Arbeitsklima zu schaffen". Damit habe er bereits begonnen, so Pinchai mit Hinweis auf 48 Fälle, in denen Google Angestellte wegen Vorwürfen der Sexuellen Belästigung in den vergangenen Jahren abgemahnt oder entlassen habe. Darunter befinden sich 13 leitende Angestellte, die von Google nach dem Rausschmiss keine Abfindung erhalten haben.


An die Statements des CEO hält sich Google auch in anderen Ländern, wie auch der Schweiz: Die Kommunikationsabteilung von Google in Zürich, dem grössten Standort des Unternehmens ausserhalb der USA, verweist auf Nachfrage von HORIZONT zu #googlewalkout auf ein Statement des CEOs Sundar Pichai : "Wir haben den Googleers gestern mitgeteilt, dass wir die für Donnerstag geplanten Aktivitäten kennen und dass die Mitarbeiter die Unterstützung erhalten, die sie benötigen, wenn sie teilnehmen möchten. Die Mitarbeiter haben konstruktive Ideen geäußert, wie wir unsere Richtlinien und Prozesse verbessern können. Wir nehmen all ihr Feedback auf, um diese Ideen in die Tat umzusetzen", so Pinchar.


Mit den von ihm genannten Zahlen zu den Entlassungen aufgrund sexueller Belästigung wollte Pichai belegen, dass sich die Unternehmenskultur im Silicon Valley seit den Ereignissen, die das Times-Exposé schildert, dramatisch verändert habe. Im Zentrum der Untersuchung stand Andy Rubin, der Entwickler der Android-Software und Leiter der Robotik-Abteilung bei Google. Von Rubin trennte man sich im Jahr 2014 wegen sexuellen Fehlverhaltens, er erhielt jedoch trotzdem eine Abfindung von 90 Millionen US-Dollar. Zudem tat Google alles, damit der Vorgang nicht an die Öffentlichkeit kam.


Laut der Times-Untersuchung, für die drei Dutzend Google-Mitarbeiter interviewt und Hunderte interner sowie juristischer Dokumente gesichtet wurden, berichtete 2013 eine Google-Angestellte, dass Rubin sie in einem Hotelzimmer zu oralem Geschlechtsverkehr gezwungen habe. Der Google-Vorstand hielt die Vorwürfe für glaubhaft, was den damaligen CEO Larry Page jedoch nicht daran hinderte, Rubin noch während der laufenden Untersuchung einen Bonus in Form eines Aktienpakets im Wert von 150 Millionen Dollar zu überschreiben. Das Paket diente Rubin als Hebel für seine Trennungsverhandlungen. So einigte man sich auf 90 Millionen sowie auf die Sprachregelung, dass man im beiderseitigen Einvernehmen voneinander scheide. Sechs Monate später investierte Google dann in Rubins neue Firma Playground Global.

Die Toleranz angesichts der sexuellen Übergriffigkeit des Star-Managers begann bei Google jedoch nicht erst mit dem Missbrauchs-Fall von 2013. Laut dem Times-Report war bei Google wohlbekannt, dass Rubin mehrere Verhältnisse mit ihm unterstellten Angestellten unterhielt. Er selbst bezeichnete diese Affären laut Aussage seiner Ex-Frau als „Besitzer-Beziehungen“, bei denen er sich das Recht zuschrieb, die Kolleginnen an andere männliche Mitarbeiter zu „verleihen“.

Der Artikel aus der New York Times hat Sundar Pichai jedoch nicht allein wegen den Enthüllungen über Andy Rubin den Schlaf gekostet. Die Times-Reporter deckten eine Unternehmenskultur bei Google auf, in der Verhaltensweisen wie die von Rubin ebenso an der Tagesordnung waren wie die Praxis der Unternehmensführung, derlei Vorfälle zu decken. So wurde 2015 der Direktor von Google Search, Amir Singhai, von einer Mitarbeiterin beschuldigt, sie während einer Firmenparty begrapscht zu haben. Singhai kündigte und erhielt wie Rubin ein großzügiges Abschiedspaket. Im Jahr 2013 nahm Richard DeVaul eine 24 Jahre alte Job-Bewerberin auf ein Konzertwochenende in Nevada mit und versuchte, sie zu sexuellen Handlungen zu nötigen. Nachdem sie sich weigerte, wurde ihre Bewerbung abgelehnt.

Silicon Men
Der Hintergrund zum Sex-Skandal um Andy Rubin und die Kultur im Silicon Valley stammt aus dem Artikel "Silicon Men", den der in New York arbeitende Journalist Sebastian Moll für HORIZONT (Ausgabe 44/2018) geschrieben hat. Die Ausgabe ist am heutigen Donnerstag erschienen.
Das Bild, das der Times-Artikel von Google zeichnet, passt bestens zu dem Bild, das jüngst die Journalistin Emily Chang in ihrem Buch „Brotopia“ über die Business-Kultur im Silicon Valley gezeichnet hat. Chang berichtet, dass Sex-Partys im Valley zum Alltag gehören und Frauen kaum eine andere Wahl haben, als an diesen Ritualen teilzunehmen: „Es gibt da eine völlig einseitige Machtstruktur.“ Chang hat dennoch Hoffnung für die Branche: „Ich glaube, dass die Leute, die die Welt verändert haben, auch dieses Problem lösen können.“ Allerdings sei es noch ein weiter Weg, bis Frauen sich im Silicon Valley nicht nur vor sexueller Belästigung sicher fühlen könnten, sondern auch als gleichwertige Mitarbeiter anerkannt würden.

Bei Google hat nun immerhin ein Prozess der Selbstreflexion eingesetzt. Wie ernst es dem Unternehmen damit ist, muss sich allerdings erst noch zeigen. So gibt es bislang noch keine Stellungnahme von Larry Page, dem Google-Gründer und Vorstand von Alpha, der Muttergesellschaft von Google. Page hatte das Aktienpaket für Rubin bewilligt, das dieser noch während der laufenden Untersuchung erhielt. Und auch von Eric Schmidt, Pages Kollege bei Alpha, der laut dem Times-Artikel eine außereheliche Affäre mit einer Mitarbeiterin hatte, ist bislang nichts zu hören. Die Aufräumarbeiten haben gerade erst begonnen. seb/ems

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