"FUTURE OF WORK"

Werden die Coronavirus-Quarantänen den Wandel hin zu neuen Arbeitszeitmodellen beschleunigen?

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Da die Coronavirus-Krise viele Unternehmen zwingt, das Wagnis Fernarbeit (Remote Work) einzugehen, stellt sich die Frage, ob die Unternehmen danach offener für alternative Arbeitsformen sein könnten. Einschliesslich der Möglichkeit, die MitarbeiterInnen nicht nur von zu Hause aus arbeiten zu lassen, sondern auch neue Variationen der Arbeitszeiten zuzulassen, wie etwa die Vier-Tage-Woche.

Mangelndes Vertrauen in eigene Prozesse als bisher grösstes Hemmnis

"Wenn Unternehmen die Arbeit aus der Ferne (Remote-Work) nicht erlauben, hat das oft nicht unbedingt mit mangelndem Vertrauen in die Person zu tun, sondern mit mangelndem Vertrauen in den Prozess", sagt Amy Balliett, CEO von Killer Visual Strategies, einem kreativen Dienstleistungsunternehmen, das 2017 auf eine Vier-Tage-Woche umgestellt hat und auch Fernarbeit erlaubt. "Sie sind so sehr an einen ganz bestimmten traditionellen Arbeitsprozess gewöhnt, dass sie sich Sorgen darüber machen, was passiert, wenn sich dieser Prozess verändert."

Vier-Tage-Woche als ernsthaft zu prüfendes Arbeitszeitmodell

Unternehmen, die die Vier-Tage-Woche eingeführt haben, haben wiederholt festgestellt, dass die Produktivität auch dann nicht sinkt, wenn die Menschen weniger arbeiten. Perpetual Guardian, eine Treuhandgesellschaft mit Sitz in Neuseeland, testete zunächst eine Vier-Tage-Woche, nachdem sie Untersuchungen gesehen hatte, die darauf hindeuteten, dass die Mitarbeiter nur etwa drei Stunden pro Tag wirklich produktiv waren. Indem sie den Arbeitnehmern einen freien Tag pro Woche gewährte, erhofften sie sich, dass sich die Mitarbeitenden für diese kürzere Zeit im Büro möglicherweise mehr auf ihre Arbeit konzentrieren würden. Und es hat funktioniert. Forscher von zwei neuseeländischen Universitäten stellten fest, dass die Mitarbeiter nach dem ersten Versuch zufriedener mit ihrer Arbeit waren und die Produktivität nicht gesunken war.

Das Vier-Tage-Woche-Experiment von Microsoft Japan

Als Microsoft in seinem Büro in Japan im August 2019 eine kürzere Arbeitswoche testete, die jeden Freitag zu einem bezahlten Feiertag für die 2.300 Mitarbeiter des Büros machte, stellte das Unternehmen fest, dass die Produktivität tatsächlich um rund 40% stieg. Das Unternehmen forderte die Mitarbeiter überdies für diese Zeit dazu auf, online zu chatten, um Besprechungen zu vermeiden, und alle physischen Besprechungen auf eine halbe Stunde und nicht mehr als fünf Mitarbeitende zu beschränken.

Das Sechs-Stunden-Tage-Modell aus Schweden

Ein schwedisches Unternehmen wiederum blieb bei der Fünf-Tage-Woche, begrenzt aber jeden Tag auf sechs Arbeitsstunden. Das Unternehmen sieht darin eine Möglichkeit, die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben zu verbessern, da die Mitarbeitenden nun leichter Besorgungen nach der Arbeit machen und jeden Tag Zeit mit ihren Familien verbringen können. Das Unternehmen sagt, dass es keinen Produktivitätsrückgang erlebt hat. Es ist ein weiterer Beweis für das Offensichtliche: In ein Büro zu kommen und acht oder mehr Stunden anwesend zu sein, bedeutet nicht, dass jemand die ganze Zeit effektiv arbeitet, und viele Verrichtungen im Büroleben, einschliesslich Besprechungen, sind entweder unnötig oder könnten durch ein fünfminütiges Gespräch über Slack ersetzt werden.

Die Erfahrungen aus den Coronavirus-Quarantänen als Wendepunkt?

Da die Coronavirus-Quarantäne immer mehr Menschen zur Büroarbeit von zu Hause aus zwingt, insbesondere das Management und Führungskräfte, könnten die entsprechenden Erfahrungen wie Beschleuniger für alternative Arbeitszeitmodelle wirken, die dem Zeitgeist einer modernen Gesellschaft besser entsprechen und die obendrein mehr Zufriedenheit und Produktivität versprechen. Für Mitarbeiter ohne Kinder kann die Tatsache, dass sie zu Hause und von den Ablenkungen der Kollegen entfernt sind, eine bessere Konzentration ermöglichen, so dass es einfacher ist, die gleiche Menge an Arbeit schneller zu erledigen. Für diejenigen mit Kindern, deren Schulen geschlossen sind, wird die Herausforderung, sich in die Arbeit einzufügen, enorm sein - aber es könnte sich auch für sie herausstellen, dass 40-Stunden-Wochen (oder 50-Stunden- oder 60-Stunden-Wochen) im Büro nicht der Weisheit letzter Schluss sein muss.


Dr. Frederik G. Pferdt
© Hürlimann
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