"FUTURE OF WORK"

Mike Herter: "Wir werden vom Kunden beauftragt, etwas völlig Neues zu schaffen."

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Mike Herter, Geschäftsführer Future Candy Schweiz
© Bild: Mike Herter
Mike Herter, Geschäftsführer Future Candy Schweiz
Future Candy ist die Agentur, bei der Mike Herter seiner Intuition folgend gelandet ist. Eine Punktlandung, wie es scheint. Future Candy heisst frei übersetzt nach DeepL so was wie "Künftig Süsses". Eine schöne Zukunftsperspektive in einer schwierigen Zeit. Worum es bei Future Candy geht und was den ehemaligen Ringier- und Tamedia-Mann antreibt, jetzt in diesem Gespräch im Rahmen der HORIZONT SWISS Reihe "Future of Work".
Herr Herter, können Sie sich bitte kurz vorstellen? Beruflich sozialisiert wurde ich in der Medienbranche. Ich war volle 17 Jahre bei der TX Group (ehemals Tamedia) in diversen Rollen in den Bereichen Innovation, Social Media Advertising sowie Produktentwicklung und Digitalstrategie tätig und konnte die Digitalisierung des Konzerns mit spannenden Projekten und Initiativen selbst proaktiv mitgestalten. Zuletzt war ich bei Ringier als «Head of Product Innovation & Audience Development Blick-Gruppe» zusammen mit einem Gremium für digitale Innovation, Social Media und SEO verantwortlich. Da ich jemand bin, der eine stetige Weiterentwicklung braucht und diese selbst regelmässig forciert, bin ich kürzlich meiner Intuition gefolgt und habe nun die Herausforderung angenommen, für Future Candy den Schweizer Markt auszubauen und die Agentur hier zu etablieren. Meine bisher sinnstiftendste Innovation ist aber unsere Tochter, die vor sieben Monaten auf die Welt gekommen ist.


Herzliche Gratulation zu Ihrer Tochter!

Mit Future Candy kommt eine Hamburger Innovationsagentur in die Schweiz. Was unterscheidet denn eine Innovationsagentur von einer, beispielsweise, Kreativagentur? Wir sind keine Agentur, die typischerweise Websites, Apps oder Werbekampagnen auf Kundenwunsch umsetzt, sondern unser Anspruch besteht darin, als Innovationssparringspartner für Institutionen und Unternehmen Produkt-, Service-, Prozess- oder Geschäftsmodellinnovationen zu entwickeln. Die Bandbreite an Projekten ist sehr divers und reicht von der Entwicklung von Virtual-Reality- und Augmented-Reality-Applikationen über Prototypen von Service-Plattformen, bis hin zur Beratung und zur technischen Ausstattung von Firmen im Bereich «Future of Work». Kurz: Als Sparringspartner scheuen wir nicht davor zurück, sehr kritische Fragen zum Status quo zu stellen. Wir wollen unsere Kunden aus der Komfortzone locken, sie sollen sich und ihre Denkweise hinterfragen. Dies ist die Basis, damit wirklich Innovatives entsteht.


 Woraus besteht Ihr Angebot? Unser Angebot richtet sich nach dem «FUTURE CANDY Innovation Loop», der mit «Inspire», «Ideate», «Make» und «Evaluate» einen holistischen Ansatz in der Innovationsentwicklung von Institutionen und Unternehmen verfolgt. Idealerweise durchlaufen wir mit unseren Kunden den ganzen Loop, da Innovation vor allem als Prozess verstanden werden muss.

Mike Herter ist Geschäftsführer von Future Candy Schweiz und seit kurzem Vater einer Tochter
© Mike Herter
Mike Herter ist Geschäftsführer von Future Candy Schweiz und seit kurzem Vater einer Tochter
Können Sie uns diese vier Phasen kurz erläutern? Die «Inspire»-Phase besteht u.a. aus inspirierenden Vorträgen über künftige globale und branchenspezifische Entwicklungen. Wir erstellen mit einem wissenschaftlichen Ansatz Studien zu Makro- und Mikrotrends. Wir organisieren Studienreisen ins Silicon Valley und nach China. Wir zeigen den Kunden in dieser Phase auch die neusten Technologien und Gadgets, die künftig integraler Bestandteil von Wirtschaft und Gesellschaft sein werden. In der «Ideate»-Phase werden dann an Workshops zusammen langfristige Visionen und entsprechende Ideen entwickelt. Die «Make»- und die «Evaluate»-Phase stehen für die direkte Umsetzung von Prototypen und iterierten Minimum Viable Products sowie deren Testing im Nutzermarkt. Am Ende des Prozesses steht das marktreife und integrationsbereite Endprodukt.

Welches ist Ihre Spezialität, um die man Sie beneiden muss? Neben dem «Innovation Loop» lancieren wir in der Schweiz ein bisher einzigartiges Agentur-Abrechnungsmodell: Die «FUTURE CANDY Innovation Flat». Der Kunde hat mit uns die Möglichkeit, ein externes und daher interessenskonfliktfreies Innovationsteam zu abonnieren, das Innovationsprojekte mit dem eben erwähnten ganzheitlichen und zielgerichteten Ansatz umsetzt. Das Abonnement gibt es für drei, sechs oder 12 Monate. Im Quartals-Abonnement sind beispielsweise nur die Phasen «Inspire» und «Ideate» inkludiert. Im Jahres-Abonnement durchlaufen unsere Kunden den «Innovation Loop» gar mehrmals. Bevor wir allerdings mit dem «Innovation Loop» arbeiten, skizzieren und implementieren wir auf Basis einer vertieften Bedarfsanalyse vorgängig und on-top eine Innovationsstrategie- sowie einen dazugehörenden Prozess.


© Future Candy
Was treibt Sie an? Wir lieben das Neue. Wir lieben Technologie und sind davon überzeugt, dass Technologie die Welt als Ganzes zum Positiven verändert und weiterentwickelt. Europa läuft in diesem Kontext Gefahr, von den USA und China abgehängt zu werden und an Innovationskraft einzubüssen. Mir wurde diese Tatsache bei Studienreisen im 2018 und 2019 abermals vor Augen geführt. Unsere Vision ist es sodann, dass wir als führende Innovationsagentur europäischen Institutionen und Unternehmen dabei helfen, ihre Innovationskraft zurückzugewinnen und im globalen Wettbewerb konkurrenzfähig zu bleiben.

Wie würden Sie die Kultur von „Future Candy“ umschreiben? Wie bei jeder anderen Agentur geht es bei uns sehr familiär zu und her. Wir haben eine sehr spezielle und progressive Unternehmenskultur und sind unsere grössten Kritike. Ausserdem liegt bei uns als Innovationsagentur, die sehr technologiegetrieben ist, wohl ein Hauch Avantgardismus in der Luft. Unsere Büros sind rappelvoll mit Technologie und Gadgets. Roboter erkunden die Büroräumlichkeiten, Mitarbeitende mit VR-Brillen stossen sich den Kopf und manchmal wird irgendwo ein Hologramm projiziert.

Sunnie Groeneveld
© Hürlimann
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Sunnie J. Groeneveld startet unsere Serie

Viele Menschen empfinden die Digitalisierung als tobenden Sturm. Unternehmerin, Verwaltungsrätin und Studiengangsleiterin Sunnie Groeneveld appelliert im Interview unserer Serie "The Future of Work" an den Gestaltungswillen der Menschen: „Gestalten Sie und nehmen Sie die Möglichkeiten der Digitalisierung wahr.“ Ihre Antworten liefern Impulse fürs Arbeiten, Führen und Geschäften im digitalen Zeitalter.

Und wie das Anforderungsprofil an Future-Candy-Mitarbeitende? Da FUTURE CANDY eine neue Art von Agentur ist, brauchen wir ideenreiche Querdenker, die jedoch eine grosse Prise Pragmatismus mitbringen und über einen unabdingbaren Umsetzungswillen verfügen. FUTURE-CANDY-Mitarbeitende müssen die Zukunft umarmen, sehr technologieaffin sein und sich für das Neue und Unbekannte begeistern. Es ist nicht so einfach, Leute zu finden, die inhaltlich und vom Typ her zu uns passen. Die Rekrutierung von Personal ist bei uns aufwändig und sehr zeitintensiv.

Wie sieht Ihr Arbeitsmodell aus: Home-Office, Remote-Working, Freelance, Fix-Angestellte? Wir haben – nicht zuletzt wegen Corona - das New-Work-Konzept mit den «Five Freedoms» verinnerlicht: Freedom of Time, Freedom of Location, Freedom of Tools sowie Freedom of Tasks und Freedom from Hierarchy. Mitarbeitende entscheiden bei uns selbst, wann und von wo aus sie arbeiten. Sie nutzen daher Tools, die ausschliesslich in der Cloud verfügbar sind. Ausserdem entscheiden unsere Mitarbeiter selbst, welche Aufgaben wie priorisiert und wann erledigt werden müssen, daher haben wir in der Agentur auch keine klassische, hierarchische Struktur. Im Vordergrund steht die Weiterentwicklung des Kunden, welche die Mitarbeitenden eigenverantwortlich und innerhalb des Teams abgestimmt verfolgen.

Sie haben bereits Aufträge für Schweizer Kunden ausgeführt. Können Sie uns eine kurz erläutern, die exemplarisch für Ihr Schaffen steht? Für die Basler Kantonalbank haben wir die Vision 2025 mitentwickelt und daraus einen Imagefilm gedreht. Ausserdem haben wir in der Schweiz bereits zahlreiche Kunden in den «Inspire»-UND "IDEATE"-Phasen mit Vorträgen und Workshops beim entsprechenden Innovationsprozess begleitet, darunter Finnova, SwissRe, Fujitsu und Oracle.

Dr. Frederik G. Pferdt
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Denkweisen der Zukunft von Google's Chief Innovation Evangelist Dr. Frederik G. Pferdt

Ein Gespräch über Innovationskultur, Kreativität, Leadership und darüber, was effektive Teams ausmacht. Dr. Pferdt ist Google's Chief Innovation Evangelist und Adjunct Professor an der Stanford University im Silicon Valley. Das Treffen fand im Rahmen des Formats #MeetAGoogler statt. Veranstalter war Google Schweiz. Es ist der fünfte und letzte Beitrag unserer "Future of Work"-Serie.

Was muss sich ändern, damit die Werbebranche den Corona-Tsunami überlebt? Mehr Mut, viel mehr Mut! Nicht nur die Werbebranche, alle Branchen, Unternehmen und Institutionen sollten jetzt den Schuss vor den Bug verstanden haben und werden hoffentlich auf einen progressiveren Kurs in Sachen Innovation setzen. Es mag vermutlich etwas gar zu Silicon-Valley-mässig anmuten, aber einerseits müssen wir uns eingestehen, dass Innovation halt Geld kostet und diesen Posten fix im Budgetprozess einplanen. Andererseits sollten wir endlich verstehen, dass Scheitern DNA-inhärent ist bei der Innovationsentwicklung. Genau so wie die Evolution nach dem Prinzip «trial and error» funktioniert und enorme Ressourcen verschlingt, bis der nächste Evolutionsschritt erfolgreich beschritten wird, muss auch die Innovationsentwicklung in Institutionen und Unternehmen angegangen werden. Innovation braucht in erster Linie Mut, Ressourcen und Zeit, viel Zeit. Die Welt verändert sich – und zwar in einer immer höher werdenden Kadenz. Es gibt Bewegungen, die nun eine Abkehr von der Dekadenz-Gesellschaft einfordern und ein nachhaltiges und sinnstiftendes Denken in der Wirtschaft etablieren wollen. Derlei Muster müssen Unternehmen erkennen, beobachten und dann in der Lage sein, zeitnah auf diese Entwicklungen in verschiedenen Formen und Ansätzen zu reagieren.

Zum Schluss: Die bislang verrückteste Geschichte aus Ihrer Zeit bei Future Candy? Dass wir den Mut hatten, inmitten dieser unsicheren und finanziell sehr herausfordernden Corona-Zeit in eine neue Niederlassung zu investieren, mag bei manchen wohl das Prädikat «verrückt» hervorrufen. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass sich unsere antizyklische Vorgehensweise bald auszahlen wird.

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