Fall Relotius

Schweizer Journalisten tun sich schwer mit der Analyse

Auf dem Podium (v.l.): Francesco Benini, stellvertrender Chefredaktor der "NZZ am Sonntag", Daniel Puntas Bernet, Chefredaktor von "Reportagen", Judith Wittwer, Chefredaktorin des "Tages-Anzeigers", Peter Hossli, freier Autor und Redaktor bei SRF Club, sowie Moderator Hannes Britschgi, Leiter der Ringier-Journalistenschule.
© knö.
Auf dem Podium (v.l.): Francesco Benini, stellvertrender Chefredaktor der "NZZ am Sonntag", Daniel Puntas Bernet, Chefredaktor von "Reportagen", Judith Wittwer, Chefredaktorin des "Tages-Anzeigers", Peter Hossli, freier Autor und Redaktor bei SRF Club, sowie Moderator Hannes Britschgi, Leiter der Ringier-Journalistenschule.
Ist der Fall Relotius das Symptom eines Systemfehlers oder bloss ein Einzelfall? Um diese Frage kreiste eine Podiumsdiskussion, die im Rahmen einer Denkwerkstatt der Hans-Ringier-Stiftung stattfand. Klare Antworten gab es nicht. Und ehrliche möglicherweise auch nicht.

Bekanntlich haben auch Schweizer Medien Relotius-Texte abgedruckt - unter mehreren Titel der NZZ, und das Magazin “Reportagen”. Vertreter dieser beiden Medien standen denn auch auf dem Podium Red und Antwort: Francesco Benini, stellvertretender Chefredaktor und Leiter Inland bei der “NZZ am Sonntag” sowie Daniel Puntas Bernet, Günder und Chefredaktor von “Reportagen”. Flankiert wurden sie von Judith Wittwer, Chefredaktorin beim “Tages-Anzeiger”, und Peter Hossli, freier Reporter, Autor und Redaktor beim SRF-“Club”, die vom aktuellen Fall nicht direkt tangiert sind.

Francesco Benini und Daniel Puntas Bernet
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Francesco Benini und Daniel Puntas Bernet
“Scheisse” und “Mist”, diese beiden Ausdrücke gingen Bernet und Benini als Erstes durch den Kopf, als sie erstmals von den Betrügereien von Claas Relotius hörten. Doch die Wortwahl aus dem Bereich der Fäkalsprache war das einzig Gemeinsame der beiden Chefjournalisten. Bernet bedauerte etwa, dass er und seine Redaktionskollegen den Relotius-Text zur Ukraine durchgewinkt hatten, obwohl eine "Reportagen"-Redaktorin an dessen Arbeit Zweifel geäussert hatte. Er habe öfters mit Relotius Kontakt gehabt und ihm bei dessen ersten Arbeit für "Reportagen" teilweise auch hinterher recherchiert. Doch letztlich sei es dem Deutschen gelungen, ihn zu "verführen" und anzulügen. Er, Bernet, werde deshalb seine Leserschaft aufklären, dass seitens der Redaktion Fehler gemacht wurden. Eine Nachrecherche samt Faktenkorrektur werde man aber nicht veranlassen.


Benini regierte wesentlich lockerer. “Der Schaden in der Sache ist überschaubar", fand er. "Blender gibts schliesslich überall und wird es immer geben”, sagte er vor den rund 100 anwesenden Zuhörerinnen und Zuhörern. Und ja, klar, auch die Glaubwürdigkeit habe Schaden genommen. Offen blieb jedoch, welche er meinte: Die der Marke NZZ? Oder die des Journalismus im Allgemeinen? Von einer Richtigstellung des guten halben Dutzend Relotius-Geschichten in der NZZ und im "NZZ-Folio" wollte er nichts wissen. "Wen interessieren schon Fakten einer Geschichte, die niemand mehr präsent hat?" fragte er. Ohnehin halte er eine Korrektur ohne das Mitwirken von Relotius selbst für wenig sinnvoll. Dass Benini damit diametral seinem Chefredaktor Eric Gujer widersprach, der eine Aufarbeitung angekündigt hatte, schien ihn nicht zu kümmern.
Judith Wittwer und Peter Hossli.
© knö.
Judith Wittwer und Peter Hossli.
Auf eine entsprechende Frage von Moderator Hannes Britschgi, Leiter der Ringier Journalistenschule,  zeigte sich zudem bald: Auf dem Podium und im Publikum war man unterschiedlicher Ansicht darüber, ob der Fall Relotius nun einen Systemfehler anzeigt oder bloss einen Einzelfall darstellt. "Kein Systemfehler, sondern eine Ausnahme", befanden Judith Wittwer und Bernet. "Kein Einzelfall in unserer Branche", befanden dagegen Peter Hossli und Benini. Hossli erinnerte an den Interviewerfinder Tom Kummer. Und Benini vertrat die Meinung, dass der "Spiegel" deshalb anfällig sei auf Fälschungen, wiel er Recherchen und Primeurs immer mehr hinten anstelle und den Fokus eher auf Reportagen und Storytelling lege, um dem Online-Newsvorsprung etwas entgegen zu halten.

Aus dem Publikum plädierte auch "Tages-Anzeiger"-Journalistin und Bloggerin Michèle Binswanger für Einzelfall: "Relotius ist ein Hochstapler, der Fakten erfunden hat. Das ist pathologisch", sagte sie. Er habe geliefert, was erwartet worden sei. Hier hakte jedoch wieder Judith Wittwer ein: Man müsse unterscheiden zwischen der kriminellen Energie eines Relotius – der diesbezüglich ein Einzelfall sei – und der Erwartungshaltung einer Redaktion. Bei letzterem ortete die "Tagi"-Chefredaktorin durchaus einen heiklen Druck für die Mitarbeitenden. Ein Druck aber, widersprach Hossli sofort, der im Redaktionsalltag normal sei und mit dem man umzugehen wisse. Ruedi Küng, Ex-Afrika-Korrespondent von SRF, warf dagegen ein: Es gebe tatsächlich Erwartungshaltungen von Redaktionen, die dazu führen, "dass Geschichten aufgebläht und aufgemotzt" würden, weil die effektive Faktenlage als zu langweilig befunden werde. Worauf wiederum Bernet davor warnte, "auf dem Storytelling herumzuhacken". Auch Wittwer wollte nicht "ins Zeitalter der besseren Agenturtexte" zurückfallen. Sie plädierte dafür, "lebendig zu schreiben, aber nicht zu verfälschen".


So wogte die Diskussion hin und her. Am Ende blieben vor allem zwei Voten hängen: Eines von Judith Wittwer. Sie ortete eine Führungsaufgabe darin, in Redaktionen primär die journalistischen Standards einzufordern. Es sollte eine Kultur des Gegenlesens und des kritischen Nachfragens etabliert werden, jedoch "ohne in eine Kultur des Misstrauens zu verfallen".

Zu bedenken sind auch die Worte des ehemaligen Journalisten, Werbers und heutigen Kommunikationsberaters Kaspar Loeb. Wenn in einer andern Branche, etwa bei einer Bank, eine Betrügerei aufgedeckt werde, rede die Presseabteilung von Einzelfall, die Journalisten dagegen von Systemfehler, sagte er. "Ich glaube, ihr müsst vorsichtig sein, dass dieser Eindruck hier nicht auch entsteht." Denn wenn Medien solche Massstäbe anwenden, müssten sie akzeptieren, "dass dieselben Massstäbe genauso bei ihnen angelegt werden." Journalisten müssten sich deshalb fragen, was bei Medienkonsumenten vorgehe. "Wenn diese sich nicht mehr darauf verlassen können, dass wenigstens die Leuchttürme der Medien sauber sind, dann ist das ein Riesenproblem", so Loeb.

Letztlich aber war die Diskussion nicht allzu ergiebig. Vielelicht weil sie oft im Allgemeinen blieb. Die Schweizer Reportage-Grössen wie Margrit Sprecher, Victor Dammann und wie sie alle heissen, drften zwar Anekdoten erzählen oder Weisheiten von sich geben, die Gretchenfrage aber blieb meist aus: Hast du noch nie etwas zu deiner Geschichte hinzu erfunden? Hast du  auch schon aufgebauscht? Wann hast du es letztmals mit den Fakten nicht ganz genau genommen? - Immerhin zweimal kam es teilweise zu Fragen in dieser Art. Britschgi fragte Blick-Chefredaktor Andreas Dietrich, was er denn mache, wenn ein Journalist mit einer anderen Geschichte zurückkomme als erwartet. Dietrich sagte: "Wenn einer mit einer anderen Geschichte zurückkommt, dann ist diese immer besser." Ein Nachhaken gab es nicht, auch keinen Widerspruch aus derm Publikum. Ein anderes Mal berichtete Fotograf Michael von Graffenried, dass er es jeweils für wichtig hielt, bei seinen Fotos hinzuzuschreiben, wie diese entstanden sind. Um so die Glaubwürdigkeit zu erhöhen. In manchen Redaktionen habe man ihm aber empfohlen, dies zu unterlassen, weil zu lang und unnötig. Doch er nannte weder Redaktionen noch Redaktoren. knö

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