Annabella Bassler

Die Initiantin von EqualVoice im Interview

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© Bilder Ringer, Composing Beat Hürlimann
75 Prozent der Berichterstattung in den Schweizer Medien stellt Männer in den Fokus. Horizont geht mit gutem Beispiel voran und spricht mit einer Frau, die das ändern möchte: Annabella Bassler, Finanzchefin der Ringier AG. Sie hat hierzu die Initiative EqualVoice bei lanciert. Ziel ist, den Frauen-Anteil in der Berichterstattung der Ringier Medien zu erhöhen.

Das Prinzip Sport

Das Prinzip funktioniert wie folgt im Sport: Erfolge bringen Medienpräsenz, was wiederum Sponsoren bringt und dem Sportler erlaubt, von seinem Sport leben zu können. Leider funktioniert diese Kaskade bei Frauen oftmals nicht so gut. Die Berichterstattung über Sportlerinnen in den Medien ist im Vergleich zu ihren männlichen Pendants erbärmlich, dabei werden 40 Prozent der Sportaktivitäten von Frauen ausgeübt. Aber in der Medienberichterstattung macht dies einen beschämenden Anteil von nur vier Prozent aus. Der Blick als grösstes Sportmedium der Schweiz trägt bisher unter anderem zu einer solchen unausgewogenen Berichterstattung bei. Umso kurioser also, dass die Initiative EqualVoice von Ringer kommt, der Herausgeberin des Blicks.
„"Wir möchten Frauen in der Berichterstattung sichtbarer als bisher machen. Wir haben ein Data- Tool entwickelt, welches mittels künstlicher Intelligenz misst, wie hoch der Anteil von Frauen und Männern in der Berichterstattung ist. Wir verlassen uns also nicht auf einen gefühlten Wert, sondern auf Fakten."“
Dr. Annabella Bassler
Die 42-jährige Finanzchefin der Ringier AG ist die Initiantin von EqualVoice. Annabella Bassler sagt im HORIZONT Interview: "Wir möchten Frauen in der Berichterstattung sichtbarer als bisher machen. Wir haben ein Data- Tool entwickelt, welches mittels künstlicher Intelligenz misst, wie hoch der Anteil von Frauen und Männern in der Berichterstattung ist. Wir verlassen uns also nicht auf einen gefühlten Wert, sondern auf Fakten." Die Redaktionen erhalten ihren EqualVoice Faktor, so heisst der Wert der Berichterstattung über Männer und Frauen, in regelmässigen Abständen. Auf dieser Grundlage diskutieren die Redaktionen wie sie Themen zukünftig ausgewogener oder aus neuen Blickwinkeln betrachten und entsprechend erzählen können. Auch die Tonalität spielt dabei eine Rolle. Jede Redaktion individuell und unabhängig von der Geschäftsleitung, wie Frauen sichtbarer gemacht werden können.


Herzliche Gratulation zur Initiative «EqualVoice». Frau Dr. Bassler. Wieso haben Sie als CFO der Ringier AG die Initiative übernommen? Wir freuen uns sehr über das positive Feedback auf die Ankündigung unserer Initiative. Mit meiner Tätigkeit als CFO hat die Initiative aber nur am Rande zu tun. Die Ringier Geschäftsleitung steht hinter dem Projekt. Treibende Kraft hinter EqualVoice sind die Chefredaktionen sowie das EqualVoice Core-Team bestehend aus der Blick.ch-Chefredaktorin Katia Murmann, der Leiterin der Wirtschaftsmedien, Nina Ranke und der Chefredaktorin von Bolero und Style, Sabina Hanselmann-Diethelm.

Erzählen Sie uns über einen Moment in Ihrer beruflichen Laufbahn, in dem Sie denken, wegen Ihres Geschlechts benachteiligt worden zu sein?Zum Glück bin ich in meiner Laufbahn bisher nie benachteiligt worden. Aber um Benachteiligung geht es bei der EqualVoice auch nicht. Es geht nicht darum, Frauen als Opfer darzustellen. Uns geht es darum, deutlich zu machen, dass Frauen wie Männer die gleiche Stimme haben. Frauenstimme sollen in Zukunft sichtbarer sein. Das Problem ist die Ungleichheit, sondern die fehlende Sichtbarkeit.


Können Sie für uns die Ungleichheit quantifizieren? 75 Prozent aller Berichterstattungen in der Schweiz sind über Männer. Weltweit sind es sogar 82 Prozent. Hier sehen wir Handlungsbedarf.
Wo setzen Sie den Hebel an? Fussball ist bestimmt ein wichtiger Treiber, um beim Blick zu bleiben, und hier ist die Übermacht der Männer erdrückend. In der Tat. Aber das ist kein Blick-Phänomen: 40 Prozent der Sportaktivitäten werden von Frauen ausgeübt aber in der Medienberichterstattung ist ihr Anteil vier Prozent. Hier kann der Blick punkten. Er hat bereits eine Fussball-Reporterin eingestellt. Zudem gewinnt gerade der Frauen-Fussball enorm an Bedeutung. Wir erinnern uns, vor zwei Wochen im Wembley- Stadion, England gegen Deutschland, 80’000 Zuschauerinnen und Zuschauer. Es gibt also ein grosses Interesse.

Sind auch neue Publikationen und Portale geplant? Die Idee ist, dass in all unseren Titeln die Redaktionen für das Genderthema sensibilisiert sind und überlegen, wie sie das Thema umsetzen wollen. Es soll nicht EqualVoice draufstehen, sondern es soll EqualVoice drin sein und gelebt werden.

Sie haben in Deutschland, Los Angeles und Buenos Aires studiert, leben in der Schweiz und verantworten die Geschäfte von Ringier in Rumänien. Wo steht die Schweiz mit den 23 Prozent Frauenanteil in der Medienberichterstattung? Die genauen Zahlen für diese Länder und Städte kann ich Ihnen nicht liefern. Was ich aber sagen kann ist folgendes: Ich war erstaunt über die Rollenmodelle in diesen Ländern. Und genau darum geht es uns bei EqualVoice: Das Sichtbarmachen von Rollenmodellen. Nehmen Sie beispielsweise Südamerika. Dort ist der Stellenwert der Frau in der beruflichen Welt überraschend hoch. Die Rollenmodelle von starken Frauen, die ich in dieser Zeit kennenlernen durfte, haben mich sicher geprägt.

Die Schweizer Illustrierte als Equal-Voice-Mustermädchen. Erstaunlich der sehr tiefe Anteil beim Gault&Millau.
© Ringier AG
Die Schweizer Illustrierte als Equal-Voice-Mustermädchen. Erstaunlich der sehr tiefe Anteil beim Gault&Millau.
Das Advisory-Board von EqualVoice ist sehr prominent besetzt. Uns war wichtig, dass das Advisory Board von EqualVoice mit Persönlichkeiten aus unterschiedlichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereichen besetzen, die uns helfen, über ihre Netzwerke, die Botschaft von EqualVoice nach dem Motto «Walk The Talk» zu verbreiten. Ebenfalls wichtig war die Frage, ob sich die Advisory Board Mitglieder auch wirklich mit dem Thema auseinandersetzen können und ob sie mit damit identifizieren? Ein Beispiel ist David Allemann, CEO und Mitbegründer der Schweizer Laufschuhmarke «On». Der Frauenanteil in der On-Geschäftsleitung beträgt 46 Prozent. Sehr spannend ist auch die Arbeit von Simona Scarpaleggia, der ehemaligen CEO von IKEA Schweiz. Sie leitet heute bei IKEA die globale Initiative «The Future of our Work», die sich ebenfalls für mehr Sichtbarkeit von Frauen eingesetzt und über das Thema ein Buch geschrieben hat. Last but not least möchte ich Tanja Grandits, die mit dem Titel «Koch des Jahres 2019» ausgezeichnete Sterneköchin nennen, die auf ihren Erfolg angesprochen meinte: «Ich wollte schon immer Chef sein.» Genau solche starken Rollenmodelle brauchen wir.
Dr. Annabella Brassel ist Finanzchefin der Ringier AG und Initiantin von EqualVoice
© Beat Hürlimann
Dr. Annabella Brassel ist Finanzchefin der Ringier AG und Initiantin von EqualVoice
Gibt es Pläne für eine internationale Vernetzung? Die BBC hat "The 50:50 Project" mit dem Ziel ins Leben gerufen, die Berichterstattung über Frauen bei BBC-Inhalten mit Hilfe einer Quote zu erhöhen. Wir werden uns im Januar hierüber austauschen. Die internationale Vernetzung ist sehr wichtig für uns. Es gibt Anfragen und wir schauen, wer hinter welchem Programm steht.

Digitalswitzerland wurde wie EqualVoice von Ringier lanciert respektive von Ihrem CEO Marc Walder. Soll EqualVoice einen ähnlichen Status erlangen? Digitalswitzerland ist eine Organisation mit über 170 Mitgliedern. EqualVoice will keine Organisation sein. EqualVoice will die Redaktionen sensibilisieren, ihre Berichte und Geschichten in einer ausgewogenen Art und Weise erzählen und dabei unterschiedliche Perspektive einzunehmen. Wir sind davon überzeugt, dass es neben den vielen Experten, mindestens genauso viele weibliche Expertinnen gibt.

Welche Massnahmen müssen wir uns vorstellen? Zunächst einmal geht es darum, dass wir bei unseren verschiedenen Titeln in der Schweiz genau messen, wie viele Artikel von Männern, wie viele von Frauen. Danach legen die Redaktionen individuelle Roadmaps vor, wie man Frauen in Zukunft sichtbarer machen kann. In Überlegung ist ebenfalls, dass wir EqualVoice auch bei unseren zahlreichen Events anwenden werden. Diskussionspanel sollten idealer Weise ausgeglichen besetzt sein. Auch hier müssen Rollenmodelle sichtbarer gemacht werden. Aber auch nach innen, ins Unternehmen gerichtet soll EqualVoice wirken. Hier werden wir zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen Massnahmen lancieren, die von ihnen erarbeitet werden.

Werden die Redaktionen an den Themen «schrauben»? An den Themen soll sich nichts ändern. Jede Redaktion wird aber individuell entscheiden, wie sie bestehende Themen aus neuen Blickwinkeln betrachten und Geschichten entsprechend erzählen kann. Aber auch die Tonalität in der Berichterstattung ist ein Mittel auf dem Weg zum Ziel. Aber letztlich liegt der Ball bei den Redaktionen, wie sie ihr Medium für EqualVoice einsetzen wollen.

Besteht nicht die Gefahr eines regulativen Eingriffs in die Redaktionen. Wir sehen es überhaupt nicht als eine Regulierung der Redaktionen. Die Redaktionen selbst treiben das Projekt. Es liegt in ihrer Verantwortung. Themenwahl und Tonalität sind ihre Sache.

Gemessen wird die Berichterstattung mit dem Body-Score, der Texte analysiert. Besteht jetzt nicht die Gefahr, dass die Anpassung auf dem Rücken der Männer ausgetragen wird? Oder anderen Themen? Zuerst ist die Frage, wie man Benachteiligung definieren möchte. Mathematisch wird der Anteil Berichterstattung über Männer kleiner sein müssen, weil wir sonst den Frauenanteil in der Berichterstattung nicht nach oben kriegen. Aber als Benachteiligung der Männer würde ich es überhaupt nicht sehen. Wir gehen davon aus, dass das konstruktive Miteinander das Gute an der Initiative ist.

Über EqualVoice
Das Ziel der neuen Initiative der Ringier Gruppe ist die Erhöhung der Sichtbarkeit von Frauen in der Medienberichterstattung. Denn 75 Prozent der Medienberichte handeln von Männern, wie Ringier in einer Pressemitteilung schreibt. Es gibt dafür auch bereits einen Fachbegriff: «Gender Content Gap». Deshalb hat das Unternehmen am 25.11. die Initiative EqualVoice lanciert. Verleger Michael Ringier und CEO Marc Walder präsidieren das Projekt, das von CFO Annabella Bassler initiiert wurde. Das Advisory Board besteht aus: Simona Scarpaleggia (Head of «The Future of our Work» Global Initiative INGKA Group (IKEA)), David Allemann (CEO und Co-Gründer On), Nicole Burth (CEO Adecco Switzerland), Ingrid Deltenre (Medienmanagerin und Verwaltungsrätin), Christiane zu Salm (Medienunternehmerin und Advisor) und Franziska Tschudi Sauber (CEO Weidmann Holding AG), Tanja Grandits (Sterneköchin und ausgezeichnet als "Koch des Jahres 2019") sowie Carolina Müller-Möhl (Präsidentin der Müller-Möhl Foundation).
Über Annabella Brassler
Annabella Bassler (*1977) ist seit Juni 2012 CFO der Ringier AG. 2007 startete sie bei Ringier und durchlief verschiedene Stationen im Finanzbereich. Zusätzlich verantwortet Bassler seit Mitte 2014 die Aktivitäten von Ringier in Rumänien. Sie ist u.a. Mitglied des Verwaltungsrates der Ticketcorner AG und der Ringier Digital Ventures AG sowie im Vorstand des Kinderhilfswerk Plan International Schweiz. Sie absolvierte ihr Wirtschaftsstudium an der European Business School in Oestrich-Winkel, Buenos Aires und Los Angeles mit anschliessendem Doktorat. Nach Praxiserfahrung im Consulting arbeitete Annabella Bassler von 2004 bis 2007 in verschiedenen Positionen in den Finanzbereichen bei Hamburg Süd, der Reederei der Oetker Gruppe, in Hamburg.
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