"Die Post von morgen"

«Die Leute brauchen neue Gründe, um in eine Postfiliale zu kommen»

   Artikel anhören
Links Verwaltungsratspräsident Urs Schwaller, rechts CEO Roberto Cirillo
© Die Post
Links Verwaltungsratspräsident Urs Schwaller, rechts CEO Roberto Cirillo
Die Post ist ein wichtiger und verlässlicher Partner für die Medien-, Marketing- und Werbebranche. Nun gibt der „Gelbe Riese“ mit seinen über 62’000 Mitarbeitenden aus 142 Nationen und 100 Berufen mitten in der Corona-Krise seine neue Strategie "Die Post von morgen" bekannt. Was soll anders werden?
Die Ausgangslage ist alles andere als einfach für die Post. Sie soll als Unternehmen profitabel wirtschaften und gleichzeitig als Staatsbetrieb Leistungen erbringen, die kleine oder gar keine Margen einbringen. Konkret: Im einstigen Stammgeschäft, der Briefpost, schmelzen die Volumen und Umsätze weg. Zudem sind auch die Poststellen defizitär und Postfinance hat sich wegen tiefer Zinsen und Einschränkungen vom Musterknaben zum Sorgenkind gewandelt. Das Paketgeschäft, das jetzt im Zuge der Corona-Krise förmlich explodiert ist, kann die Verluste anderer Sparten nicht kompensieren. Nun soll der "Gelbe Riese" unter der Führung von Roberto Cirillo mit einer neuen Strategie umgebaut werden. Wir haben Eckpfeiler der Strategie aus verschiedenen Quellen zusammengetragen und festgestellt, dass vieles gedanklich noch in den Anfängen steckt.


Über den Zeitrahmen der Strategie: Man werde die Stossrichtung in den nächsten Monaten noch ausarbeiten. Bei den Kunden kämen die Neuerungen ab nächstem Jahr laufend an.

Über Strategie-Berater: Für die Entwicklung der neuen Strategie hat die Post externe Berater engagiert. Etwa im Bezug auf die letzte Meile McKinsey, wo Cirillo vor seiner Berufung zum Post-Chef Karriere gemacht hatte. Für die übergeordnete Konzernstrategie hat man sich von Bain & Company beraten lassen.


Über den Ausbau der letzten Meile: Konkrete neue Dienstleistungen bei den Kunden zu Hause würden nun geprüft. In einigen Regionen würden beispielsweise die Mitarbeitenden die Stromzähler ablesen, das sei eine Dienstleistung, die man ausbauen könnte, sagt Roberto Cirillo im BaZ-Interview und ergänzt: "Wichtig ist, dass die Bevölkerung mehr Dienstleistungen über die Post abwickeln kann."

Über den Stopp des Filialnetzabbaus: Das ist eine gute Nachricht. Man habe die Entscheidung getroffen, den Filialnetzabbau zu stoppen, weil man überzeugt sei, dass die Leute in diesem Land Beratung von Mensch zu Mensch wollten. Von der letzten Abbauwelle stünden noch Verhandlungen bei rund 180 Filialen aus, diese würden jetzt noch zu Ende geführt. Danach werde man aber das Netz auf rund 800 eigenbetriebenen Poststellen stabilisiert, schreibt die Post in ihrer offiziellen Mitteilung.

Über das Partnernonzept in den Filialen: Im Visier habe man Partner, die, wie die Post, überzeugt davon sind, dass das Mensch zu Mensch Modell auch ein Zukunftsmodell ist, die aber, anders wie die Post, über kein Netzt verfügten. Mit ihnen suche man das Gespräch, jetzt, nachdem die Strategie vom Bund abgesegnet worden sei. Die Partner, für die das Netz geöffnet würde, profitierten damit von der Serviceleistung der Post und der Möglichkeit, über das Post-Filialnetz ihren Kunden im digitalen Zeitalter einen physischen Kontakt zu bieten. Denkbar sei zum Beispiel, dass Versicherer ihre Angebote in einem «Shop-in-Shop»-Prinzip in den Poststellen anbieten können. Der Bereich PostNetz, also die Einheit, welche die Postfilialen betreibt, werde neu als rechtlich eigenständige AG geführt. Dies, um sie für "Drittpartner" zu öffnen, schreibt die Post. Verwaltungsratspräsident Urs Schwaller betont allerdings, dass diese AG zu 100 Prozent in der Hand der Post bleibe. Roberto Cirillo das Ziel der Massnahme auf den Punkt gebracht: "Die Leute brauchen neue Gründe, in eine Post zu kommen."

Über Angebots-Kannibalisierung von letzer Meile und Filialen: Auf die Frage, ob der Ausbau der letzten Meile die Filialen nicht konkurrieren würden? Das ist kein Widerspruch. Es gibt Dienstleistungen, die man tatsächlich zu Hause anbieten könne, andere nicht. Weil sie etwa mehr Zeit in Anspruch nehmen würden. Es sind also zwei unterschiedliche Dinge, die man in den Filialen oder zu Hause anbieten wolle.
„Wir tätigen Investitionen, die für alle Unternehmen der Welt neu sind, um etwa das Briefgeheimnis digital zu machen.“
Robert Cirillo, CEO Die Post
Über die neue Sparte „Kommunikations-Services“. Cirillo: "Wir tätigen Investitionen, die für alle Unternehmen der Welt neu sind, um etwa das Briefgeheimnis digital zu machen." Es gäbe aber nicht so viele Angebote aus der Schweiz in diesem Bereich. Weil es komplexer sei, als einfach eine Nachricht über Social Media zu verschicken. Zu den Services gehörten auch E-Health-Dienstleistungen – also zum Beispiel die sichere Kommunikation im Gesundheitswesen – oder digitale Lösungen für Gemeinden, die in den Kontakt mit ihren Einwohnern treten wollen – oder umgekehrt. Aber klar, so Cirillo weiter: "Für die ersten vier Jahre wird die Division finanziert werden müssen. Erst ab 2025 wird sie selbst finanzierbar sein.“

Über den neuen Bereich Logistik-Services: Künftig würden die beiden Bereiche Brief- und Paketpost zusammengefasst. Gerade bei der Zustellung beim Kunden gäbe es Überschneidungen der Bereiche, wo Synergien genutzt werden können. Wie dies am Ende genau aussieht für die Kundinnen und Kunden ist noch offen. „Die Menschen in der Schweiz wollen verstärkt sofort, überall und umweltfreundlich bedient werden – am liebsten direkt an der Haustür», schreibt die Post. Die Post will ihre Pöstlerinnen und Pöstler nicht nur zum Verteilen von Post einsetzen, sondern auch verstärkt direkt in den Kundenkontakt schicken.
„Die Post hört nicht in Chiasso oder Genf auf.“
Urs Schwaller, Verwaltungsratspräsident der Schweizerischen Post
Über Exportpläne: Im Bereich Logistik sei der Fokus nicht nur auf das Inland gelegt, sondern dieser Bereich solle auch international wachsen. Man wolle in einem Radius von 400 bis 500 Kilometer im Ausland bei der Verarbeitung der Warenströme teilhaben, sagt Verwaltungsratspräsident Urs Schwaller an einer Pressekonferenz. Denn: «Die Post hört nicht in Chiasso oder Genf auf», sagt Schwaller.“

Über die Finanzierung: Die Finanzierung des Wachstums bezahle man aus den eigenen Reserven, die man in den letzten Jahren erwirtschaftet habe, aus dem laufenden Geschäft und aus dem Verkauf von Immobilien. Natürlich müsse man auch die Preise der Dienstleistungen anschauen. Diese müssen wettbewerbsfähig sein. Aber die Preise müssten nicht spezifisch wegen der neuen Strategie angepasst werden, gemeint ist nach oben, versichert Cirillo weiter.

Über die Liquidität: Die Post habe in der Bilanz mehrere Hundert Millionen, die man verwenden könne. Dazu kämen Erträge aus dem Immobilienverkauf in ähnlicher Höhe und der Cashflow aus dem laufenden Geschäft, den man reinvestieren könne. Das ginge, weil man nur 50 statt 200 Millionen Franken im Jahr an Dividenden dem Bund abliefern müsse. Das mache 600 Millionen frei über die nächsten vier Jahre, so Cirillo.

Über Arbeitsplätze: Die Post versichert in ihrer Mitteilung, dass die Arbeitsplätze in der Produktion und in der Fläche gesichert seien, "auch wenn es zu Änderungen bei den Prozessen in der Sortierung und Zustellung kommt". Anders sieht es beim Kader aus. Dort könnten sich Aufgaben und Funktionen ändern, schreibt die Post. Die Post verspricht: Die neue Strategie ziele auf Wachstum ab, nicht auf eine Jobreduktion.

Über die Sorgenfalten der Gewerkschaften: Die Gewerkschaft Syndicom will mitreden beim Umbau. "Der Einbezug der Angestellten ist sicherzustellen – die Arbeitsbedingungen der Angestellten sind nicht verhandelbar", schreibt sie in einer Mitteilung. Man sehe zwar das Potenzial des geplanten Umbaus der Brief- und Paketpost, sei aber auch besorgt: «Versprechen werden nicht ausreichen», lässt sich der zuständige Sektorleiter Matteo Antonini in einer Mitteilung zitieren.

Über Garantien für die Zukunft: Kein Mensch könne eine Garantie geben über die Welt in 10 Jahren. Was man aber garantieren könne, so Cirillo: "Bis 2024 werden wir alles tun, damit die neue Strategie bei den Filialen ins Laufen kommt und dass sich das Netz bei 800 stabilisiert."
Bitte loggen Sie sich hier ein, damit Sie Artikel kommentieren können. Oder registrieren Sie sich kostenlos für H+.
stats