Daten-Transparenz

Ein Fachevent zeigt Schritte auf – allerdings nur kleine

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Sandor Laczko, Managing Director von Adello, begrüsste die Gäste zum Fachevent „Daten-Transparenz – Lokale Daten als Chance“
Markus Knöpfli, © knö
Sandor Laczko, Managing Director von Adello, begrüsste die Gäste zum Fachevent „Daten-Transparenz – Lokale Daten als Chance“
40 Personen kamen zu einem Fachevent zusammen, zudem die KI-Firma Adello am 31. Oktober geladen hatte. Beim Anlass mit dem Titel „Daten-Transparenz – Lokale Daten als Chance“ standen einmal mehr Google & Co ein Stück weit am Pranger – ihre Daten und Algorithmen seien intransparent. Gleichzeitig wurde von mehreren Referenten suggeriert, dass (ihre) lokalen Daten transparenter sind. Doch den Beweis dazu blieben sie schuldig.

Zwei Wochen nach dem Start der Login-Allianz der grossen Schweizer Medienhäuser Ringier, Tamedia, CH Media, Ringier, NZZ und SRG, wähnen diese sich gut unterwegs. „Wir  sind sehr zufrieden, wir haben mehrere 10.000 neue Registrierungen, und der Traffic blieb stabil“, sagte Patrick Rademacher, Senior Manager Strategy bei Ringier, am letzten Donnerstag.



Auch Thomas Gresch, Group CTO von Tamedia, sprach von „mehreren 10.000 Registrierungen“, und er fügte noch hinzu, dass sich die Registrierungsrate seit dem Start vor zwei Wochen „mehr als verfünfacht hat gegenüber vorher“. „Das hat uns überrascht und uns Vertrauen gegeben für den nächsten Schritt“, ergänzte er.
Patrick Rademacher
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Patrick Rademacher
Die beiden Manager zogen diese Zwischenbilanz vor rund 40 geladenen Gästen an einer Veranstaltung des KI-Unternehmens Adello zum Thema „Daten-Transparenz – Lokale Daten als Chance“. Dabei ging es unter anderem um die Frage, welche Möglichkeiten es denn gibt, um nicht immer nur mit den intransparenten Daten von Google & Co (teilweise) arbeiten zu müssen.
Hauptsächlich ein kommunikativer Paukenschlag

Thomas Gresch und Partick Rademacher sagten klar, dass der Login-Auftakt vor zwei Wochen noch keineswegs der Startschuss zu einer effektiven Login-Allianz war, sondern „bloss“ ein erster orchestrierter Aufruf, eine erste gemeinsame Kommunikationsanstrengung. Denn jedes beteiligte Medienhaus nutzt weiterhin sein eigenes Login – im Hintergrund findet derzeit noch kein Datenaustausch statt. Beeindruckend ist: Um sich auf diesen gemeinsamen Aufruf zu einigen, benötigten die beteiligten Medienhäuser bereits ein ganzes Jahr !

Wobei man fairerweise zweierlei sagen muss: Mit der gebührenfinanzierten SRG war ein Partner im Boot, der die neugewonnenen Login-Daten nicht zum Generieren von Online-Werbung nutzen darf, sondern allein für die Produkt- oder Serviceverbesserung. Man musste sich deshalb in der Kommunikation genau auf diesen Aspekt einigen und beschränken. Zudem gab es im Hintergrund durchaus gewisse technische Vereinheitlichungen: Tamedia beispielsweise musste seine rigide PayWall etwas aufweichen, weil man sich darauf einigte, den Nutzern der 20 beteiligten Deutschschweizer Pressetitel eine minime Menge von AboPlus-Artikeln pro Woche freizugeben. Ziel sei es, dass sich dereinst alle Nutzer der beteiligten Titel registrieren, man rechne aber nicht damit, jemals 100 Prozent dafür gewinnen zu können, sagte Gresch.

Der zweite Schritt, für den Gresch nun Vertrauen gewonnen hat, wird erst in einem Jahr erfolgen: Dann soll die eigentlich geplante SSO-Plattform (Single Sign On) aufgeschaltet werden. Sie macht dann nur noch ein einmaliges Login bei einem der beteiligten Titel nötig – weil dann im Hintergrund die Login-Daten – und nur die! – unter den Medienhäusern ausgetauscht werden. Alle andern Daten werde man nicht miteinander teilen, versprach Rademacher. “Wir betreiben keine Data-Sharing-Plattform.“
Thomas Gresch
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Thomas Gresch
„Inhalte personalisieren, damit die Relevanz der Angebote erhöhen und so das Engagement der Nutzer stärken“ – mit diesen Worten umschrieb Rademacher das Ziel der Login-Plattform. Und weiter: „Wenn wir das schaffen, können wir dank der Daten bessere Produkte erstellen, wodurch sich die Nutzung erhöht und wir noch mehr Daten gewinnen. Damit können wir dann unser Angebot weiter verbessern. Dieses generiert dann mehr Werbung, was es uns letztlich ermöglicht, das Geld wieder in unsere Plattformen zu investieren.“
Nele Dageförde
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Nele Dageförde
Am Adello-Anlass zeigte Nele Dageförde, Head of Product von GeoCTRL in Kiel (D), einen weiteren Ansatz zur Gewinnung lokaler Daten auf: Ihre Firma stellt etwa an Veranstaltungen auf bestimmten Plätzen oder in Räumen Sensoren auf, die die Anzahl Besucher oder Passanten zählen – aufgrund der eingeschalteten Handys. Voraussetzung dazu ist, das die Smartphones WiFi oder Bluetooth aktiviert haben. Der Vorteil dieses Vorgehens: Insbesondere in Räumen (z.B. an Messen) seien diese Zahlen präziser als jene von Google, da Google GPS nutzt, das in überdachten Räumen wenig tauge, sagte Dageförde.
Jan Morlock
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Jan Morlock
Jan Morlock von Adello stellte ferner ein Verfahren vor, mit dem sich die teils widersprüchlichen Angaben von Apps zum Geschlecht ihrer Nutzer/innen „bereinigen“ lassen. Bei diesme Vorgehen kommt – wenig erstaunlich bei Adello – auch Künstliche Intelligenz zu Einsatz. Damit lasse sich die „Trefferquote“ merklich erhöhen – von ursprünglich 5 Prozent auf 73 Prozent, sagte Morlock.
Roland Ehrler in einer Videobotschaft.
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Roland Ehrler in einer Videobotschaft.
Am Adello-Anlass kamen auch noch Roland Ehrler, Direktor des Schweizer Werbeauftraggeber-Verbandes (SWA), sowie Roger Baur, Geschäftsführer der IAB Switzerland zu Wort. Ehrler legte vor allem die Global Media Charter der World Federation of Advertisers (WFA) dar und forderte eindringlich mehr Daten-Transparenz („sonst wollen Geld zurück oder Kompensation“). Ferner verwies er auf diverse Transparenz-Initiativen, die SWA und IAB gemeinsam an die Hand genommen haben. Etwa den Digital Agency Transparency Survey – eine Umfrage bei Agenturen, wie sie Ad Fraud vermeiden und messen. Dazu stehen die Resultate aber noch aus, der Survey wird derzeit ausgewertet.
Roger Baur
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Roger Baur
Roger Baur nannte zwei weitere Initiativen in der Branche. Etwa dass ab 2020 die Publisher in ihren MediaDaten die durchschnittliche Sichtbarkeit ihrer Online-Werbeplatzierungen angeben sollten. Diverse grössere Anbieter wie Ringier, Axel Springer, Tamedia, NZZ oder Goldbach hätten zum Mitmachen gewonnen werden können, sagte Baur. Zudem würden Verlage und Vermarkter dazu angehalten, ihre Sites mit dem Script Ads.txt zu versehen, was den Datenschutz für die Nutzer verbessern sollte.


Zwei Dinge aber machte bei all den Initiativen Nachdenklich: Ihr Wirkungskreis ist nur sehr punktuell – und gerade die Branchenstandards kommen nur langsam voran und sind doch sehr minimalistisch. Zudem liessen die drei "Google-Alternativen" Login-Allianz, GeoCTRL und Adello offen, wie weit sie sich tatsächlich in die Daten blicken lassen? Sind sie denn per se transparenter als Google & Co? Klar ist: Nur weil es sich um nicht-amerikanische Firmen handelt, sind sie noch nicht wirklich glaubwürdiger. Allein schon die vage Aussage „mehrere 10.000 neue Registrierungen“ zeigt ja, dass beispielsweise die Verlage kaum gewillt sind, sich wirklich in die Datenserver schauen zu lassen. Markus Knöpfli

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