Cyber-Mobbing

Der «Beobachter Prix Courage» 2020 geht an Nadya und Candid Pfister aus Spreitenbach

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Nadya und Candid Pfister haben ihre einzige Tochter Céline (13) im August 2017 durch Suizid verloren
© Christian Schnur
Nadya und Candid Pfister haben ihre einzige Tochter Céline (13) im August 2017 durch Suizid verloren
Nadya und Candid Pfister haben ihre einzige Tochter Céline (13) im August 2017 durch Suizid verloren. Seither kämpfen sie gegen Cybermobbing. Der mit 15’000 Franken dotierte Preis wurde ihnen am Freitagabend während der digitalen Preisverleihung auf Blick TV von Andres Büchi, Chefredaktor Beobachter, überreicht.
Seit drei Jahren kämpfen Nadya und Candid Pfister auf Instagram und Facebook mit dem Hashtag #célinesvoice gegen Cybermobbing. Ihre einzige Tochter Céline war erst 13 Jahre alt, als sie nach tagelangem Mobbing über die App «Snapchat» im August 2017 Suizid beging. Die zwei Jugendlichen, die Pfisters Tochter mit einem Intimbild mobbten, traf ein mildes Urteil: sie kamen mit wenigen Tagen gemeinnütziger Arbeit davon. Deshalb setzt sich das Ehepaar Pfister seitdem dafür ein, dass digitales Mobbing in Zukunft strafrechtlich verfolgt wird. «Wenn auch nur ein Kind weniger versucht, Suizid zu begehen, haben wir unendlich viel erreicht», erklärt Nadya Pfister. Dank des Engagements der Pfisters hat SP-Nationalrätin Gabriela Suter mittlerweile eine parlamentarische Initiative eingereicht.


Die Wahl des «Beobachter Prix Courage» erfolgte durch das Publikum via Online-Voting und durch die sechsköpfige Jury. Diese setzt sich wie folgt zusammen: Susanne Hochuli, Jury-Präsidentin, Iluska Grass (Preisträgerin PC 2019), Dr. med. Thomas Ihde (Psychologie-Beratung Beobachter), Michael Räber (Preisträger 2016), Remo Schmid (Preisträger 2017), Natalie Urwyler (Preisträgerin 2018). Die Stimmen des Publikums und jene der Jury werden zu je 50 Prozent gewichtet. Die Jury tagte am 21. Oktober. Sie vergibt ihre Punkte ohne Wissen des Publikumsvotings. Nach dem Voting der Jury und jenem der Leserschaft standen Nadya und Candid Pfister als Gewinner fest.
„Die Jury war sich einig: Das Ehepaar Pfister verdient den Prix Courage 2020! Nadya und Candid Pfister haben ihr Kind verloren. Sie haben das Schlimmste erlebt, was Eltern passieren kann. Und doch haben sie die Energie und die Zivilcourage gefunden, sich auf politischer Ebene dafür einzusetzen, dass sich kein Kind mehr wegen Cybermobbing umbringt. “
Aargauer Regierungsrätin und Jury-Präsidentin Susanne Hochuli

Zum vierten Mal wurde dieses Jahr auch der mit 10’000 Franken dotierte «Beobachter Prix Courage Lifetime Award» verliehen: Die Beobachter-Redaktion zeichnet damit die Hilfsorganisation «Die Dargebotene Hand» für die jahrzehntelange, anonyme Arbeit zugunsten von Menschen in seelischer Not aus.

Interview mit Nadya und Candid Pfister


Von Yves Demuth

 

Herzlichen Glückwunsch zum Prix Courage! Was bedeutet Ihnen der Preis? Nadya Pfister: Die Auszeichnung zeigt für uns, dass wir gehört worden sind mit unserem Engagement gegen Cybermobbing. Dass es gut ist, was wir tun. Und mutig. Candid Pfister: Viele Menschen, ganze Familien, stehen hinter uns. Wir spüren grossen Rückhalt. Junge schreiben mir noch immer auf Instagram und Facebook unter dem Stichwort #célinesvoice. Wir danken allen Unterstützern sehr.

Sie exponieren sich mit dem grössten Leid, das Sie erleben mussten: Dem Selbstmord ihrer einzigen Tochter Céline nach wochenlangem Cybermobbing. Woher nehmen Sie diese Kraft? Nadya Pfister: Von Céline. Sie fehlt mir so sehr, ihre Haut, ihre Haare, ihr Geschmack. Alles an ihr. Sie ist physisch nicht mehr hier, aber seelisch war sie nie weg. Wir haben sie von Anfang an ganz fest gespürt. Mein Glauben hilft mir auch. Und die Freundinnen und Freunde von Céline, die uns nie alleine gelassen haben. Ohne sie hätten wir die Kraft für unser Engagement gegen Cybermobbing nicht. Den Preis verdanken wir auch ihnen und allen Stimmen von #célinesvoice. Candid Pfister: Nichtstun können wir gar nicht. Es ist ja nicht nur Céline, die unter Cybermobbing gelitten hat. Es sind Tausende Junge betroffen. Sie wollen wir besser schützen vor diesem brutalen Instrument.

Was wollen Sie mit Ihrem Engagement erreichen? Nadya Pfister: Im Oktober trafen wir vier Jugendliche, die ihre Abschlussarbeit über Cybermobbing schreiben. Wir sprachen fünf Stunden mit ihnen. Ein Mädchen sagte, dass sie selbst eine Cybermobberin war. Dass sie mitgemacht habe und jetzt zuhören wolle. Uns hat das unglaublich berührt. Das ist sehr gross. Genau das ist unser Ziel: Wir können Cybermobbing nicht aus der Welt schaffen. Aber wir können sensibilisieren, damit das grosse Rudel begreift, was es anstellt. Damit die Jungen dem Mobbing im Chat nicht tatenlos zusehen. Damit sie einen Elternteil oder die Schule informieren, wenn es schlimm wird.

Die schweigende Mehrheit soll bei Cybermobbing mehr Zivilcourage zeigen? Nadya Pfister: Unser Fall soll zeigen, was passieren kann, wenn alle nur zusehen. Céline war eine starke Persönlichkeit. Sie war präsent, hatte eine laute Stimme. Sie war nicht leise und verschupft. Darum meinten alle, sie halte die monatelange Hetze auf Snapchat aus. Candid Pfister: Ihr Leid sah man ihr nicht an. Deshalb war ihr Selbstmord für alle so unvorstellbar.

Unterschätzen Erwachsene das Problem? Candid Pfister: Bis jetzt schon. Das Ausmass von Cybermobbing ist vielen Erwachsenen nicht so bewusst wie den Jungen. Jeder vierte Jugendliche ist mindesten schon einmal online drangekommen. Viele Erwachsene können sich nicht vorstellen, was das bedeutet, da sie die Funktionsweise der Apps nicht begreifen. Nadya Pfister: Gewisse Erwachsene verharmlosen das Problem. Wir zeigen der Öffentlichkeit die dunkelsten und hässlichsten Whatsapp-Nachrichten, die man sich überhaupt vorstellen kann. Wir zeigen allen, was im Handy eines Kindes passieren kann.

Das berührt und schockiert. Hat Célines Selbstmord aufgerüttelt? Candid Pfister: Céline ist der erste öffentlich bekannte Cybermobbing-Fall der Schweiz, der mit Suizid geendet hat. Viele sind nun aufgewacht. Es ist leider so, dass immer erst etwas Schlimmes passieren muss, damit sich etwas bewegt. Nadya Pfister: Viele haben begriffen, dass auf dem Handy ihrer Kinder oder Enkel sehr Gefährliches abgehen kann. Mit dem Handy kann man viel mehr kaputt machen als früher bei Mobbing auf dem Pausenplatz. Die Blossstellung eines Kindes hat online eine riesige Reichweite. Es braucht nur zwei Klicks dazu. #célinesvoice soll erreichen, dass die Politik etwas gegen Cybermobbing unternimmt.

Sie fordern einen Straftatbestand Cybermobbing. Weshalb? Candid Pfister: Cybermobbing ist eine regelmässige und kontinuierliche Folter. Eine psychische Misshandlung einer Kinderseele. Deshalb ist Cybermobbing nicht einfach eine Einzelhandlung wie Nötigung. Nadya Pfister: Zudem muss ich als betroffene Mutter vorsichtig sein. Nötigung ist zwar ein Offizialdelikt. Wenn ich aber eine Strafanzeige mache wegen Beschimpfung, erhalten die Täter die Daten. Mein Kind ist dann geoutet und erledigt. Cybermobbing muss ein Offizialdelikt werden, damit die Staatsanwaltschaft das von Amtes wegen verfolgen muss. Wir sind sehr froh, dass die Aargauer SP-Nationalrätin Gabriela Suter einen Straftatbestand Cybermobbing fordert mit einer parlamentarischen Initiative.

In Lehrerausbildungen ist Célines Selbstmord ein Thema. Was können Schulen machen? Candid Pfister: Einige Schulen haben den Kindern den Fernsehbeitrag der SRF-Sendung Rundschau über Célines Fall gezeigt und anschliessend diskutiert. Diese Sensibilisierung ist wichtig. Cybermobbing soll unter Jugendlichen verpönt sein. Nadya Pfister: Viele Schulen reden das Problem schön. Die Lehrer schauen nicht hin, wohl auch weil sie zu wenig Zeit haben. Sie sollten bei Cybermobbing-Fällen aber immer wieder nachfragen – nicht beim Opfer, sondern bei den vermeintlich Unbeteiligten. Schön wäre, wen Cybermobbing zum Schulstoff wird. Wir wünschen uns, dass wir in Schulklassen eingeladen werden. Bisher haben Schüler immer extrem betroffen auf uns reagiert.

Was machen Sie mit dem Preisgeld von 15 000 Franken? Candid Pfister: Ich bin seit März arbeitslos und Nadya arbeitet 50 Prozent. Das Preisgeld hilft uns dabei, unseren finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. Und hoffentlich reicht’s für einen leistungsstärkeren Laptop, um die Arbeit mit #célinesvoice zu vertiefen
Über den Beobachter
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