Claudia Bolliger-Winkler von Lionstep

"Wer nicht bereit ist, immer wieder neue Dinge zu lernen, hat, so bitter es ist, schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt."

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Lionstep-Gründerin Claudia Bolliger-Winkler
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Lionstep-Gründerin Claudia Bolliger-Winkler
Das Recruiter Start-up Lionstep launcht ein Outplacement-Angebot und hilft damit Stellensuchenden, die etwa auf Grund der aktuellen Krise nicht weiter beschäftigt werden können, einen neuen Job zu finden. Es ist ein neuer Ansatz, der zur Anwendung gelangt. Alle Hintergründe im Gespräch mit Gründerin Claudia Bolliger-Winkler.
Frau Bolliger-Winkler, wie nahe gehen Ihnen Schicksale? Meine Devise ist: Akzeptiere, was du nicht ändern kannst und ändere, was du ändern kannst. Wenn wir mit Lionstep Menschen unterstützen und ihre beruflichen Zukunftsaussichten verbessern können, dann werden wir das auch tun.


Wie erleben Sie persönlich die aktuelle Situation? Natürlich hat Covid-19 gesundheitlich aber auch finanziell vielen Menschen Leid gebracht. Persönlich erlebe ich die aktuelle Situation aber als eine spannende Zeit. Die Geschwindigkeit, mit der die digitale Wirklichkeit in der Gesellschaft Einzug gehalten hat, ist beeindruckend und zeigt, zu was wir Menschen fähig sind. Da wir mit Lionstep in dieser digitalen Welt zu Hause sind, hat die Situation für uns viele Vorteile: neue Kunden, Aufbruchsstimmung und eine eigenartige Euphorie. Wir konnten unser Wachstum der letzten Jahre fortsetzen und unseren Glauben daran, bald einer der grössten Player im Markt zu sein, sogar noch stärken.

Dennoch, es gibt bestimmt auch schwierige Momente. Wir stehen, wie viele andere Menschen, vor grossen Herausforderungen. Unsicherheit und potentiell daraus resultierende Ängste sind omnipräsent und können Menschen aus Ihrem Gleichgewicht bringen. Fast alles wird in Frage gestellt. Zuvor in Stein gemeisselte Gesetze und Rahmenbedingungen verwischen, im Alltag, in Organisationen, eigentlich in jeder gesellschaftlichen Ebene. Um nicht verrückt zu werden, braucht es momentan von allen Seiten viel Geduld in der zwischenmenschlichen Kommunikation.


Sie sind erfolgreiche Start-up-Gründerin. Erzählen Sie uns bitte, wie es dazu kam, eine Geschichte vielleicht? Ich komme aus einer waschechten Gründerfamilie und bin mit einem Weltbild aufgewachsen, in dem "selbständig zu sein" das einzig Wahre ist. Schon als Kind schien mir nichts unmöglich. Bei Projekten in der Schule oder im Studium war ich stets ganz vorne mit dabei. Gründen, also ein Projekt von Stunde Null an durchziehen, erscheint mir heute als etwas ganz Natürliches. Bereits mit meinem Ehemann gründete ich Anteria Ventures, eine Firma, die heute Anteile an diversen Startups hält. Im Zentrum stand und steht für mich dabei immer die eigene Unabhängigkeit. Gründen, also Dinge anzupacken, eigenständig zu handeln und Verantwortung zu übernehmen, steckt in mir. Es gab nie eine andere Option.

Was fasziniert Sie am Recruitment? Menschen sind der wichtigste Bestandteil einer Unternehmung, auf allen Ebenen. Die Rollen innerhalb dieser Unternehmungen verändern sich ständig. Mit ihnen ändern sich auch die Anforderungen an die Organisation und das Sourcing. Der Recruitment-Markt ist einer der grössten und ältesten Märkte der Welt. Obschon sich innerhalb der Organisationen und auf der Welt in den letzten hundert Jahren wahnsinnig viel verändert hat, blieb das Modell des Recruiters mehr oder weniger unverändert. Innovation und der Mut, neue Wege zu gehen, halten erst jetzt richtig Einzug. Es ist unglaublich faszinierend, bei dieser Transformation dabei zu sein und sie aktiv mitzugestalten. Die Rolle von Recruitern wird sich in den kommenden Jahren drastisch verändern und eine Bedeutung annehmen, die vielen Unternehmen heute noch nicht bewusst ist.


Wer sind Ihre wichtigsten Stakeholder? Unsere wichtigsten Stakeholder sind alle Arbeitsmarkt-Teilnehmer, also alle Personen die Arbeiten, ganz egal ob sie auf der Suche nach einer neuen Herausforderung sind oder nicht. Ebenso sind dies alle Unternehmen, die Arbeitnehmer beschäftigen und somit stetig neue Talente einstellen und entlassen. Nicht vergessen dürfen wir den etwas abstrakten, nicht sichtbaren Stakeholder “Zukunft”, denn diesen wollen wir verändern. Idealerweise schaffen wir einen effizienten globalen Arbeitsmarkt auf dem gleiche Rechte herrschen, alle ihr volles Potential ausschöpfen können und ein hoher übergreifender Happiness-Index gemessen werden kann. Die Zukunft sitzt bei uns immer mit am Tisch. 
„Idealerweise schaffen wir einen effizienten globalen Arbeitsmarkt auf dem gleiche Rechte herrschen, alle ihr volles Potential ausschöpfen können und ein hoher übergreifender Happiness-Index gemessen werden kann.“
Claudia Bolliger-Winkler, Gründerin von Lionstep
Warum sollten Unternehmen jetzt, mitten in dieser Krise, mit Ihnen zusammenarbeiten wollen? Gerade in mittleren und kleinen Unternehmen fehlt es oft am Know-How oder der menschlichen Expertise. Lionstep funktioniert anders als konventionelle Recruiting-Unternehmen und Jobboards -  effizienter, transparenter und günstiger. Hinzu kommt ein Service-Portfolio, dass sich an die Nachfrage unserer Kunden anpasst, wie zum Beispiel das Outplacement-Service Offering, welches wir anbieten, wenn Kunden Mitarbeiter entlassen müssen. Wir unterstützen Mitarbeiter dabei gezielt bei der Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt und den Wiedereinstieg in eine neue Stelle. So können Unternehmen sicher sein, dass ihre Mitarbeiter nicht im Stich gelassen zu haben.
Über Claudia Bolliger-Winkler
Aus Zürich in die ganze Welt hinaus: Claudia Bolliger-Winkler ist in Zürich geboren und aufgewachsen, hat dort die Schulen besucht und studiert. Während ihrer Hochschulzeit durchlief sie mehrere berufliche Stationen. Einer Anstellung bei der PR-Agentur Hirzel.Neef.Schmid folgte eine weitere bei Retail Capital Partner und schliesslich die Gründung eines Startups im Bereich massgefertigter Kleidung. Nach ihrem abgeschlossenen Studium "Management & Ökonomie" arbeitete Winkler zwei Jahre im PE-Bereich eines Family Office. Im Anschluss gründete sie das Startup Lionstep.
Wieso die Spezialisierung aufs Outplacement? Um ehrlich zu sein, entstand die Sparte des Outplacements bei uns aufgrund vermehrter Anfragen, die zu Beginn der Pandemie bei uns eingingen. Da wir serviceorientiert arbeiten, auf die Bedürfnisse unserer Kunden bestmöglich eingehen wollen und als Recruiter in der aktuellen Situation auch einen Beitrag leisten wollen, haben wir beschlossen uns dem Outplacement zu widmen. Eine Spezialisierung ist es deshalb nicht, sondern vielmehr ein Angebot von vielen, das aber gerade im Zuge der Corona-Pandemie immer wichtiger für viele Menschen wird. 
„Lionstep funktioniert anders als konventionelle Recruiting-Unternehmen und Jobboards - effizienter, transparenter und günstiger.“
Claudia Bolliger-Winkler, Gründerin von Lionstep
Was motiviert Sie, was treibt Sie an, eine Mission vielleicht? Uns motiviert jeden Tag, unseren Kunden und Talenten den bestmöglichsten Service zu bieten. So, dass alle Stakeholder das Gefühl haben, angekommen zu sein und einen Partner zu haben, der die Zukunft aktiv und zu Ihren Gunsten mitgestaltet. Uns treibt auch an, dass wir zunehmend einen strategisch fundierten Einfluss auf die Personalauswahl unserer Kunden nehmen können. Aufgrund unserer umfangreichen Datenerhebung und -auswertung, können wir Challenges und Potentiale auf dem Arbeitsmarkt erkennen und so unseren Kunden neuartige Informationen an die Hand geben, welche zu besseren und nachhaltigeren Entscheidungen führen. Wir suchen das perfekte Match von Unternehmen und Talent, um beide langfristig aneinander zu binden.
Über Lionstep
Das Lionstep Team
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Lionstep wurde 2016 gegründet mit dem Fokus der Recruiting-Digitalisierung. Nach einigen Monaten der Beratungs-Arbeit für grosse internationale Unternehmen, entwickelte das Kern-Team 2017 ein sehr talent-zentrisches active-sourcing Tool. Ein hoher Digitalisierungsgrad, neueste Data-Analytics Technologien, einfache und transparente Prozesse kombiniert mit globaler Beratungs-Exzellenz sollen neue Recruiting-Standards setzen. Lionstep ist inzwischen davon überzeugt, dass Menschen nicht mehr nach Ihrer Herausforderung suchen müssen, sondern dass diese sie finden wird.
Woran scheitern ältere Arbeitsuchende auf der Stellensuche am häufigsten? Ich würde das nicht zwingend am Alter festmachen wollen. Es ist einfach so, dass die Rollen am Arbeitsmarkt sich im Moment sehr stark verändern, gerade durch die Digitalisierung. Kaum ein Berufsstand ist nicht davon betroffen, selbst bei den Landwirten ist dies mittlerweile ein wichtiges Thema. Neue Berufe kommen dazu, traditionelle Berufe fallen weg. Die Geschwindigkeit dieser Veränderung hat einfach deutlich zugenommen. Wer kein Teil dieser Veränderung sein will, nicht dazu bereit ist, immer wieder neue Dinge zu lernen, hat, so bitter es ist, schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
„Schon im März haben viele Menschen ihre Arbeitsstelle verloren.“
Claudia Bolliger-Winkler, Gründerin von Lionstep
Woraus besteht Ihr Angebot? Unser Anspruch ist es die besten Kandidaten aus den Branchen Tech, Sales, Finance und Marketing mit den besten Unternehmen zusammenzubringen – schnell, günstig und unkompliziert. Die bei Personalvermittlern übliche und sehr kostspielige Vermittlungskommission von rund 25% des Jahresbruttogehaltes entfällt. Stattdessen können bei uns Credits zu je rund 750 Franken flexibel, langfristig und somit auch planbar eingesetzt werden. Fünf bis acht Credits entsprechen einem am Ende eingestellten Kandidaten, je nach dessen Spezifikation. Wir sind eine günstige und dennoch verlässliche, weil datenbasierte, Alternative zum Althergebrachten. Wir bei Lionstep sehen uns als Ergänzung zu klassischen und Erweiterung von neuen Services und Tools.
Lionstep Dashboard "Shadow"
© Lionstep
Lionstep Dashboard "Shadow"
Worin besteht die Einzigartigkeit von Lionstep?Wir haben die Zeichen der Zeit erkannt und den Recruiting-Prozess deutlich verschlankt. Wir wollten das Rad nicht neu erfinden. Vielmehr wollten wir ihm einen neuen Spin geben. HR-Abteilungen hinken der rasch fortschreitenden Digitalisierung hinterher. Wir haben erkannt, dass Digitalisierung das Leben eines Recruiters nicht verkompliziert, sondern deutlich vereinfacht. Deshalb arbeiten wir stets auf der Grundlage von Daten. Diese greifen ihnen unter die Arme, um ihnen repetitive und eintönige Arbeiten abzunehmen, damit sie ihre eigentlichen Stärken und ihr Potential ausschöpfen können. 
„Wir suchen das perfekte Match von Unternehmen und Talent, um beide langfristig aneinander zu binden.“
Claudia Bolliger-Winkler, Gründerin von Lionstep
Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz dabei? KI ist bei uns fundamental wichtig, letztlich jedoch nur ein Teil des grossen Ganzen. Zum einen geht es darum, Entscheidungen mit ihr zu unterstützen. Dank unserer KI können wir, um nur ein Beispiel zu nennen, deutlich schneller herausfinden, ob ein Kandidat bereits bei einem Unternehmen beschäftigt war. Das klingt ja vielleicht simple - so etwas könnte man ja auch manuell googeln, oder? Das stimmt natürlich, aber wir sind im Moment mit über 12’000 Kandidatinnen und Kandidaten pro Monat im Kontakt und da ist manuelles googeln dann doch recht aufwändig. Wir haben ein Ökosystem aufgebaut, in das wir Daten aus Schlüsselprozessen und externen Quellen für die Talentakquise einfliessen lassen. Am Ende entscheidet aber immer der Recruiter.
Bereits am 18. Januar traf HORIZONT Swiss Redaktor Beat Hürlimann anlässlich des Worldwebforum 2020 auf Gründerin Claudia Bolliger-Winkler.
© Fotowand Worldweforum
Bereits am 18. Januar traf HORIZONT Swiss Redaktor Beat Hürlimann anlässlich des Worldwebforum 2020 auf Gründerin Claudia Bolliger-Winkler.
Was ist mit Ihr noch möglich?Möglich ist eine ganze Menge. Die Frage ist, ob es auch sinnvoll ist. Anfangs wollten wir ausschließlich vollautomatisierte Dienste einsetzen. Wir erkannten aber recht schnell, dass dies der Qualität, die wir unseren Kunden bieten wollen, zuwiderläuft. Was fehlte, war der Mensch. Die meisten Personalvermittler entscheiden sich für Mensch oder Maschine. Aus unserer Sicht muss das eine das andere nicht ausschließen. Deshalb konzentrieren wir uns auf die Mensch-Maschine-Kommunikation. Dafür schaffen wir intern ständig neue Produkte und Funktionen, die wiederum Daten und Agilität erfordern. Die daraus resultierenden Anpassungen sollen das Arbeiten erleichtern. Gleich dem realen Arbeitsmarkt, haben wir bei uns eine Umgebung geschaffen, in der stets mit neuen Funktionen zu rechnen ist, die unseren Arbeitsablauf radikal verändern.
„Wer nicht dazu bereit ist, immer wieder neue Dinge zu lernen, hat, so bitter es ist, schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt.“
Claudia Bolliger-Winkler, Gründerin von Lionstep
Können Sie uns Ihren Erfolg mit Zahlen belegen? Zu unseren größten Kunden gehören Adidas, Telefonica und die Schweizer Post. Gerade die “Großen” suchen oft zwanzig oder mehr Stellen. Zwei unserer Kunden lassen jährlich sogar 70 bis 100 Stellen von uns besetzen. Insgesamt konnten wir bislang an die 7.000 Kandidaten vermitteln. Unser Talentpool umfasst aktuell fast 400.000 Talente und  wächst monatlich um etwa 12.000 weitere. Unser Umsatz liegt aktuell im einstelligen Millionenbereich.

Ein abschliessender Gedanke, den Sie mit uns teilen möchten? Auch wenn die Geschehnisse auf der Welt zur Zeit einen anderen Eindruck vermitteln, vernetzt sich die Welt zunehmend. Ich glaube, dass der Weg weg von lokalen und internen Lösungen, hin zu einer globalen Perspektive gehen muss, in der jeder Mensch dazu befähigt wird, dort zu arbeiten wo und bei wem er will. Und dabei sein ganzes Potential entfalten kann.

Xing TalentService
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